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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-08-04 · Heft 31 (4.8.1911) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 31 (4.8.1911)
Date
1911-08-04
Page
Seite 366 (sequence 6)
Language
German
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3:66 ffias Wirken ürs rnglischrn Chirf Agbbis Sr. Herrmsnn Wirr. |I2§ ist gar. nicht lange her, seitdem eine von mir abgefaßte Biographie nebst Bild des vorkurzemhingeschieden'en Chief Rabbis, von, England in diesen Blättern. erschienen rst. Da darin . alleZ Wesentliche im Leben und Tun und Schaffen des,selig Entschlafenen bereits mitgeteilt worden, ist, so wird es wohl überflüssig seineine Wiederholung des bereits gesagten hier folgen zu lassen. .... , Doch erlaube ich mir, hier einige Bemerkungen zu machen, die in der besagten Biographie nicht enthalten waren. i Der selig Entschlafene, der nebenbei bemerkt, ein langjähriger Freund von mir gewesen ist, war eine markayte Persönlichkeit im modernen Judentum, die als einzig in ihrer Art bezeichnet werden kann. Seine geistige und soziale Tätigkeit, sein hoher Sinn für Bildung, Kunst und Wissenschaft, und last not least, seine innige Liebe für seine eigenen zahlreichen Gemeinden sowohl, als auch seine Glaubensgenossen, die auf dem ganzen Erdenrund leben, Haben ihn selbstredend von allen früheren und gegenwärtigen Rabbinern höchst vorteilhaft, ausgezeichnet. Mit einem Worte: Dr. Adler war einbVül — ein Fürst des Geistes in Israel, der keineswegs ersetzt .werden kann. * Obschon Dr. Adler in seinem, in diesen Blättern erschienenen Bilde recht ernst ausgesehen zu haben schien, so war er in Wirklichkeit im persönlichen Umgang meist recht jovial und zuweilen auch voll von köstlichem Witz und Humor. : Eine von seinen amüsanten Erzählungen war folgende. Vor wenigen Jahren traf ich ihn zufälligerweise währHrd des Spätsommers aus einem Schiff, worauf wir beide hennwärts fuhren. Bei dieser Gelegenheit erwähnte er eine kleine lustige Episode, die am Sonnabend zuvor in einem deutsihjüdischen Restaurant, wo er logierte, stattgefunden hatte. ' . „Das Dinner," sagte er, „war daselbst an jenem Täge besonders schmackhaft und allgemein befriedigend, und nach Beendigung desselben waren alle Gäste über die von ihnen - genossenen köstlichen Speisen derart enthusiastisch, daß sie sich alle brüderlich umarmten. Darunter," erzählte er weiter, „war ein großer ' „Epikores" (ein nicht gläubiger Jude), der zur selben Zeit ausrtes: „Ach, Himmel, wie kann man doch eine Religion nicht gehörig achten und liebendie solche herrliche Mahlzeiten ihren Anhängern bieten kann!" Dieser genial und allgemein beliebt gewesene Mann, der in der englischen königlichen Familie stets eine persona grata war, ist leider nicht mehr unter den Lebenden. Die englische Judenheit kann jetzt die traurigen Worte, die der Prophet Jeremias einst.in seinem berühmten Klagelied über den Verlust, welchen die jüdische Nation erlitten, in Anwendung gebracht hat, in PassenderWeise wiederholen, nämlich „Verwaist und vaterlos sind wir, ach, geworden". In den Annalen der modernen jüdischen Geschichte jedoch wird Dr. Herrmann Adler bis in die fernste Zukunft sortleben, und sein Name und sein Andenken werden daselbst stets nach Gebühr gefeiert und verherrlicht werden. London, Ende Juli 1911. Dr. I. Chotzner. Zum Lrrslrmrr Amokrsttstsjubilsum (L August). Von Dr. Carl Pinn. ■'; ' . .II. ■; 3N zweiter Reihe nennen wir hier Ferdinand Cohn:in Breslau, kurzweg der „Pflanzen-Cohn" zum Unterschied von dem weiter unten zu behandelnden „Augen-Cohn" genannt, ein Sohn des ebenfalls in Schlesiens Hauptstadt I während/ der ersten Hälfte-des vorigen Jahrhunderts - so populären „Oel-Cohn". Ferdinand Cohn war ein Gelehrhex von vielseitiger Bildung und /großem Scharfblick, beherrschte auch än/seinen Publikationen die Form der Darstellung in meisterhafter Weise. - Sein - .Hauptarbeitsgebiet blieben die niederen Organismen, besonders . die Bakterien, für welche er die -richtige Untersuchungsmethode erst geschaffen hat. Von ihm datiert eine neue Aera in der wissenschaftlichen Untersuchung dieser winzigen Organismen. Der Meister der Bakteriologie, Robert Koch, fußte in seinen, bahn- | brechenden Untersuchungen auf der ihm durch seinen Lehrer I F. Cohn, als dessen Schüler sich Koch jederzeit dankbar bekannte, gegebenen Grundlage. Als vollendeter Meister der Rede war Cohn auch ein vorzüglicher Interpret seiner Wissenschaft für das gebildete Laienpublikum. Sein Standard-work, „Die Pflanze", legt davon beredtes Zeugnis ab. Die Sprache ist voll edlen Schwunges und dabei doch gemeinverständlich. Ueberhaupt ist F. Cohn in der populären Behandlung wissenschaftlicher Fragen unerreicht geblieben. Nicht, minder erfolgreich war. seine Tätigkeit als akademischer Lehrer. Sein Vortrag war klar und -durchsichtig, von innerer Begeisterung durchwärmt und fesielte eine große Anzahl von Schülern an seine Person. Cohns leutseliges Wesen im persönlichen Verkehr kam hinzu, ihn zu einer allgemein beliebten Persönlichkeit zu machen. Er starb im Alter von 70 Jahren am 25. Juni 1898. Kurz vorher hatte er in der „Zeitung des Judentums" seine Erinnerungen veröffentlicht. Seine dankbare Vaterstadt hat ihm ein von seiner Nichte, einer hochbegabten Bildhauerin, geschaffenes Denkmal errichtet. Jacob Freudenthal, den wir als dritten Breslauer Großen nn Judentum hier anreihen, ebenso wie sein Fakultätskollege Ferdinand Cohn mit der Würde eines Geheimen Regierungsrats bekleidet, war ein hervorragender Kenner der älteren ' und neueren Philosophie und bedeutender Förderer ihres Verständnisses, Er stammte im. Gegensatz zu den meisten anderen Breslauer jüdischen Dozenten nicht aus dem Osten der Monarchie. Zu Bodenfelde imHannoverschen war er geboren. Das Fraenkelsche Rabbinerseminar, damals das einzige seiner Art in Deutschland, führte ihn nach Breslau. Hier studierte er seit 1858 zuerst Theologie, dann im Anschluß hieran an der Universität klassische Philologie, Geschichte und Philosophie. Nachdem er seine Studien aus der damaligen Landesuniversität Göttin gen unter Sauppe, Ritter und Lotze — mit letzterem, dem genialen Pfadfinder auf dem Gebiet der Psychologie, verband ihn bis zu dessen Tod (1881) innige Freundschaft — fortgesetzt und durch das Examen pro facultate docendi zum Abschluß gebracht hatte, folgte er in demselben Jahr 1866, wo seine Heimatsprovinz preußisch wurde, einem Ruf als Lehrer für klassische Philologie und Religionsphilosophie an ebendasselbe Breslauer Rabbinerseminar, dessen Schüler er noch einige Jahre vorher gewesen war. 1875 habilitierte er sich für Philosophie an der Breslauer Universität, wurde drei \ Jahre später zum außerordentlichen und 1888 zum ordentj lichen Professor ernannt. Seine Bedeutung gründet-sich auf eine Reihe sehr tüchtiger, von großem kritischen Schaffen und umfassender philologischer und philosophischer Gelehrsamkeit zeugender Arbeiten zur-Geschichte der antiken und neueren Philosophie, von denen hier nur einige der wichtigsten kurz erwähnt werden können. Besonders geschätzt sind unter seinen Fachgenossen seine „Studien über den Hellenismus". Der alte Zeller schätzte ihn sehr hoch und nahm in seiner „Philosophie der"Griechen" des öfteren in anerkennender Weise aus ihn Bezug. Von seinen Arbeiten, zur Geschichte der.neueren . Philosophie -ist vor allem -feiner umfangreichen und .-tief-

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