Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
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364 C. Der Ausschuß beruft zur Teilnahme an den Hauptversammlungen mit Sitz und Stimme in denselben eine Anzahl Einzelpersonen unter möglichster Berücksichtigung der Wünsche der Verbände (§ 4A und B) und sonstiger jüdischer Organisationen. Die Zahl dieser-Einzelpersonen darf nicht größer sein als der vierte Teil der nach § 4A und B zu berufenden Vertreter. Mehrere für eine Körperschaft berufene Vertreter können ihre Stimmen durch einen von ihnen führen lassen. Für die Hauptversammlung ist das Gebiet des Deutschen Reichs, soweit für die Vertretung Gemeinden zu einem Bezirk vereinigt werden müssen, in Wahlbezirke eingeteilt, und zwar nach den Vorschlägen der lokalen oder provinzialen Organisationen selbst, wo solche zu erhalten waren. r Die bedeutendste Gemeinde jedes dieser Bezirke teilt dem Ausschuß des Verbandes den Namen des von ihr unter Zuziehung aller übrigen Gemeinden des Bezirks aufgestellten Bezirksvertreters mit. Diese Bezirke ergeben zusammen mit den Gemeinden, die allein einen oder mehrere Vertreter bezeichnen, 259 Wahlstellen, die 419 Vertreter zur Hauptversammlung entsenden. Auf die Auswahl dieser Vertreter übt der Verband selbst, der sie nach der Satzung zur Hauptversammlung „beruft", keinen Einfluß. ' Dazu kommen die nach 4 B von den Verbänden entsandten insgesamt 57 Vertreter, deren Auswahl auch ohne Einfluß des Verbandes geschieht. V Das sind zusammen 476 Vertreter, die von den auf Landesgesetz beruhenden oder freiwilligen Organisationen der deutschen Judenheit, soweit sie nicht lediglich religiöse Zwecke verfolgen, entsandt werden. Dazu kann der Ausschuß des Verbandes selbst satzungsmäßig (§ 4 III 6) nicht mehr als 114 bis 119 Delegierte berufen,, bei deren Auswahl wiederum die Vorschläge der anderen Organisationen, berücksichtigt werden. Dies Recht, das dem Ausschuß beigelegt worden ist. soll auch nur ermöglichen, daß aus allen Teilen des Reichs mehr von ihrer Organisation als besonders geeignet angesehene Vertreter an der Hauptversammlung teilnehmen können,, als? es bei bloßer Berücksichtigung der Mitgliederzahl der Gemeinden möglich wäre, und anderseits, daß auch solche hervorragenden deutschen Juden zu dieser Tagung der Gesamtheit berufen werden können, die nicht gerade der offiziellen Vertretung ihrer Gemeinde oder einer sonstigen Organisation angehören. J Die Zusammensetzung der Hauptversammlung ist somit, wenn auch das Wort „Wahlrecht" in der Satzung des Verbandes nicht vorkommt, im wesentlichen demokratisch (inwieweit es die Art der Wahl der einzelnen Vertreter nach § 4 A und B ist, hängt von der Verfassung der betr. wählenden Organisation ab), und es ist ganz unrichtig, daß sie „der Initiative der Hauptversammlung selbst , keinen Spielraum gewähre". Eine Versammlung, deren Mitglieder sämtlich, mindestens aber in einer Mehrheit von drei Vierteln ohne jeden Zusammenhang mit der Leitung des Verbandes stehen, kann sicherlich ihren Willen wohl bekunden und durchsetzen! Dies entspricht denn auch in vollem Maße dem Wunsche des Ausschusses des Verbandes, und es zeugt lediglich von der erfreulichen Uebereinstimmung der Auffassungen der bisher abgehaltenen Hauptversammlungen und der Verbandsleitung, wenn die Versammlungen stets in vollster Harmonie verlaufen sind. Möge dies den deutschen Juden stets erhalten bleiben! Hermann Senator. Von Sanitätsrat Dr. Scherbe! in Lissa i. P. in Großer im Reiche des Geistes ist mit Hermann Senator dahingegangen, ein Mann, der die Wissenschaft um ihrer selbst willen liebte, der ihr mit Ernst und unermüdlichem Eifer diente und bis in seine letzten Lebenstage hinein bestrebt war, die Früchte seiner tiefgehenden Untersuchungen und Forschungen wie lauteres Gold zum Nutzen der leidenden Menschheit ümzumünzen und in. Wort und Schrift zur Kenntnis der medizinischen Welt und der Allgemeinheit zu bringen. In dieser Beziehung reiht er sich würdig seinem großen Vorgänger und Meister Traube an. Als klinischer Lehr er war er nnübertresslich, und wir kennen nur einen, den wir ihm würdig an die Seite setzen mochten, den unvergeßlichen Frerichs. . Senator hat den alten Ruf jüdischer Aerzte als streng sachlicher und gewissenhafter Beobachter der Erscheinungen, als kritischer Denker und Forscher, als fleißiger, selbstloser Arbeiter in den tiefen Schachten der Heilkunde bewährt. (Vergleiche mein Buch „Jüdische Aerzte", das neben einer Würdigung Senators als Arzt und Jude auch sein Bild bringt.) Wie sehr er bemüht war, nicht nur die Erkennung der Krankheiten zu fördern, sondern vor allem auch dem ärztlichen Heilbestreben Rechnung zu tragen, zeigt fein berühmtes klassisches Werk über Nierenkrankheiten und über Eiweißausscheidung. zeigen aber auch seine für die medizinische Wissenschaft und die ärztliche Praxis so ungemein wertvollen Fieberuntersuchungen. Es gibt aber wohl kaum ein Feld auf dem weiten Gebiete der Wissenschaft, das von ihm nicht mit der ihm eigenen Gründlichkeit bearbeitet und weiter ausgebaut worden ist- Und es ist merkwürdig, daß gerade die Krankheiten, die man mit mehr oder minder großem Recht als den Juden eigentümlich zu bezeichnen pflegt (die Nervenleiden, die Zuckerkrankheit) eine besondere Anziehungskraft für seine Studien auf ihn auszuüben schienen. Man könnte von ihm sagen, daß nicht nur nichts Menschliches, sondern auch nichts Jüdisches ihm fremd war. Als ich seinerzeit mit der zweiten Auflage meines Buches „Ueber Ehen zwischen Blutsverwandten" beschäftigt war, schrieb er mir, daß dieses Problem nicht nur in seiner allgemein menschlichen, medizinischen und sozialen Bedeutung, sondern auch besonders vom jüdischen Standpunkte von hervorragendem Interesse für ihn fei, und er sandte mir einen wertvollen Beitrag für meine Arbeit. I* Um so schmerzlicher hatte es ihn berührt, daß ihm der r klinische Lehrstuhl an der Berliner Universität, auf den er I vollen Anspruch erheben durfte, versagt blieb, weil er das | Opfer seiner religiösen Ueberzeugung nicht bringen wollte, A wenn er auch im Jahre 1899 zum ordentlichen Honorarf Professor an der Berliner Universität ernannt worden war. Dafür wurde er der Begründer und Leiter der dritten medi- Ij zinischen Klinik der Königlichen Charitee zu Berlin, und diese hat sich als Stätte wissenschaftlicher Arbeiten einen besonders hohen Ruf erworben. Ein großer Teil der deutschen und ausländischen Aerzte, die zu ihrer Ausbildung und Vervollkommnung in Berlin studierten, waren Schüler von Senator. Eine stolze Reihe dieser Schar von Schülern sind Professoren geworden, die nicht nur die Lehren ihres. Altmeisters fortsetzen, sondern sich auch selbst durch hervorragende Leistungen auf dem Gebiete der klinischen Medizin verdient gemacht haben. Wer persönlich einmal das Glück hatte, ihm näher zu treten, wird niemals diesen ruhigen, väterlich-gutmütigen und in allen seinen Handlungen bestimmt auftretenden Charakter vergessen, der sich außerdem noch durch eine seltene Bescheidenheit und — zumal im konsultativen Verkehr mit seinen ärztlichen Kollegen — durch eine außerordentliche Liebenswürdigkeit auszeichnete. Er war ein wohlwollender, gutherziger Mensch und ein stets hilfsbereiter Arzt. In seinem Sprechzimmer konnte man die verschiedensten Sprachen aus dem Munde seiner zahlreichen Patienten vernehmen, die aus aller Welt Gegenden zusammenströmten, um bei dem großen Arzt Hilfe und Heilung zu suchen. Und es gibt Tausende