Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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Direktor Dr.Adler zur Gründung einer Darlehenskasse 30000 Mark zur Verfügung gestellt - hat/ Das Fachreferat hielt Isaak-Hungen. Er Gehandelte die' Fürsorge . für die schulentlassene Jugend und - führte' hierbei folgendes aus: - Die Notwendigkeit der Jugendfürsorge'' ei;qLbt sich ausder Psychologie der schulentlassenen Jugend. Jedoch ' wird ' nichtnur 'das psychologische'' Moment viel zu wenig ch'erüiksichtigt/ sondern-auch das religiöse Moment. Die- Arbeit muß rschow' in :der '-Schule 'beginnen, denn Fürsorge ist Vorsorge. Jns-? besondereist ein persönlichesVertrauensverhällniswit den Schülern 'der ältereN--Jahrgängeanzuknüpfen,so daßdie Schüler in allen -wichtigem Lebensangelegenheiten, besonders in religiösen, den Rat des Lehrers--gertt--und willig annehmen. Das^Muß sich auch wei der! Berufswahl äußern.; Die Lehrer mögen ihren ganzen Einfluß' auf-! bieten, um die ins Leben Hinaustretenden nur zu solchen Lehrhexren zu bringen, die den Sabbat heiligen. Die'Hauptfürsorge aber ist die/ die Jugendlichen in Jugendvereinen zu sammeln, deren Aufgäben sind: 'Erziehung einer gefestigten Weltanschauung, allgemeine j geistige und fachliche Fortbildung, soziale Schulung, gesellige Unter- - Haltung und Erholung. Die gefestigte Weltanschauung wird erzielt! durch Vorträge aus derjüdischen Geschichte und Literatur und Fort-! bildüng in der Apologetik. Das bezieht sich natürlich alles auch auf : die weibliche Jugend. Die allgemeine geistige Fortbildung wird - erreicht durch Vorträge auf allen Wissensgebieten. Mit allem Nach-i druck muß auch die Jugend auf ihre Staatsbürgerpflichten auf- : merksam gemacht werden. Zum Schluß fordert der Redner die Gründung von Lehrlingsheimen, Unterstützung von Vereinen, die - zur Erlernung eines Handwerks behilflich sind, und die Fürsorge für : jüdische Soldaten durch Soldatenheime. An den Vortrag knüpfte sich eine eingehende Diskussion. ' J. W. Mannheim, 21. ' Juli. Durch Stäätsministerialentschließung ist nüttmehr die erforderliche Staatsgenehmigung eri teilt worden sowohl' für die Wohltätigkeitsals auch für'die; Stipendienstistung, welche der am 10. April verstorbene'Friedrich; 'Traumann hinterlassen hat.- Er hinterließ 100 000 Mark für Slu- - dierende, 700000 Mark für Rekonvaleszenten, beide gleichviel welcher Re-! ligion, 50000 Mark für das israelitische Waisenhaus. Sind abermehr als z 850 000 Mark Vermögen vorhanden, (und es ist dies der Fall), so erhalt i davon die letztgenannte jüdische Institution weitere 25 Prozent des Ueber- \ schüsses. Zwar ist in Anbetracht des riesigen Vermögens der für die i spezifisch jüdische Institution Hinterlassene DMMMin nicht großer, j doch dürfte auch diese Summe unseren Mäisenkindern allezeit zugute j kommen, auf der Jugend beruht ja die Züküuft und mit ihr düs -' 'Judentum. ' "" " '! Stratzburg i.E., 21. Juli.' Traurig mutet es an, wenn! man die Kultusgemeinde Schirrhöfen betrachtet, die vor noch j nicht so langer. Zeit zu d'en größten Landgemeinden des Elsaß' gehörte und heute in die Reihe der kleinsten .eingerückt ist. _ Wie rasch die Abnahme , geschah, mögen folgende Zahlen beweisen: Im Jahre 1866 hatte diese Gemeinde die Höchstzähl von 427 jüdischen Seelen erreicht, 1880 wohnten hier noch 342, — 1900 noch 188, 1910 noch 83 Juden, und in diesem Jahre "wird, die Zahl auf 50 herabsinken. Der Hauptgrund dieses Rückganges liegt nicht, wie in . anderen Ortest, in der/Landflucht,' sondern, in der Auswanderung der jungen Leute nach Amerika. Von ^der Geschichte der Juden in Schirrhofen berichtet August Kocher.aus Herlisheim fl.. E. folgendes : ' „Schon frühzeitig hatte Schirrhofen' eine Judengemeinde. Im Jahre 1730 besaßen sie hier eine Synagoge. Im Jahre.1778 befanden sich "hier 26 Judenfämilien. ' Die Zählung vom 10. Juli 1784 ergab 27 Familien Mit 127 Personen. 1807 hatte Schirrhofen 184 Judenpersonen. Den 10. Mai 1811 würde. hier Abraham (Alexander) Weill geboren, der sich' durch' mehrere literarische'Werke auszei'chnete. Er starb in Paris den 19. April 1899. 1818 wurde in Schirrhöfen die heutige Synagoge erbaut. ImJahre 1851 zahlte'6 er Ort 409 Juden. Wie sich diese Zahl in den folgenden Jahren änderte, ist oben bemerkt worden. 1881 erhielten.sie einen eigenen Friedhof, vorher wurden sie in "Hagenau begraben. Schirrhofen ist seit 1820 Sitz eines Rabbiners." Damit schließt die Ausführung Kochers in seinem 1907 erschienenen Bändchen. Wie bekannt, ist seither der Rabbinatssitz nach Bischweiler verlegt worden. Interessant ist noch zu bemerken, daß die Bevölkerung dieses Ortes lange Zeit fast nur aus Juden bestand, weshalb natürlich die meisten Mitglieder des Gemeinderats und 'der Bürgermeister Juden waren. Folgende jüdische Ortsvorstände amtierten hier: 1846 bis 1864 Levh, 1864 bis 1884 Weli, 1884 bis 1905 Simon Heymann und 1905 bis 1907 Salomon Kahn. Heute sind die Juden nur noch durch ein Mitglied; Moritz Bloch, im Gemeinderat vertreten. Oesterreich-Ungarn. ...L. Wien, 21. Juli...Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hat an den Justizminister eine Eingabe gerichtet, in der er neuerlich die Revision des Hilsner-Prozesses verlangt. In der Eingabe wird an die kürzlich bei A. W. Hahns Erben in Berlin anonym. erschienene Broschüre „Der Fall Hilsner" erinnert, die alle .zur Beurteilung wichtigen Momente in gedrängter Kürze aufzählt, An. der Hand .der Darlegungen dieser Broschüre erörtert die Eingabe noch einmal, wie geringfügig und wenig stichhaltig das Material war, das zur Verurteilung Hilsners geführt -hat, und fährtfort: Ungleich sicherer als in irgendeinem ähnlichen Prozeß liegt hier der Tatbestand vor, daß Hilsner, so wenig er sonst moralisch qualifiziert sein möchte, unmöglich an dem Morde irgendwie beteiligt gewesen ist. Wenngleich daher die Unterzeichnete Vereinsleitung in Erfüllung ihrer Aufgabe sich zunächst des Schutzlosesten aller Schutzlosen, des ganz allein auf sich angewiesenen Juden Hilsner annimmt, so handelt sie doch auch zugleich im allgemeinen Interesse, indem sie unausgesetzt gegen diesen einzig dastehenden Rechtsbruch sich anflehnt, gegen einen.Schuldspruch, der nicht auf Grund objektiver Erwägung, sondern lediglich durch Voreingenommenheit zustande kam und der, falls keine Remedur geschaffen wird, eine ständige Bedrohung jedes einzelnen bedeutet. Die Eingabe bittet neuerdings um Revision des Prozesses Hilsner, und zwarauf einem^ national und konfessionell möglichst wenig durchwühlten Boden. Die formalen Erfordernisse hierzu müssen in dem Mangel jeglichen Tatbestandes, aber auch in der Irreführung durch die Agnoszierung eines angeblichen Zeugen erblickt werden, der später wegen Betruges zur Verantwortung gezogen wurde, durch dessen Aussage aber, wenn sie sich mit den Tatsachen decken könnte, nur bewiesen wäre, daß HilsNer'sich zur vermutlich kritischen Zeit in dem Wäldchen, gleich so vielen änderen, au.fgehalten habe. Der Kampf der ungarischen Chauvinisten gegen die Einwanderung galizischer Juden nach Ungarn hat um so bedauerlichere Formen angenommen, als auch die chauvinistischen Juden Ungarns, um sich gegen den Vorwurf der Förderung dieser Einwanderung zu schützen, die Antisemiten in ihrer Bekämpfung der galizischen Juden womöglich noch überbotey. Es war daher eine gute Tat, die der Schriftsteller Dr. Jlles vollbrachte, als er die ganze Frage einem wissenschaftlichen Studiutn unterzog und die Ergebnisse seiner Forschungen in einer lehrreichen Broschüre niederlegte. Dr. Jlles weist auf Grund offizieller Daten nach, daß die Behauptung, daß die eiNgew änderten galizischen Juden zumeist arbeitsscheue Wucherer seien, die das Land ' überfluten und die Bevölkerung aussaugen, vollständig aus der. Luft gegriffen ist. Im Gegenteil: die ein gewanderten galizischen Juden sind fast durchweg arme Menschen, die von ihrer Hände Arbeit, leben und.Beschäftigungen Nachgehen, die man früher bei den ungarischen Juden nie gekannt hat. Die Zahl der eingewänderten „östlichen" Juden beträgt in ganz Ungarn nicht mehr als 5000. Davon sind mehr als 33 % Tagelöhner, 52 % Kutscher, Steinklopfer, Tischler und Waldarbeiter, .. die übrigen sind Feldarbeiter und nur wenige Händler. Der reichste unter den so verpönten eingewänderten Galiziänern besitzt Nicht mehr als kaUNr 7000Krönen Vermögen. Im..übrigen'bleiben diese Juden nicht lange in dem Ort. in welchem sie sich versuchsweise ansiedeln, da sie dort Nicht ihren Lebensunterhalt finden, und wandern bald weiter, nach Amerika.. Es ist erwiesen, daß 80 % dieser armen, gehetzten Juden kaum die allernötigsten Lebensmittel erschwingen und nur in den allerseltensten Fällen sich eine Fleischspeise gönnen ' können. : , England. '. ’ ' ’ - ■ •z. London, 20. Juli. Am 18.' d. M. ist der Chiefrabbi Dr^Hermann Adler im Alter von 72 Jahren verschieden. Er war seit längerer Zeit leidend, und seit Monaten wußte man es