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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-28 · Heft 30 (28.7.1911) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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betrauen joll. Eschkeles ließ jeden seineMeinung.sagen, pries jeden' Einfall und ergänzte ihn :kaum wahrnehmbar 'mit irgend was-, so daß, als die Beratung zü Ende warkeiner mehr-daran dachte, daß man anfangs Tante Breindl vorgeschlagen hatte. „Ich Hab' ja gleich gesagt, daß Bereles Tochter dazu am besten geeignet ist," rühmte sich Ochs. So blieb es also dabei. Blümele wurde zu den Kindern ausgenommen. Das würde in jeder Beziehung gut sein. Blümele kann ein paar Gulden verdienen, und die Waisen erhalten eine gewissenhafte Pflegerin. Als Eschkeles. zu Hause den Beschluß der geheimen Beratung mitteilte, fiel ihm.Efterchen lachend um den Hals. „Ach, wie klug Du bist, Väterchen. Da kann ja noch Ore das Hackrecht zurückgewinnen." Eschkeles winkte ihr scherzend ab. Sie sollte keine Dummheiten reden, sondern lieber zu' Blümele hingeheN und sich bestreben, ihr begreiflich zu zachen, was die Gemeinde von ihr haben wolle. Später würde er selbst mit ihr darüber sprechen. So geriet Ore inden Mittelpunkt des Gesamtinteresses Das Interesse aber pflegt wie das Leben der Eintagsfliege kurz und vergänglich zu sein, und in Nagysöröd hätte es sich auch bald anderen Dingen zugewendet, wäre nicht Reb Bünem dagewesen, der sich, seitdem er das Wunder entdeckt hatte, für eine außerordentlich wichtige Persönlichkeit hielt. Er trug Sorge dafür, daß das Mirakel bei den Leuten nicht in Vergessenheit gerate. Das Wunder regte ihn auf und reizte ihn. „Umsonst geschieht so etwas nicht", pflegte er zu seiner Frau zu sagen, „gern möchte ich wissen, was es bedeutet. Meinst Du, der Rebbe weiß es nicht? Wie denn nicht, er verheimlicht es nur. Aber ich werde ihn nicht in Ruhe lassen." Und tagtäglich plagte er deN Rabbi, er möge ihn doch in das Geheimnis des Wunders .einweihen. Und da ihm der Rabbi nur ausweichende Antworten gab, wandte er sich an Liweitzer, der in der Gemeinde für einen ebensolchen Kabbalisten galt als der Rabbi. (Fortsetzung folgt.) Mrrsnlchr Mitttttungrn. Rabbiner Dr. Zuckermandel. Breslau. Predigten. Verlag von I. Kaufmann. Frankfurt a. M. 1911. Der bekannte Herausgeber der Tosefta -und unermüdliche Verleidiger seiner geistvollen These über die Stellung der Tosefta zur Mischna veröffentlicht jetzt den ersten Teil seiner Predigten. Der im vorigen Jahre' verstorbenen Gattin sind sie gewidmet'und umfassen Festpredigten zu fiDS, n'lPltP und Wir finden hier Z. mitten in seiner kraftvollen Arbeit für das Erstarken seiner Gemeinde, für das Wohl seiner Gemeindemitglieder. Als gewissenhafter Lehrer und Seelsorger tritt er uns entgegen, der bestrebt ist, jedes einzelne Gemeindemitglied zu HW,■ unb miDi? 8« erziehen idealvolles Menschentum zu verbreiten. Er fürchtet sich .nicht, die Mißstände in der Gemeinde frei von der Kanzel herab zu rügen und scharf zu geißeln, was zu geißeln ist. Doch seine ernste Mahnung ist die Stimme seines Herzens, sie entstammt dem tief jüdischen Gefühl für die Pflichten und Aufgaben des Rabbiners. Zuckermandels Sprache ist populär, gemeinverständlich. Wenn er tiefer eingreift in die Welt der Philosophie, wenn er heftige apologetische Auseinandersetzungen in seine Predigten einflicht, sie ziehey jeden, an und wirken auf ihn. Seine Sprache ist frei von bloßen Redensarten und zeigt eine bewundernswerte Einfachheit und Natürlichkeit. Ue berall ringt sie nach Wahrheit und gibt der Stimmung der Freude und Trauer des Leides und der Liebe.den eigentümlichen Ausdruck. So.haben Zucker mandels Predigten ihren Zweck erreicht, das Ziel der Belehrung und Erbauung und dürfen darum nicht allein^ den jungen Predigern sondern allen Wissensuchenden warm empfohlen werden. ' Moritz Freier, phil. _ ■' , . . - - - „Religion und Religionen" vonOtto Pfleiderer. München- Lehmanns Verlag. Das Wesen der Religion zü bestimmen, ihr Werden und ihre Entwicklung, haben die Denker aller Zeiten angezögen und angeregt. Es fehlte nicht an Versuchen und Hypothesen, den garrzen religionsgeschichtlichen Bäu auf mystisch-ällegorische Weise zu definirett und auszugestalten. — Das, woran sich der religiöse Mensch gebunden fühlt, ist eine übernatürliche, weltbeherrschende Macht. — Damit wäre das Wesen der Religion näher bestimmt, wenn das Gebundensein — und — Fühlen bei den Menschen, vorzugsweise bei den alten, vorgeschichtlichen Menschen konstant und unverändert geblieben wäre. Allein, das Gefühl des Gebundenseins wechselte bei den Alten je nach dem Aeußeren der Naturgewalten, der lokalen physikalischen und aströphyfikalischen Erscheinungen. u Das Wesen der Religion, hatte somit" verschiedene Wesensbegriffe, die zu keinereiphMlichen' .D^stelluW^sühren''könnten. *; Auch die etymologische Erklärung: „Das Wesen'der Retigion sei das Gebundensein an Gott durch das Band der Frömmigkeit"' hat das eigentlihe Wesen des religiösen Prinzips nicht in seiner Tiefe erfaßt. Denn Frömmigkeit ist wohl eine Form der Religion, nicht aber ihr Wesen. . Religion ist ein transzendentales Vehikel, mittels dessen die physiologischen und soziologischen Gesetze und Erscheinungen erklärt werden können und sollen : vom Standpunkte der Religion — das Alte Testament z. B. tritt gewissermaßen mit einem kategorischen Imperativ auf und fordert den jedenZweifel aüsschließendenGlauben.— In der Zusammensetzung mehrerer solcher „kategorischer Imperative" liegt das eigentliche Wesen, der innere Wert oder Unwert des religiösen Prinzips. Der Mensch nun, der diesem transzendentalen „du sollst" seinen eigenen Willen, seine Gefühle und sein Denken bedingungslos unterordnet, ist'„religiös." Durch eine' soziale Verdichtung mehrerer religiöser Imperative entsteht dann die Volksreli g ion, die sich immer an die Beschaffenheit und Eigenart der Volksseele anpaßt, nicht aber umgekehrt. So mußte der Monotheismus z. B., der eine neue Weltanschauung kündete, den alten, in den polytheistischen Religionen geübten Opfer' kultus in seine religiöse Praxis aüfnehmen und mit monotheistischem Geiste ausfüllen?) . Dieses Anpassungsvermögen einer Religion ist gewissermaßen das W;es en ihres W e sens. Es ist die „conditio sine qua non", ohne welche der Lebensnervs der Religionen zerstört würde. Der Zerfall der alten, primitiven Religionen war die natürliche Folge der Starrheit und Stabilität der religiösen Formen und der priesterlichen Träger der jeweiligen Religionen und Weltanschauungen. Denn auch die lebensfähige, zukunstsichere Religion muß sich, wie alle anderen großen Ideen, in stetem Fluß und Werden bewegen. Die Naturbeseelung und Personifikation -der Dinge waren ein mächtiger Hebel für die soziale Weltord'nüng; Verdichtung und Verbreitung der primitiven Religionen; eine vulgäre Volksmetaphhsik, die sich im Laufe der Jahrtausende verdichtete zum Polytheismus'und zuletzt im biblischen Monotheismus den Kulminationspunkt erreichte. ■ ‘ ■ Der Fortschritt der Religionsgeschichte bewegte sich wesentlich um den Kampf zwischen dem alten Naturalismus und dem t.höheren sittlichen Ideal. - Für dieses kämpften überall die ernsten Denker und Propheten, aber sie drangen nur selten durch', ber der Menge blieb es meistens bei unbestimmten Kompromissen, dem „Hinken auf beiden Seiten"?) über das ein Zarathustra nicht weniger als ein Elia zu klagen hatte.. In diesem Pfleiderers jüngsten und letzten Lebenswerk sucht er der Neligionsgeschicht'e eine ethnologische Darstellung (nach Rasse und 'L? i) Vergll i,More Nebochim" won Maimonides. si 2) i, Könige 18, 21.

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