Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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'. Ore ging erleichtert weg. - Der Bäcker aber ging in das Zimmer hinein, und. erzählte mit verstörtem Gesicht seiner Frau das. große Wunder. . . „Und weißt Du, warum das geschehen ist? Weil ich keine Chale genommen habe und das. Brotden . Juden verkauft habe. Ein,Glück, daß nicht alles vertrocknet ist." - Unterdessen aber trug. Reb Bünem die Botschaft.nach allen Seiten. Er ging damit zum Rabbi, zu Eibischzu Ochs und noch vielen anderen. v : -? Bis Mittag wurde schon überall von dem Mirakel, gesprochen. Auch bei Eschkeles sprach man davon. Freilich," sagte Eschkeles unmutig, „jetzt sieht jeder das Wunder. Unsere Leute brauchen ein Wunder, der arme Mensch aber braucht das Brot. Das Wunder weiß man zu finden, doch den armen Menschen nicht. Ist es ein Wunder, wenn die Verzweiflung den Unglücklichen zur Sünde verleitet hat? Wenn wir mehr Herz besäßen, so -hätten wir das ja vorausfehen können. Die Gemeinde hat ihn seines Erwerbes beraubt, einen anderen fand er nicht — was konnte der Ae'rMste machen? Wir haben diese Sache viel zu leicht genommen,'Gott verzeihe es uns." v Eschkeles blickte zufallsweise auf Esterchen. .Das Mädchen erbleichte. , „Ich habe ihm einigemal Eßwaren gebracht," stammelte sie kaum vernehmbar. „Und seither," versetzte' ihr Vater scharf, „hast Du auch bloß einigemal gegessen?" Diese ungewohnte Strenge erschütterte das Mädchen dermaßen, daß sie in Weinen ausbrach. Frau Eschkeles erhob sich ruhig, füllte einen Korb mit Proviant und rief das Dienstmädchen , herein. „Trage es hin, mein Kind," sprach sie zu Esterchen. Esterchen ging. * * Der Frühlingstau kann für die zarten Sprossen kein..so erfrischendes Labsal sein, als 'es die Kunde von dem Mirakel für die Seelen in Nagysöröd war. Der Wunderglaube bildet die höchste Wonne zurückgebliebener Menschern Das Wunder rechtfertigt ihre Weltanschauung, welche gar oft der Logik unversöhnlich widerspricht. -Da.stellt es sich denn heraus, daß das, was die Leute für vernünftig halten, im Grunde genommen eine große Eselei ist und das tut denen wohl, die nicht von der Vernunft, sondern von dem Glauben geleitet werden. Das Wunder machte die Nagysöröder geradezu stolz. Würdigt doch der liebe Gott heutzutage die Menschen sehr selten. solcher Wunderzeichen. Die Preßburger Gemeinde ist sehr heilig, doch seit dreihundert Jahren ist dort kein Wunder geschehen. Einer solchen Offenbarung der göttlichen Mackst ist nicht jeder Ort und nicht jede Generation würdig. Gott mag mit Nagysöröd großem Dinge Vorhaben, daß er es aus der Reihe der Unwürdigen emporgehoben hat. ‘ . ' Sie rieten her und hin, weshalb wohl die wunderbare Verwandlung des Brotes vor sich ging. Und sie begaben sich in langen Pilgerzügen zu Ore Heimlichs Hütteum das Fensterbrett zu sehen, wo das Wunder geschah. Das Brett unterschied sich, in nichts von anderen Brettern, doch sie strichen in heiliger Scheu mit der Hand darüber. Vor ihrem Weggehen legte Frau Ochs in aller Heimlichkeit ein frisches Laib darauf; wie, wenn Gott auch ihr Brot zum Gegenstand seines besondern Interesses erwählen würde? Andere hatten dieselbe Idee, und 'bis es ganz finster wurde, lagen fünf bis sechs warme Laibe auf dem Fensterbrett. Dieses Wunder war noch, größer als das eyste, doch.es geschah ein noch größeres. Die Frauen, welche am Abend die Brote dort gelassen hatten, karpen am darauffolgenden Morgen, um. zu sehen, was geschehen - war. Die.Morgenhelle ift etwas anderes/ als die- Abenddämmerung. /Im Morgenlichte .betrachteten.fte eher die vernachlässigten Kindergesichter, ., als die« im Fenster trocknenden Brotlaibe, und. das. mütterliche. Erbarmen regte sich in ihren Herzen. Undes. entstand ein eifriges Beginnen: Eine, wusch die Kinder^ bie; zweite kämmte.sie, die dritte besserte die schadhafte Kinderwäsche aus, die vierte lief nach Hause, um statt der zerrissenen ganze Kleidchen zu bringen. Die Waisen .waren nicht mehr so sehr verwaist, und Ore fühlte sich nicht mehr so unglücklich wie bisher. Anfangs verdroß ihn das große Zuströmender Menge wegen Les Diebstahls, den man von dem Wunder nicht , trennen konnte. Doch als er wahrnahm, daß: die Leute ihm das Vergehen nicht nur nicht als Sünde anrechneten, sondern ihn vielmehr für einen. Auserkorenen hielten, beruhigte er sich und, fing anselber zu glauben, daß er kein gewöhnlicher Mensch sej.. Ob nun der. Rabbi, an das Wunder..glaubte, konnte man nicht bestimmt wissen. Reb Bünem, der von ihm die Bedeutung des Wunders erfahren wollte, erhielt eine Antwort, die man verschieden deuten konnte. ' Soviel aber steht fest, daß der Rabbi seitdem Zweifel ist 'die eigene Untrüglichkeit setzte und sich, Eschkeles; gegenüber; ctud^ im Vertrauen darüber äußerte: «Ich fürchte, Reb Kolmen,'' daß ich ein Unrecht' begangen habe, als ich ihn des Chuwers beraubte." „Rebbe," erwiderte der kluge Eschkeles, „der Chuwer ist eine schöne Sache, doch man kann ohne ihn leben. Aber, daß wir ihm das Hackrecht genommen haben; das war ein großer Fehler." - - , ' 7 Eschkeles sägte das auch zu andern, und kaum verstrichen einige Tage, als sich auch schon die allgemeine Meinung änderte. Die Frauen malten Ores Armut, die Verlassenheit'der Kinder in grellen Färben, und stürmisch erwachte das Gewissen der Gemeinde. Dieser Mensch hat ja keine so grausame Strafe verdient! Dieser Mensch hat doch unschuldigerweise ein gräßliches Märtyrertum erlitten. Wenn er sich auch gegen Blümele Berele schwer vergangen hat, hätte man ihn nicht derartig 'strafen sollen. Hat vielleicht seine Brotlosigkeit die gedemütigte Mädchenseele versöhnt? Man hätte ihn zwingen sollen/ das Mädchen öffentlich um Verzeihung zu bitten, das wäre jedenfalls klüger und würdiger gewesen. - So hatte sich das Jntereffe Ore zugewandt, und die ßeute zerbrachen sich den Köpf darüber, auf welche Weise man das ihm zugefügte Unrechb'gutmachen könnte. Eibisch mußte unter dem Druck der allgemeinen Meinung eine vertrauliche Besprechung in dieser Angelegenheit abhalten. Bei der Beratung herrschte eine gedrückte Stimmung, denn gescheite Leute bewiesen, daß es aus vielerlei Gründen schwer sei, Ore wieder in seine alten Rechte einzusetzen, denn man dürfe nicht vergessen,-daß die Gemeinde in dieser Sache schon Stellung genommen und beschlossen habe, das'Hackrecht endgültig jenem Manne zu geben, welcher Blümele Berele zur Frau nehme: -• ' „Meine Herren;" sprach 'Eschkeles, der immer den Nägel auf den Kopf traf, „'entscheiden' wir noch nicht in dieser Sache. Vorläufig ist es ja viel wichtiger, die Kinder zu versorgen. Nach meiner Ansicht sollte man jemanden äufnehrnender die Pflege der Kinder übernimmt, das übrige: wollen wir Gott überlassen." ■; ,, Dieser Antrag gefiel, und eine gute Stunde lang beriet man sich darüberwen man wohl mit der schweren- Aufgabe