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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-28 · Heft 30 (28.7.1911) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
Seite 356 (sequence 8)
Language
German
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noch Gutes zu erwarten? Mit meinem Barbier, einem» Armenier, hatte ich neulich folgende, ihrer Pointe wegen, wie nur scheint recht charakteristische Unterhaltung. »Sie sind wohl noch nicht lange in Konstäntinopel?" fragte er. — „Vor drei Monaten war ich noch in Berlin." — „Sie reisen von hier weiter?" — „Ja, bald; ich gehe von hier nach Smyrna und Saloniki, dann nach Palästina und von dort weiter über Beirut, Damaskus und Aleppo zurück nach Deutschland." — „Sie find doch Israelit, nicht wahr?" — „Wie kommen Sie darauf?" — „Weil Sie nach Palästina wollen, und alle Juden nach Palästina gehen." — Ich gestehe, daß ich in diesem Augenblick ein leichtes Gruseln bekam; denn einem Barbier gegenüber befindet man sich ja immer in einer etwas kitzlichen Situation. Zum Glück scheint er kein Antisemit, oder zum mindesten kein Antisemit der Tat gewesen zu sein, wie sehr er sich auch im Banne der jetzt allgemein verbreiteten kranke hasten Vorstellungen über die Juden und ihre Bestrebungen in der Türkei befangen zeigte. Nun kann uns die Sache natürlich nickt gleichgültig sein. Nicht allein wegen der mehr als einer halben Million Juden, die zurzeit in der Türkei leben, sondern vor allem mit Bezug auf die dadurch bedingte zukünftige Gestaltung des jüdischen Elements im Reich des Halbmonds. Die politische Emanzipation der Türkei hatte die wirtschaftliche Erschließung des Landes zur Folge; und bei der in jeder Hinsicht äußerst günstigen geographischen Läge des Reiches sind hier die Entwicklungsmöglichkeiten vorderhand gar nicht abzusehen. Noch befinden wir uns ja, ich möchte sagen im fast vorbereitenden Anfangsstadium dieser-revolutionären Bewegung. Allein schon jetzt sehen wir, wie es sich überall im weiten Gebiet geschäftig regt, wie an allen Ecken und Enden Unternehmungen aufkommen, Projekte zur Ausführung gelangen, Pläne entworfen und Versuche gemacht werden. Was dem Lande vorzüglich not tut (und in der nächsten Zukunft in noch viel, viel höherem Grade not tun wird), das sind geistig regsame, die Konjunktur erfassende und sie sich zunutze machende Arbeitskräfte. Em starkes jüdisches Kontingent, auf dem ganzen Reichsgebiet glücklich verteilt, könnte somit geradezu zu einem Kapitalpunkt für die Existenz- und Entwicktungsmöglichkeit des zu neuem Leben erwachten Osmanenstaates werden, wobei dem Juden wieder einmal die Rolle des wirtschaftsbildenden Ferments zufallen würde, wie er sie in gar manchem Lande bereits mit so großem Erfolg und zum allgemeinen Nutzen gespielt hat. In einem Aufsatze über „Die wirtschaftliche Lage der Juden Konstantinopels" werde ich, wenn auch diesmal nur, durch die Natur des mir gestellten Themas bedingt, mehr nebenher^ auf diesen Punkt etwas ausführlicher einzugehen versuchen. Bei einer Würdigung der eben aufgeworfenen Frage gilt es in erster Linie auf ein besonders günstiges sprachliches Moment hinzuweisen. Die Juden reden in ihrer überiviegenden Mehrzahl ein Idiom, das deutschen Ursprungs ist und auf alle Fälle mindestens dazu ausreicht, sie das Deutsche verhältnismäßig rasch und gut erlernen zu lassen, wobei ihnen der Hilfsverein der Deutschen Juden hierin mit seinen Gründungen von deutschen Schulen in erfreulicher Weise entgegenkommt. In Anbetracht nun des gewaltigen und stets wachsenden ökonomischen Einflüsses Deutschlands in der Türkei kann dieser Umstand nicht hoch genug angeschlagen werden. Die Inden gewinnen den anderen ottomanischen Nationalitäten gegenüber einen gewaltigen handelspolitischen Vorsprung, vermögen aber auch anderseits wiederum auf die Weise dem deutschen Expansibnsbedürfnls im Orient unschätzbare Dienste zu leisten. ■■■ In dieser letzteren Erwägung haben wir freilichbereits, zum großen Teile wenigstens, die Lösung des. plötzlich aufgetauchten Antisemitismus in der Türkei. Es waren irregeführte Menschen, nicht fähig, der Fratze auf den Grund au gehen, die sich der Judenhetze willfährig zeigten; Arme an Geist, die glaubten, auf diese Art gleich ins Himmelreich zu - kommen. Daher ist . ja auch die ganze Zeit über von außen mächtig geschürt worden; und daher haben besonders die Londoner Times, eine etwas gefallene Größe, in der Sache eine überaus eigentümliche Rolle gespielt — wenn wir nicht gleich den Ursprung der Bewegung im Ausland überhaupt suchen wollten. Auf die ganze durchaus komplizierte Politische Konstellation einzugehen, würde uns hier zu weit führen. Jedenfalls ist es merkwürdig, und dürfte sicherlich kein Spiel des Zufalls seindaß gerade mit der Judenhetze die Krisis innerhalb der Partei für Einheit und Fortschritt und der Kampf gegen das deutschfreundliche Ministerium Hakki Paschas eingesetzt hatte. ... Und so glaube ich auch nicht an einen wirklichen Siegeszug des judenfeindlichen Gedankens im Reiche des Halbmonds. Aus psychologischen Gründen wie ans wirtschaftlichen mag ich daran nicht glauben. Die Türkei hat es bisher nie in der Geschichte an Beweisen ihrer Judenfreundlichkeit fehlen lassen; und schon zu der Zeit, wo uns die schlimmsten Feinde umgaben, war sie es, die uns willig in ihrem Lande ein Asyl geboten und weitestgehende Rechte eingeräumt hatte. Nicht ^etwa bloß aus besonderer Sympathie und Zuneigung für uns. Auch die anderen Konfessionen erfreuten sich von jeher im osmanischen Staate des größten Entgegenkommens, denen die Regierungen stets volle innere Selbständigkeit und Bewegungsfreiheit fast bis zum eigenen Schaden zu gewähren pflegten. Der Mohammedanisinus ist von Hause cm§ tolerant und der Türke zudem großmütig und weitherzig. So war das Osmanenreich nicht allein die Zufluchtstätte für den Juden in seiner Bedrängung, sondern war auch immer das Land, wo der Jude, von Anfeindungen frei, tatsächlich unbeschränkt und unabhängig leben konnte. Alle diese Voraussetzungen haben sich bisher nicht geändert. Im Gegenteil: sie erhielten durch die Neugestaltung der Dinge sogar noch einen starken Vorschub, da, wie ich angedeutet habe, die Juden daran sind, einer der bedeutsamsten Faktoren im Regenerationsprozeß des türkischen Staates zu werden. Man hat sie früher gern gesehen, man wird sie fortan nicht mehr missen mögen. Mit Recht mokierte sich daher der Abgeordnete von Jpek. Hafiz Ibrahim, eine der sympathischsten Erscheinungen in der türkischen Depmiertenkammer, über die bei den Debatten über die Judenfrage zutage getretenen Plattheiten, Phantastereien und Unkenntnis der Dinge. „Nun bekommen wir schon zum fünfzehnten Mal dasselbe Zeug vorgesetzt," bemerkte er, „wo es wahrhaft lächerlich ist, mit derlei Chimären sich überhaupt nur abzugeben. Wir besitzen eine Million Soldaten und geben j 18 Millionen türkische Pfund für unsere Armee aus. Fürchten .! wir uns wirklich vor 100 000 Juden, die sich mit ihren Familien in Palästina angesiedelt haben? Das ist ja lachhaft. Die Juden sind intelligent und rührig; sind es allenthalben in der Welt. Die Rothschilds in England sind nicht minder Juden, wie es die Juden in Saloniki sind, die; den Handel in Händen haben. Aber was gibt cs dabei Staunenswertes? So lange wir uns auf die faule Haut legen, wird es immer so bleiben. Die Fremden entwickeln sich geistig, studieren Handel und Wandel im Lande und kommen auf diese Weise zu Geld. Streben wir lieber tüchtige Menschen zu werden, als daß wir uns darüber aufhalten, daß die Fremden bei uns Vermögen erlangen. Wer sich so mit Chimären abgibt, wie es hier geschieht, der raubt uns

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