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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-28 · Heft 30 (28.7.1911) · p. Seite 355

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
Seite 355 (sequence 7)
Language
German
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Judentumsunter dem Einfluß der verschiedenen Zivilifatiönenmit denen es in Berührung kam und durch Aneignung der höchsten Ideen.und Ideale der vielerlei Kulturstüfen an denen es. teilnahm, zu -immer höherer Entwicklung^ fortschritten, so suchen wiralle. Kenntnis, - alle Ergebnisse der / Forschung unserer Zeit-, den 'ganzen Gedankenreichtum und Wissensschah unserer modernenWeltanschauung in den Dienst unseres Glaubens zu stellen, um ihn zu - vertiefen : und - zu unserer höchsten Weisheit vor den /Völkern zu erheben, nimmer, rastend, bis daß das Judentum als. Gipfelpunkt aller Philosophie und aller- Kultur, als höchste Wahrheit für Geist und Gemüt empfunden- und anerkannt wird. Wir fürchten keine Bibelkritik und keine historische Forschung, mögen-sie. die Bibeloder, den Talmud, das Gesetz und den Ritus, Brauch und Vorstellung der alten. Zeit, - den ganzen religiösen; und sozialen Lebensprozeß in ganz .neuem Licht erscheinen lassen. Unsere Bibel beginnt ja nicht mit dem ersten Juden, sondern mit dem ersten Gott suchenden Menschen, und wie hier der wahre Grundstein unserer Glaubenslehre tief imMenschenherzen ruht, so erstreckt sich der Ausblick des Judentums auf, das letzte und höchste Ziel der Menschheit. Wir bestreiten^ dem Christentum, das Recht, diese unsere Zivilisation christlich zu nennen. Sie ist Fleisch von unserem. Fleisch Ustd Geist von unserem Geist.. Sie ist.auf- Hinais Fels gegründet, mit dem Blut unserer MärtMrgetrLnkt, mitder Denkarbeit unserer mittelalterlichen Weisen befruchtet und. auf Israels - monotheistischer Wahrheit ausgebaut, was auch für heidnische. Torheit und Barbarei noch daran. haften geblieben- Trägh. auch der heutige. Jude noch die. Dornenkrone des Dulders, er ist.dennoch als Eroberer der Geisteswelt durch die. Länder geschritten mit der Leuchte der Vernunft und .der Fackel der Forschung in seiner Hand, und ist so. zum Lehrer, zum Befreier, ja: zum Human itätsapostel der 'Christenheit in dunkler Nacht des Mittelaltersgeworden. Und der Tag seines Triumphes naht. Sein bei aller Erhabenheit einfacher Glaube erobert mit zunehmender Gewalt eine widerstrebende Welt. Niemals hatte^ das' fortschrittliche Judentum, solche günstigen Bedingungen,! so glorreiche Aussichten für. seinen unausbleiblichen Sieg wiel heute. Die eigentliche Seele des.modernen.Denkens, die Idee? der Evolution, führt unausbleiblich zur Befestigung der reinen .Gotteswahrheit, wie sie im Juden lebt, in jedem denkenden Menschen. Der Ruf nach Recht und Gerechtigkeit, - der heute in allen Gliedern der Gesellschaft laut und immer lauter wird, weist im - Gegensatz zu einer Liebe, die bisher ebenso ungerecht wie unvernünftig geschaltet und gewaltet Hat, auf den endlichen Sieg der prophetischen Lehre vom Gott der Gerechtigkeit und Wahrheit hin. Der Gott- und Welt-Einheitsgedanke - bildet den Schlußstein unseres ganzen Lebens und Denkens. Nichts als Wahn, und Verblendung ist es, wenn der nationalistische Jude aus Furcht vor dieser Neuheit. sich in sein mittelalterliches Lebensgespinst wieder einpuppen und die abendländische Kultur scheuen will, die allein dem Manne seine Freiheit und dem Weibe seine Würde verliehen. . : , Ja, vorwärts oder rückwärts? Ein lebenskräftiger Glaube oder ein, geisttötender Formendienst? Aufrichtigkeit der Gesinnung und Wahrheitsliebe-. oder Heuchelei und wissenschaftliche Unehrlichkeit im Kultus und im theologischen Studiuns? Das7 ist heute die entscheidende Frage, und uns Reformjuven ist es um den Ausgang nicht bange. Allerdings bilden wir. nicht mehr die Mehrheit in Amerika wie vor 30 Jahren, als das Hebrew , Union College gegründet wurde. Um so enger Müssen wir zusammenstehen. Unsere Reformbewegung hat das Judentum gerettet, und wir'müssen noch heute es vor der drohenden Gefahr der Verknöcherung und der Nationalisierung \ retten.; Dazu bedürfen wir der Hochschule jüdischer Wissenschaft und fortschrittlichen Denkens als Mittelpunkt der Geisleserleuchtung und Geisteskräftigung, daß sie uns Männer des Geistes, der Prinzipienklarheit und Ueberzeugungstreue schaffe und erziehe, ein Lehrhaus, durch dessen Fenster das. Licht der Erkenntnis von allen Seiten hereinströmt, um. so jene Zeit erhoffen zu lassen, da die „Erkenntnis Gottes dieganze Erde erfüllt, wie die Wasserwellen die See bedecken". . ' . ' Hier in unmittelbarer Nähe der Universität soll unser College mit - dieser und anderen - Lehranstalten der Stadt gemeinschaftlich das große- Werk der Erziehung vollbringen und davon zeugen, daß Wissenschaft und Religion, Glaube und Wissen in schönem Einklang am Gottesreich.der Wahrheit arbeiten können und müssen. So möge denn die: neueste Veste des fortschrittlichen Judentums, mit dem Banner des Lichts und der Freiheit auf der Zinne hoch entfaltet. Hiersich erheben und alle liberalen Elemente des amerikanischen Judentums um sich - scharenneues Interesse, neuen Eifer'und neuen Mut und Opfersinn für die heilge Sache weckend.- Ganz besonders aber lasset uns, die Lehrer und Jünger der Anstalt, mit dem- Ernst und Streben neubeseeten, wahrheitsliebende^ gesinnungstüchtige Männer, erfüllt mit Gottesfurcht, mit Menschenliebe, mit biederem amerikanischen Bürgersinn, zu erziehen, als Bürger einer besseren, idealer angelegten Zeit. — Nach der Rede von Dr. Köhler, die einen tiefen Eindruck .hinterlassen hatte, sang der Collegechor Beethovens „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre", und dann sprach Dr. David Philippson das Schlußgebet. Die Feier hatte, ihr Ende erreicht. Möge der Bau gelingen und sich , alle daran knüpfenden Erwartungen erfüllen. . F. iVL Lur allgemeinen Lage der Inden in der Türkei. Von Dr. Alphons I. Sußnitzki. er Antisemitismus spukt im Reiche des Halbmonds, In einem Zeitraum von wenigen Wochen fanden im Parlament; zweimal lebhafte Debatten über. die Juden frage statt. Nicht jene Anrempelungen Hirnverbrannter, die wir bei passender wie unpassender Gelegenheit zu erleben, schon gewohnt sind, sondern. ganz regelrechte Redeschlachten, an denen alle Parteien und die Regierung sich beteiligten; Redeschlachten, die vom einen zum anderen Male wenn auch nicht, an Geistesschärfe und Gedankenklarheit, so doch an Heftigkeit und Dauer wesentlich zugenommen haben. Auf den Inhalt.der judenhetzerischen Reden selber.einzugehen, verlohnt sich nicht. Die Höhe der Parlamentstribüne, von der herab sie gehalten worden sind, vermochte ihr Niveau über die -Leistungen des radauwütigen Jahrmarktsantisemitismus in keiner Weise zu erheben. Freilich birgt /sich gerade, in dieser Tatsache ihre besondere Gefahr; und der/Umstand, daß sie eine sachliche .Würdigung nicht verdienen, mußihnen unsere Aufmerksamkeit und unser Mißtrauen in gesteigertem Maße, eintragen. Wo sich so die. Grenzen zwischen nüchterner Kritik und demagogischer. Anschauungsweise verwischen und selbst bei den Erwählten., des Volkes Me Reflexion der 'Stimmung und die klare Ueberlegung dep.gedankenlosenverschwommenen Phrase das Feld räumt, was ist da von-der ohnehin dem suggestiven Einfluß leicht unterworfenen Masse

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