Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
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College statt, und wenn im Herbst deS Jahres 1912 das neue ^Semester beginnt, werden die Studenten an der neuen Stätte üdischer Wissenschaft ihren Einzug halten. Auf dem Baugrund war eine Plattform aufgeschlagen, auf der die Festteilnehmer Platz genommen hatten: Der Verwaltungsrat be§ Hebrew Union ‘ College, die Mitglieder der Fakultät, die Studenten, ferner Vertreter der Union ok American ' Hebrew Congregations, : eine Abordnung der Universität Cincinnati mit Dean Harry an der Spitze, das Baukomitee und sonstige geladene Gäste bildeten nebst zahlreichen Damen das Auditorium. Rabbiner Dr. Louis Großmann eröffnete die Feier mit Gebet, worauf Herr Sigmund Rheinstrom als Vorsitzender der Baukommission eine kurze Einleitungsrede hielt, die Arbeiten skizzierend, die bislang für das neue Heim des College getan worden sind. Der Chor des College sang sodann den 19. und den 20. Psalm von Gonnod, und dann, verlas Rabbiner I ac ob' M ielzine r einen Schriftabschnitt. 7 .. . Nunmehr folgte die Zeremonie der Grundsteinlegung, ittib: zwar vollzog diese Handlung Herr Jsaac W. Bernheim von Louisville am Bibliotheksgebäude und Herr I. Walter Freiberg, der Präsident der Union ok Hebrew Congregations am Administrationsgebäude. Herr Bernheim ist der Stifter der Bibliothek, der für diesen Zweck eine Zuwendung von 50 000 Dollars gemacht hat. Er war Gegenstand liebenswürdiger Aufmerksamkeit. Die Zeremonie war einfach, und doch empfand jeder ihren Eindruck. Der Sandsteinquader enthielt eine, tiefe Aushöhlung für die Aufnahme des hermetisch verschlossenen Kupferkastens, der die bei solcher Gelegenheit üblichen Dokumente birgt: Die Bauleute schlossen die Oeffnung mit Zement und ein neuer Quader, auf den Eckstein gefügt. Machte die Verschließung vollständig. Die Ecksteine tragen die jüdische Jahreszahl 6671 und. die christliche 1911. Im Bibliotheksgebäude befindet sich der Denkstein an der nordwestlichen und im Administrationsgebäude an der südöstlichen Ecke. Herr Morris Läzaron sang hierauf den 23. Psalm „Der Herr ist mein Hirt", und diesem Vortrag folgte die Festrede von Dr. Kaufm an Köhler, dem verdienstvollen Präsidenten des Hebrew Union College und wurdiaen Nach' solger von Rabbi Jsaac W. Wise. Den tiefdurchdachten Worten des Redners wurde aufmerksam gelauscht. Er ließ sich in folgender Weise aus: Ein Tag köstlicher Erinnerungen und glänzender Hoffnungen. Geehrter Herr Präsident und Beamte der Union der A.H. Gemeinden, Präsident und Direktorium, Mitglieder der Fakultät, Studierende und Freunde des Hebrew " Union . College. Damen und Herren! Ich gratuliere Ihnen zur Feier dieses Tages, der eine neue Aera in der Geschichte unserer Anstalt und des liberalen Judentums in Amerika überhaupt bezeichnet. Es ist eine doppelte Frohbotschäft, die diese Feier uns bringt: ' Köstliche Erinnerungen und glänzende Hoffnungen. Bei der Grundsteinlegung unseres neuen College-Baus müssen wir zu allererst in dankbarer Verehrung des mutigen Ringens und Kämpfens, der beharrlichen Ausdauer, des hohen Strebens und der glorreichen Leistung des unsterblichen Meisters Jsaac M. Wise und all des Großen gedenken, das er in Verbindung mit seinen Mitkämpfern, den Reform- Pionieren des amerikanischen Judentums, und all seinen Mitarbeitern für die Verbreitung und Hebung der jüdischen Wissenschaft und des fortschrittlichen Glaubenssystems ' vollbracht hat, namentlich aber dessen, was er in den Lehrhallen, die . seinen, Namen tragen, für die. Ausbildung tüchtiger Lehrer, und Führer des liberalen Judentums geleistet hat. Und wie wir heute jubelnd den nahenden Tag begrüßen, der uns aus den dumpfen Räumen des engen, wiewohl durch , 30 Jahre liebgewonnenen Lehrhauses nach der lichten, neue Frische und Spannkraft verheißenden Stätte auf den vom Morgensonnenstrahl geküßten Höhen der Stadt zu regerer Arbeit und zu besserem Einklang mit der Natur emporlocken soll, so klingt an unser Ohr der biblische Gesangsruf: „Aus, du Segensborn der Lehre, vom Meister und seinen Edlen mit dem Führerstab gegraben! Auf, aus dem Tal zur weitausblickenden Höhe, um den Durst der nach Wahrheit lechzenden Geister, nah oder fern, zu stillen und die Wissenschaft der Thora, die Gabe des Genius Israels, zum Gemeingut vieler zu machen!" Ja, aufwärts und vorwärts, amerikanisches Israel, aus der von deinen Führern vorgezeichneten Bahn! Aufwärts und vorwärts mit dem Banner des Lichts und des - FprtschrW nach dem hohen Ziele der Menschheftsverbrüberungauf der Zionsburg der reinen Gotteserkenntnis und...zur- Verwirklichung der höchsten Ideale amerikanischen Bürgertums! Das sei unser Losungswort! / Dank dem Edelsinn und der Freigebigkeit biederer Gesinnungsgenossen legen wir heuten den Grundstein zweier herrlicher Bauten, die als Monumente der jüdischen Wissenschaft und des jüdischen Glaubens dastehen sollen, der Bibliothek und des Lehrhauses des Hebrew Union College, den beiden, vor Israel in der Wüste einhergetragenen Laden vergleichbar, davon die eine die Gebeine Josephs bergend, Sinnbild der Treue gegen die Vergangenheit, die andere, die zwei Gesetzestafeln des lebendigen Gottes enthaltend, Sinnbild des weiten Ausblicks in die Zukunft sein sollte. Treue gegen unsere Vergangenheit! Das ist der bei der Grundsteinlegung vorwaltende Gedanke. Gar kostbare Urkunden bergen wir im Schoße der Vergangenheit. Unvergleich- ] liche Geistesschätze birgt das Leben, die Geschichte und das; Schrifttum des Juden. Und was hat diesen allen . ihren alles übertreffenden Reiz und Wert verliehen? Worin besteht der eigentliche Vorzug der Schöpfungen, der Lehren und Ueberlieferungen der Seher und Sänger, der Meisen und Meister, der Heroen und Heiligen der jüdischen Geschichte, daß die Menschheit ewig, an ihnen sich labt und erhebt, Geist und Gemüt durch sie bereichert? Die Religion war und blieb der unversiegbare Lebens- und Verjüngungsquell des Juden. Nicht das starre Gesetz, sondern die ewig lebendig erhaltene Lehre, das Studium der Thora, der nach Wahrheit stets von neuem forschende Geist des Lernens und Wissens erhielt den Juden kraftvoll und jugendlich frisch inmitten aller Zeiten Drang- und Trübsal. Nicht das jüdische Volkstum, das immer von neuem in abergläubische Sitten und Bräuche - der Umgebung verfiel, sondern. Gott, der es immer wieder aus der Knechtschaft erlöste und in seinen Wahrheitsdienst zwang der Gott Abrahams, des ersten Wahrheitspredigers; der Goft der Moses zum Gesetzgeber und Jesaias und Jonah zu Verkündern einer Weltreligion berief, lange bevor die Kirche oder die Moschee als solche auftrat; der Gott, zu dessen Glorifizierung Tausende von Juden ihr Blut, und andere Tausende ihre Denkkraft willig hergaben; ja der Gott,, dessen Bund alle Menschenraffen und.Stämme zu einem Bruderbund dereinst vereinen wird. — Das ist die Lebens- und Heilskraft des Juden in der Geschichte, der Grundstein und der Gipfelpunkt des Judentums. . Aber wie dieser Gott vor. dem stets aufwärts strebenden Geist, des Sehers und Denkers zu immer, höheren Regionen des Gedankens emporstieg und die religiösen Wahrheiten des