Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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352 Vierer, den man alt gekauft hatte. Bald darauf wurde ein neuer Vierer in Bestellung gegeben. In der verhältnismäßig kurzen Zeit, .die seitdem verstrichen ist, hat der Klub einen mächtigen Aufschwung erlebt. Schon rein äußerlich betrachtet, besteht die Klubflotte jetzt aus drei Vierern und einem Sechser. Ein Doppelzweier befindet sich in Arbeit, und demnächst soll ein Achter neu angeschafft werden, welcher der Repräsentation nach außen in hohem Maße zu dienen bestimmt ist. Aber auch die Zahl und die Zusammensetzung der Mitglieder des Klubs hat sich bedeutend gebessert. Die aktive Mannschaft besteht jetzt aus rund . 25 ruderisch geschulten, gut jüdisch gesinnten jungen Kaufleuten und Studenten. Besonders der letzte Frühling brachte dem Verein einen guten Zuwachs. Und ein Physisch brauchbares und technisch gut ausgebildetes Material braucht der jüdische Ruderklub „Jvria" .— diesen Namen führt der Verein seit Anfang dieses Jahres —, wenn er der großen Aufgabe, die er sich gestellt hat, gerecht werden will. Tenn Ziel und Zweck der «Jvria" ist es, den antisemitischen Rudervereinen zu zeigen, daß auch ein jüdischer Klub Leistungen aufzuweisen vermag, die den ihrigen ebenbürtig sind. Der Jude, welcher rudern will, soll nicht auf die Gnade der christlichen Klubs, die ihn zum allergrößten Teil von der Aufnahme ausschließen, angewiesen sein, sondern er soll einen Platz finden, an dem er gern ausgenommen wird, wenn er seinen Mann zu stehen weiß. So ist der jüdische Ruderklub in erster Linie ein Kampfperein. Ausgetragen wird dieser Kampf, in welchem die „Jvria" nach Anschauung der christlichen Klubs und nach ihrem eigenen Willen die deutsche Judenheit vertritt, nach Rüdecsitte im „Match", dem Wettkampf zwischen zwei Booten, der in folgender Weise vor sich geht: Treffen sich zwei Boote, die dieselbe Fahrtrichtung haben, und fordert das eine, indem seine Ruderer sich in die Riemen legen, das andere zum Wettstreit heraus, so iß cs ein altes Rudererrecht und eine stolze Rudererpflicht, daß das herausgeforderte Boot, besonders wenn es unter Flagge fährt, den angebotenen Kampf ausnimmt. Und nun fahren die Boote im schnellsten Tempo oft viertelstundenlang nebeneinander her, in dem Bestreben, einander zu überholen. Da muß alle Kraft herausgeholt werden, wenn auch nach gewonnenem Siege ein Mann zusammenbricht, alle Gedanken müssen konzentriert, jede Faser muß angespannt werden, denn ein falscher Einsatz .des Blattes kann die Niederlage bedeuten. Wenn ein Zurückbleiben in einem Match für jeden Ruderklub eine Schande bedeutet, so trifft dies natürlich in viel höherem Maße für einen jüdischen Verein zu. Man kann jedoch hoffen — und alle Anzeichen deuten darauf hin —, daß es der „Jvria" gelingen wird, der Aufgabe, das Judentum auf dem Wasser würdig zu repräsen' tieren, immer mehr und mehr gerecht zu werden, und der weißen, blaugestreiften Flagge mit dem blauen Davidsstern zu Ehre und Ansehen auf dem Wasser zu verhelfen. Neben dieser bitterernsten Seite der Betätigung im jüdischen Ruderklub kommen nun aber auch die Erholung und die Freude 311 ihrem Recht. Das Rudern soll ja schließlich auch ein Vergnügen sein- In dieser Hinsicht sind neben den größeren Touren, die z. B. Ostern und Pfingsten stattfinden, die allwöchentlichen Sonntagsfahrten zu erwähnen. Schon früh des Morgens fahren die Boote von dem neuen, gemütlich eingerichteten Bootshause in Niederschöneweide ab, und dann geht es entweder über Schmöckwitz nach einem der dort gelegenen wunderschönen Seen oder über Friedrichshagen hinauf in die Löcknitz oder nach einem andern idyllisch gelegenen Platz weit ab von dem Dunstkreise Berlins. Das Mittag kocht man selbst ab, eine einfache Kost, die aber nach den Anstrengungen der Fahrt besser mundet, als manches ausgewählte Mahl. Unter allerhand Sportspielen, die von einem Stündchen der Ruhe angenehm unterbrochen werden, vergehen die vier bis sechs Stunden der Lagerpause, und um die Kaffeezeit wird die Heimfahrt angetreten. Neugestärkt für die Arbeit der Woche und um eine Menge neuer. Eindrücke bereichert, kommen die Ruderer nach Hause zurück.' Neben den sonntäglichen Tagesfahrten finden-jeden Dienstag und Donnerstag von V28 bis 10 Uhr Uebungsabende im Bootshause NiederschVneweide, Berliner Straße 97/98 statt, an denen Gäste Gelegenheit haben, sich des näheren über den Klub zu orientieren. E. H. sunt Lrrslaurr Aniorrsttätsjubilsum (L August). Von Dr. Carl Pinn. I. . , ... on den Jubelfeiern deutscher Universitäten, die infolge eines eigenartigen Zusammentreffens jetzt sechs Jahre hintereinander folgten — der Reihe nach waren es Greifswald, Gießen, Jena, Leipzig, Berlin — konnte nur das letztgenannte vom spezifisch jüdischen Standpunkt aus ein besonderes Interesse für sich in Anspruch nehmen und ist auch, unterdiesem Gesichtspunkt hier eingehend gewürdigt worden. Die anderen genannten Universitäten hatten und haben, vielleicht abgesehen von Leipzig, jüdische Studierende nur in verhältnismäßig geringer Anzahl, jüdische Professoren aber insgesamt ganz vereinzelt als weiße Raben aufzuweisen. Ganz anders steht und stand j die Sache bei Breslau, dessen Zentenarfeier in diesen Tagen von j vielen gegenwärtigen und ehemaligen Kommilitonen unseres;| Glaubens in festlich gehobener Stimmung begangen wird.! Breslau war von jeher, d. h. seit Jahrhunderten mit seiner für die damalige Zeit beträchtlichen Seelenzahl der Gemeinde ein jüdisches Zentrum, zugleich ein Sammelpunkt jüdischer Gelehrsamkeit nach damaligen Begriffen, die in der Auffassung der Talmudkenntnis als Inbegriffs höchster Gelehrsamkeit wurzelten, und in noch hervorragenderem Maße als gegen- >. wärtig Mittelpunkt des Handels, der heute zum Teil nach! anderer Richtung abgetenkt ist. Die kommerzielle Bedeutung der Stadt führte im 18. Jahrhundert. unzählige Glaubensgenossen aus. dem Hinterland Polen nach der schlesischen Hauptstadt zu vorübergehendem oder dauerndem Aufenthalt. Bei Eröffnung der Universität strömte sofort eine ganze Anzahl wissensdurstiger! polnisch-jüdischer Jünglinge mit oder ohne. ausreichende Vori bildung nach der neuen Bildungsstätte. Der erste Musensichn^der^ überhaupt an der Lima mater Viadrina Vrafislawiensis'lmmattt« \ kuliert wurde, war eiu Jude, der aus Kempen stammte, einem i jüdischen Sammelbecken in der vor 100 Jahren besonders) judenreichen Provinz Posen, damals zum Herzogtum Warschau s gehörig. Es war dies Julius (Christian) Branife, 1792 in dem zurzeit noch polnischen Kempen geboren, aus dem — beiläufig bemerkt — verschiedene Publizisten hervorgegangen sind, die sich als Journalisten und Schriftsteller einen rühmlichen Namen erworben haben, unter anderem der verstorbene Dr. Wilhelm Goldbaum, langjähriger Redakteur der „Neuen Freien Presse" in Wien und der noch hier in der Reichshauptstadt lebende Dramaturg Dr. Moritz Ehrlich sowie, der in den weitesten Kreisen als Ret)Weuraw Berliner Tageblatt" bekannte Dr. Isidor Kastan. Ihr. Landsmann Braniß war wohl der erste^Judeim Orte, der sich eine umfaDnde profane Bildung erwarb und in der Wissenschaft zu hoher Bedeutung gelangte. Er wurde an derselben Universität, deren erster Student. er war, ordentlicher Professor der Philosophie, in der er sich ein eigenes System aufbaute und! starb hochbetagt 1875 nach einem an wissenschaftlichen Er-s folgen und Ehren reichen Leben, nachdem er zweimal das Rektorat bekleidet hatte, so auch im Jubiläumsjähr 1861.1 Leider aber ging er, wie der zweite Bor-> richtiger/ gesagt, Taufname beweist, frühzeitig dem Judentum verloren.^ Von gegenwärtigen Breslauer Profefforen gehören auch dem Judentum nicht mehr an: der Chirurg Minkowski, der weltbekannte Dermatologe Neißerneben dem Chestnker Ladenbürg und dem Pharmakolbgen Filehn e. Letztere beide treten jetzt mit Schluß des Semesters wegen vorgerückten Alters, zum Teil wegen