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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-21 · Heft 29 (21.7.1911) · p. Seite 345

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 29 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
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345 des Judenvolks kennt,' wiees noch heute im Osten Vielfach sich kundgibt, weiß, daß dieser Satz eines der geflügelten' Worte der' Gesamtheit zu allen, Zeiten war. Ebenso volkstümlich wurde der Ausspruch Ben. Asais:„Eile einem leichten Gebote ebenso nach wie einem schweren und flicht jeder Sünde. Denn eine Sünde führt zur -anderen, wie eine "gute'Tat eine zweite herbeiführt; denn der Lohn einer Gebots er füllung ist, daß du ein zweites Gebot erfüllst,.und die Strafe der Sünde Ist, ' daß du eine zweite begehst" (ib. IV, 2). „Nicht minder war in aller Mund die Sentenz Zadoks: „Mache dir die Lehre nicht zu einer Krone, um mit ihr zu brüsten, aber auch nicht zum Grabscheit, um damit zu graben" (ib. IV, 5). Diese drei Sätze der Vätersprüche sind in den verschiedensten Formen variiert und immer von neuem dem Volke eingeprägt worden. So soll Rabbi gesagt haben: „Wer eine Mizwa (ein Gebot) erfüllt nur aus Liebe zum Gebote, freue sich weniger über die Erfüllung der einen Mizwa, sondern hauptsächlich darüber, daß sie ihn zur Erfüllung vieler anderer führt; wer eine Sünde begeht, zittere nicht über diese allein, sondern mehr darüber, daß sie viele andere nach sich zieht" (Sifre, Numeri § 112). Zu Psalm 112, 1: „Heil dem Manne, der Gott fürchtet, seine Gebote sehr liebt" bemerkte. Rabbi Elasar: „Seine Gebote ja, aber nicht heil dem, der den Lohn seiner Gebote liebt" (Aboda sara 19 a). Ein Lehrer aus dem vierten Jahrhundert sagte: „Wäge nicht ab die Gebote der Thora! Sprich nicht: Weil diese eine große Mizwa ist, will ich sie tun, ihr Lohn wird groß sein; jene ist eine geringe Mizwa, ich will sie unterlassen. Was tat der Heilige, gelobt sei er? Er offenbarte bei keiner Mizwa den Lohn> damit man alle reinen Herzens vollziehe" (Deut. r. VI, 2). Psalm 119, 1: „Heil denen, dix redlichen Weges sind" wird von vielen Schriftgelehrten auf Israel bezogen: Gott hätte nämlich gesägt: „Ich gab Israel Gebote, es erfüllte sie, die Verbote erfüllte es ■ ebenfalls. Den Lohn der Erfüllung fügte ich nicht hinzu, und doch sagten sie kein Wort, sondern nahmen alles auf sich" (Schocher tob zu Psalm 119, 1). So finden wir auch, daß die Lehrer' des Volkes ununterbrochen ermahnten, das Studium der Thora, die Erfüllung der Gebote und Liebeswerke unbekümmert um Lohn zu vollziehen, ausschließlich der Sache wegen. Man nennt das mit dem terminus technicus: „lisclrmoh“. Wenn Herr Sombart sich der Mühe unterziehen wollte, dem nachzugehen, würde er finden, daß diese Mahnung wie ein. röter Faden den ganzen Talmud und Midrasch durchzieht. Es gibt fast keinen größeren Schriftgelehrten, von dem nicht ein diesbezüglicher Spruch tradiert würde. „Alles, was du tust, vollziehe rein Gott zu Ehren" (Aboth II,. 12), das ist der Grundsatz, von dem sämtliche Schriftgelehrten ausgehen. Darum stimmten auch die meisten dem Ausspruche zu: „Gottesfürchtig werde nurder genannt, der alles nur zu Ehren Gottes tut" (Gen. r. LIII 9). „Ob du viel oder wenig Thora studierst, Hauptsache ist, daß dein Herz auf Gott im Himmel allein gerichtet sei" (Berach. 5 b). „Die Erfüllung der Gebote erfordert die Richtung des Herzens auf Gott (idiä. 13 a). Nicht weniger als siebenmal wird im Talmud der Ausspruch Rabs, des Begründers der babylonischen Schulen zitiert: „Der Mensch beschäftige sich mit der Thora und den Geboten, mag es auch anfangs nicht aus lauteren Absichten geschehen; später tut er es schön rein der Sache zu Liebe" (Pesachim 60 b). Nach-der Meinung eines Schriftgelehrten hätte eigentlich Adam den Tod nicht verdient. Warum ist nun der Tod doch über das Menschengeschlecht verhängt worden? Weil Gott vorausfah, daß Nebükadnezar und Hiram sich einst werden gleich: Gott anbeten lassen, darum wurde der Tod verhängt. Daraus fragte einer: „Da hätte doch Gott über die Sünder den Tod verhängen sollen, aber nicht über die Frommen! Damit aber die Sünder nicht heuchlerisch Buße tun und sich sagen, die Frommen leben nur, weil sie die Gebote erfüllen und Liebeswerke üben, wohlan wir wollen dasselbe tun, e s würde also etwas getan nicht lauteren Herzens, soarum ist über alle der Tod verhängt)." " (Gen. r. IX, 5). Also gerade diese Soferim, diese nüchternen ' Rechenmenschen, sehen wir, sich alle Mühe geben, das religiöse Leben des Juden aus dem Lohn- und Strafprinzip herauszuheben, auf ein höheres, ethisch reineres Niveau zu stellen. Es ist ihnen nicht gelungen. Sombart hat vollkommen recht. Es ist wahr, daß des frommen Juden Streben nur dahin geht, recht viel Verdienste zu häufen, um des Lohnes auf dieser und in jener Welt sicher zu sein;, es ist wahr, daß im Judentum die Persönlichkeit wenig oder gar nicht in Betracht kommt, jede Sünde — wenn die Reue sie nicht tilgt — ihre Strafe, jedes Verdienst seinen Lohn nach sich zieht. Es ist ganz besonders wahr, daß der fromme Jude im materiellen Wohlergehen Gottes Segen erblickt und das irdische Glück ihm ein Zeichen göttlicher Huld ist. Unleugbar ist es der Reichtum, der als Gottes besondere Gnade geschätzt wird. Alle Sätze, die dagegen sprechen, sind nur Ausnahmen, die für die Regel sprechen und am Volke fast spurlos vorübergegangen sind. Zwar den Vers Deuteron. .15, 6: „Du 'wirst vielen Völkern leihen, selbst aber nichts aus- ' borgen", den Sombart mit dem Behagen eines Feinschmeckers nicht oft genug zitieren kann, den möchte ich nicht so hoch bewerten. Er involviert doch eine Verheißung. Verheißen wird aber'nur das, was man nicht hat, oder nicht '' ist. Wenn den Vorvätern verheißen wird, ihre Nachkommen werden sein wie der Sand am Meer, wie die Sterne des Himmels, so -läßt das gerade auf ein kleines Völklein zu jener '' Zeit schließen, da diese Verheißung niedergeschrieben wurde. Und wenn Devteron. 15, 6 verheißen wird, wenn Israel Gott gehorche, werde es anderen Völkern leihen, selber aber nichts ausborgen, beweist das nur, daß Israel zur Zeit des Autors ein arg verschuldetes, schwaches Völklein war, während andere die Gläubiger waren. Deuteron. 15, 6 ist nur eine Eskomptierüng der Zukunst, aber nicht Schilderung dazumal herrschender Zustände. Doch wie immer, Tatsache ist, daß Reichtum, materielle Wohlfahrt als Segen Gottes - betrachtet wurde. Ja, aber nur bei dirn Juden, nicht auch bei Griechen und Römern, nicht auch bei Germanen? Zufällig blätterte ich dieser Tage in einer alten Verdeutschung der Dramen des Aeschylos. Es sei mir gestattet, aus dieser alten Uebersetzung einige besonders markante Stellen zu zitieren. „Jeder erntet seiner Tat gerechten Lohn* (Eumeniden 259). <- „Wer schuldlos ist Und schuldlos immer, die Hand zeigt, Den suchen wir nie zornmutvoll heim, Und er kämpft durchs Leben sich harmlos. Doch wer sich vergeht, wie der Fremdling dort. - Dem nahen wir uns als Zeugen des Rechts . — — — — — — — — und sind Unerbittliche Zöllner der Bluttat" (bas. 300 ff.). „Wer also zwanglos dem Wink der Tugend folgt, reiches Glück erblüht ihm, Und nimmermehr wird er völlig elend "(das. 482 f.). „Verdient es nicht der Frömwe, daß man ihn belohnt, Vor allem aber, wenn er hilfsbedürftig fleht?" (das. 653 f.).

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