Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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oder unabsichtliche Textauslassungen, falsche Uebersetzungen uftö; handle, da die Stellen richtig übersetzt meist entgegengesetzten Sinn haben und törichterweise aus dem Zusammenhang gerissen - seien.- Ebenso -könnte man Friedrich Schiller als - Verteidiger des Diebstahls ausgeben, weil die Worte: „Und wer^s Nie getan; der stehle" bei ihm Vorkommen, wenn man sie aus dem Zusammenhang herausreiße. Wassermann führte in seinem Gutachten noch aus, daß er die in den letzten 100 Jahren gedruckten israelitischen 'Religionsbücher zur Gerichtsstelle mitgebracht habe. Aus^ denselben gehe deutlich hervor; daß sie bezüglich der Nächstenliebe die gleichen Grundsätze wie die christlichen Religionsbücher enthalten. Der Vorsitzende des Gerichtshofes nahm Veranlassung, mehrere Stellen verlesen zu lassen, und die Richter konnten sich überzeugen, daß die israelitischen Religionsbücher jeden Nebenmenschen ohne Unterschied des Glaubens und der Stellung als den Nächsten zu betrachten und zu lieben befehlen, und daß es eine Erfindung sei, daß nach der jüdischen Religion. Andersgläubige anders behandelt werden müßten und dürften als die Angehörigen der eigenen Konfession. Speziell in Württemberg seien die israelitischen Schulen und die in ihnen gebrauchten Religions-, Sprach- und Lesebücher der Schulaufsicht des Staates und der christlichen Ortsgeistlichen Unterstellt. Der Eid sei für jeden Juden streng bindende Solangenoch die geistliche Belehrung über den Eid statt? gefunden Habe, sei dies ausdrücklich jedem Schwörenden vor? gehalten und die Ungültigkeit jeder Mentalreservation eingeschärft worden. Eine Religionsvorschrist, die den falschen Eid Andersgläubigen gegenüber zuließegebe es im Judenturn nicht. Alle derartigen Behauptungen gehörten in das Reich des Märchens. Es braucht wohl nicht erst ausdrücklich hervor» gehoben zu werden; welch tiefen Eindruck nicht nur aus das 'Richterkollegium, sondern in ganz Württemberg und weit über die Grenzen dieses Landes hinaus auf jedermann das mit ruhiger und vornehmer Würde abgegebene Gutachten des Kirchenrats den verleumderischen Behauptungen des Professors Dr. Rohling gegenüber hervorrief. Wie die Kanzelreden Wassermanns, so zeichneten sich auch seine belletristischen Schriften bzw. Romane und Novellen durch edle Diktion, philosophischen Gedankengang und außerordentliche Gestaltungskraft aus. Er war Mitarbeiter an zahlreichen Zeitschriften, Jahrbüchern und Almanachen. So schrieb er z. B. für das Jahrbuch ^edana (Leipzig, C. L. Fritsche,Jahrgang 1865) eine höchst fesselnde und entzückende Skizze, betitelt „Achtet die Kinder der Armen" ^). Man kanfl ihn unseren besten Ghettodichtern und Familienschriftst'ellern des deutschen Judentums in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts beizählen. Was ihn besonders auszeichnet, ist seine treue Charakterzeichnung, sein feiner psychologischer Sinri, sein graziöser Humor und die Wahrhaftigkeit, die jede Zeile von ihm atmet. Er karikiert nie, malt nicht grau in grau und vermeidet jede Sensation. Schlichteinfach und ungekünstelt gibt sich der Dichter, ünd der Leser fühlt sich ungemein behaglich bei der Lektüre der aus dem Volks- und bürgerlichen Leben entnommenen Stoffe. Die Figuren, die er uns vorführt, sind nicht Schemen und Schatten, sondern Fleisch von unserem Fleisch. Ein realistischer Schildert ersten Ranges, versteht er es, über alles einen poetischen Schimmer äuszubreiten. In all seinen Erzählungen und Novellen wählt er eine moralische Tendenz; es waltet ein ästhetischer Gedanke vob, 0 Seite 339 ff. ■! ohne daß jedoch diese lehrreichen Momente gar 'zu sehr in den Vordergrund treten. - Die hervorragendsten und bedeutsamsten belletristischen Schöpfungen des Verfassers, die samt und sonders jüdische Themata behandeln, sind. die beiden Roman,e Die Mädchen von Chaibar" (Stuttgart, I. B. Metzlersche Buchhandlung 1859),. die der Verfasser unter dem Pseudonym Orientalis herausgegeben, und „Judah Touro, ein Gentleman semitischer Abstammung" (2 Bände, Stuttgart und Leipzig, Eduard Hallberger 1877). 1 In dem ersteren Roman spielt das arabische Judentum zu Muhammeds Zeiten die Hauptrolle. Man merkt es der Phantasie- und geistvollen Handlung nicht an, daß der Verfasser gewissenhafte geschichtliche und kulturgeschichtliche Studien, gemacht und aus arabischen, hebräischen und sonstigen Geschichtsquellen geschöpft hat. Eine besondere Sorgfalt hat er dem Stifter des Islam, seinen Lehren, namentlich aber seinem Charakter und Wesen gewidmet. Auch die Schilderung der weiblichen Gestalten, der lieblichen, hochherzigen sowie der leidenschaftlichen und dämonischen, gelingt dem Dichter ganz außerordentlich. Augenscheinlich hat er tiefe Blicke in das. Herz des Weibes. getan. Sehr plastisch tritt aber in erster Linie die Erscheinung Muhammeds hervor. ,. . . Neben diesen größeren Romanen schuf Wassermann auch Novellen interessanten allgemeinen Inhalts aus dem gesellschaftlichen Leben, die von hohem Reiz sind und von der außerordentlichen Fabulierungskunst des Verfassers Zeugnis ablegen. Nur selten unterbricht er den Fluß der Handlung, durch Reflexionen. Geschieht dies jedoch, so ist alles, was er sagt, von tiefer Bedeutung. So lesen wir. z. B. in. einem Novellenbuch, betitelt „Wahre Liebe" (Stuttgart, Verlag von W. Kitzinger, 1864) iy bezug auf Heinrich Heine: „Ich weiß nicht, ob Sie Heines Schriften näher kennen. Den Klerikern der neueren Zeit werden sie als eine Art „Gottseibeiuns" geschildert und aufs höchste verpönt, wir Geistlichen der älteren Schule sind gefeit gegen den bösen Zauber solcher infernalischen Lektüre." Es wäre sehr zu wünschen, wenn anläßlich des Säkulartages Wassermanns eine Gesamtausgabe seiner ebenso gediegenen wie interessanten Schriften erscheinen . würde. Die schöngeistige Literatur im allgemeinen und die Volks- und Jugendliteratur im besonderen würde dadurch in sehr dankenswerter Weise bereichert werden. Der Kapitalismus der Juden und die jüdische Nrlision. Von Dr: I. Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. VI. er Herrn Sombarts Darstellung des jüdischen Lohn- und Strafprinzips liest, gewinnt sicherlich die Ueberzeugung, daß ein Jude überhaupt nie gelehrt bekam, das Gute seiner selbstwegen zu tun, das Böse zu meiden, nur weil es bös ist. .. Die Lehre des Judentums ist,, so wird er schwören: tue das Gute, weil es dir Lohn bringt, meide das Böse, weil es Strafe nach sich zieht. Geschäft. Welch eine inferiore Religion! Und doch sagte schon Äntigonos aus Socho, ein Mann, der zwei Jahrhunderte " vor Jesus gelebt hat: „Seiet nicht Sklaven gleich, die ihrem Herrn nur des Lohnes wegen dienen, sondern solchen, die ihm dienen nicht, des Lobnes wegen" (Aboth I, 3). Wer das interne Leben