Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1911)
- Date
- 1911-07-21
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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343 trockenen Weise: Lieber Wassermann, nehmen Sie Ihre Gedichte, packen Sie sie alle gut zusammen und : legen Sie-sie in den hintersten Winkel- Ihrer Tischlade (Schreibtische gab es damaA bei den Tübinger Studenten noch nicht). Wenn dann viele Jahre herum sind, nehmen Sie Ihre Poesie wieder hervor und' lesen. sie durch." . / Das genügte — denn niemand hat jene Gedichte je zu Gesicht bekommen. Im übrigen dauerten die Beziehungen des Schülers zu seinem Lehrer fort. Ersterer besuchte ihn häufig, wenn ihn Amtsgeschäfte nach Tübingen, welche Stadt zu seinem Rabbinat gehörte, führten. Ueberdies verband Wassermann eine herzliche Freundschaft mit der damals gefeierten schwäbischen Schriftstellerin Ottilie Wildermuth, die gleichfalls in der wunderbar gelegenen Musenstädt am-Neckar oder besser gesagt am Nesenbach wohnte. Trotzdem oder vielmehr weil die Eltern Wassermanns in einem kleinen unscheinbaren Schwarzwalddorf die schönsten und glücklichsten Jahre ihres Lebens verbrachten — Mühringen liegt eine Stunde von Nordstetten, dem Geburtsorte Berthold Auerbachs—, gab er sich alle Mühe, seine Beziehungen zu ehemaligen namhaften Studiengenossen oder bekannten schwäbischen Geistern aufrecht zu - erhalten. So verkehrte: er viel mit Hermann Kurz, war bekannt mit Eduard Mörike, Gustav Schwab, I. G. Fischer, Friedrich Theodor Bisch er (Schartenmaier), Fr. Notter und wie alle die übrigen hervorragenden Zeitgenossen heißen. Eine: innige Freundschaft verband ihn auch mit dem Pfarrer Wilhelm Presset. Selten wird man noch eine solche aufrichtige, treue Zuneigung treffen, wie diejenige war, die die Geistlichen zweier Konfessionen für einander empfanden. Moses Wassermann erwarb sich in Tübingen den Doktortitel. 1834 erhielt er seine erste Anstellung als Rabbiner.in Mergentheim, kam aber schon nach kurzer Zeit in ^gleicher Eigenschaft nach Mühringen, von wo er nach dem Ableben des Kirchenrats v. Meyer in Stuttgart im Herbst 1873 als dessen Nachfolger nach der Hauptstadt Württembergs berufen wurde. Im ganzen Schwarzwaldkreis war Dr. Wassermann eine bekannte, allgemein geachtete und beliebte Persönlichkeit, von allen Konfessionen hochgeschätzt. Die Sympathie und Verehrung für ihn bekundeten sich auch anläßlich seines 25 jährigen Dienstjubiläums in Mühringen. Aus der Umgebung waren die Bezirksbeamten, Rittergutsbesitzer und Freunde jedes Glaubens herbeigeeilt und hatten in zahlreichen Reden und Trinksprüchen des schönen Zusammenlebens in Frieden und Eintracht gedacht. Insbesondere wurde von dem evangelischen Pfarrer Dr. Menz aus Vierlingen die universelle Begabung, die wissenschaftliche. Bildung, die Rednergabedie schriftstellerische Tätigkeit und die wohlwollende . Humanität des geistreichen Gesellschafters mit warmen Worten geschildert und dem Schmerz über das Scheiden des beliebten Seelsorgers nach 39 jähriger segensreicher Wirksamkeit beredt Ausdruck gegeben. Der Gefeierte dankte in bewegten Worten , auf den allgemeinen Fortschritt hinweisend) der es ermöglicht habe, daß sich zum Abschied eines Rabbiners außer verschiedenen Geistlichen anderer Konfession auch noch mehrere Vertreter des Adels eingefunden hätten. Stets war das ' Verhältnis Wassermanns zu seinen Gemeinden und' speziell" zü/ seinen: Psärrkindern in seinem früheren Bezirk im Schwarzwaldein überaus inniges und herzliches) Das mußte man eigentlich j miterlebt haben, um die richtige Beurteilung und Würdigung das üv zu finden/ Diese Anhänglichkeit- Zuneigung und Ehr-; furcht und dieses felsenfeste Vertrauen/ verbunden mit der/ aüfrichtigsten, hingehendsten Verehrung einerseitsünd^dagegen; diese warme Empfindung,, Teilnahme' am-Geschick jedes ein-' zelnen, die Opferwilligkeit, selbst mit Hintansetzung der eigenen Person und deren Interessen,- ein solches Verhältnis wird niemals wiederkommen. Wie schon hervorgehobengenoß er nicht allein bei den Israeliten eine außerordentliche /Vermehrung, und mar er nicht nur ein Freund, Berater und Helfer in. allen möglichen und unmöglichen Nöten, sondern auch bei den Christen des . ganzen Oberamts Horb, . dessen „Jnventarstück" er sich mit stolzer Freude-gern nannte, stand er in hohem Ansehen, Wir wollen bei diesem Anlaß noch hinzusügen, daß es hauptsächlich seinem tatkräftigen, energischen, eigentlich bei einem Rabbiner bisher noch nie dagewesenen Eingreifen zuzuschreiben ist, daß im Jahre 1848 die im Schwarzwald herrschenden Tumulte, namentlich auch die Exzesse, gegen die Juden, auf ihren Herd (den Ort Baisingen) sich, beschränkten und dadurch unsagbares Unheil verhütet wurde.. > In hohem Grade zeigte sich diese allgemeine Liebe, , deren der einfache und schlichte Geistliche .sich zu erfreuen hatte, anläßlich seines 80. Geburtstages und 50 jährigen Amtsjubiläums, das in nah und fern mit einer seltenen Herzlichkeit gefeiert wurde. An der Spitze der Beglückwünschungen stand König Karl von Württemberg, der in einem Kabinettschreiben in huldvollsten Ausdrücken gratulierte. Auch seitens der Staats¬ und städtischen Behörden wurden ihm die glänzendsten Auszeichnungen zuteil. ' ... , Noch kurz vor seinem Tode trat Kirchenrat Dr. v. Wassermann in dem Antisemitenprozeß contra Professor Dr. Rohling zu Ulm, wo er als Sachverständiger- und. Zeuge vernommen wurde, hervor. Diese interessanten Darlegungen vor Gericht über den Talmud wurden-viel vermerkt- und sie verdienen gerade jetzt einem weiten, Leserkreise. bekannt .zu werden. Er führte unter anderem aus, er fei 82 Jahre alt, 70' Jahre, seines Lebens habe er sich mit dem Talmud, bed^stigt, - der seine Domäne sei. Er halte sich also für einen Befähigten. Beurteiler. Sein hohes Alter, das ihn bald vor einehöhere Richterstelle rufen werde, werde ihn tvohl vor jeder Anfechtung seines Bestrebens, die Wahrheit zu sagen, bewahren. Der Talmud, ein Werk von zwölf starken Folianten, dessen Kenntnisse sich anzueignen ein Menschenleben im entferntesten nicht ausreiche, sei nicht, ein eigentliches Gesetzbuch, sondern mehr ein Sprechsaal, in welchem über alles mögliche und nicht nur »über Glaubenssachen Ansichten ausj getauscht, Fragen aufgeworfen und beantwortet werden. Dies Werk habe zu seiner Abfassuyg über 100 Jahre gebraucht und sei in stetem Fluß geblieben. .Die Verfasser seien zu meinem großen Teil nicht Schriftgelehrte, sondern vielfach auch Handwerker und Leute aus dem Volke gewesen. Anfechtbar am Talmud, sei höchstens die Logik, seine Moral . sei ejne schwärmerische, eigenartige, aber durchweg gutartige.. Wie schon die Personen der Verfasser ergeben-sei nicht alles darin Erhaltene als einen-wirklichen inneren Wert darstellend zu bezeichnen. Neben vielerü Sinn sei auch mancher Unsinn darin, aber die Moral sei eine durchaus unanfechtbare,, sie enthalte nichts, sittlich Verwerfliches. Als die, Israeliten andere Rechte bekamen, ließen sie die talmudische Richtung auch formell hinter sich. Der Talmud habe feit 100 Jahren feine Geltung zu Dreiviertel vollständig verloren. Der;,Schulchan Aruch" habe nie Gesetzeskraft gehabt, sein) Wassermanns- Antrag bei der . Augsburger- Synode im Jahre 186.9, den „Schulchan Aruch" zu. erweitern, sei/einstimmig abgelehnt worden, weil dieser keine Autorität besitze, also auch nicht, zu revidieren sei. Es gäbe ganze israelitische. Gemeinden, in denen auch nicht ein Angehöriger je einmal einen Talmud auch nur-zu.Gesicht bekomme,i habe. Zu einzelnen der von Rohling ausgehobenen Stellen übergehend, wies er Nach, daß es sich um absichtliche