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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-14 · Heft 28 (14.7.1911) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
Seite 335 (sequence 11)
Language
German
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335 Aber die Kinder schrien nach Brot. Ihr Weinen schnitt ihm in die Seele und oft meinte er, daß ihn dieses Weinen in den Wahnsinn treiben werde. „Moseschen, Davidchen, Ihr werdet Brot bekommen. Ich bringe Euch gutes, frisches Brot. Weinet nicht, meine Lämmerchen." „Gestern hast Du das auch gesagt und nichts gebracht." . „Gestern habt Ihr Kartoffeln gehabt." „Ich will Brot haben." „Ihr werdet es haben," tröstete sie Ore und knirschte: mit den Zähnen. „Nur jetzt gehet schlafen, meine Lämmerchen." ' Die Kinder weinten sich in den Schlaf. Bis nach Mitternacht betrachtete Ore die abgemagerten Gesichtchen. Der Schlaf hatte sie versöhnt. Davidchen lächelte. Er Preßte die; kleine Faust an den Mund und tat, als ob er kauen würde. Er ißt, dachte Ore und schluchzte laut auf. Er konnte die Kinder nicht länger anschauen, es trieb ihn auf die Gasse hinaus. Der Schmerz trieb ihn und die Verzweiflung. Wie lange kann dieser Zustand noch dauern? Wie lange können die Kinder noch hungern? Und wie er tastend vorwärts schreitet, da macht ihn Plötzlich ein warmer, angenehmer Geruch stillestehen. Es war der Geruch von frischgebackenem Brot. Und ringsherum blickend sieht er, daß er sich vor des Bäckers Werkstatt befindet. Die Tür stand offen. Aus dem Backofen fiel ein rötlicher Schein auf die Gaffe hinaus, und dieser Schein beleuchtete zwei Brote, welche der Bäcker an die Tür gelehnt hatte, damit dieselben auskühlen sollten. Ore ergriff ein Schwindel. Eisige Kälte lief über seinen Rücken, welcher sich plötzlich krümmte. Ore bückte sich und faßte mit zitternden Händen nach einem Brot. Als ob er sich daran verbrannt hätte, sprang er zurück und blieb schweratmend bei der Tür stehen. Seine Augen lugten erschrocken nach rechts und links, und erbebte an allen Gliedern. Dann bückte er sich wieder, und mit gewaltsamer Willenskraft zwang er sich zu der Tat, die ihn entsetzte. Er nahm ein Laib Brot weg, steckte es unter seinen Rock und lief davon. Ab und zu hob er seine Augen zum Himmel und forschte: „Hast Du es gesehen, Rebojne schel Ojlem?" fragte er murmelnd. Nun, der Herrgott hatte es ganz bestimmt gesehen, und auch Liweitzer sah es, den die Verzweiflung wieder in die finstere Nacht hinausgetrieben hatte. Das Blut erstarrte in seinen Adern, als er sah, wie sich der unglückliche Mensch vergaß. Er wollte ihn ansprechen, doch fehlte ihm der Mut dazu. Wie konnte er den Unglücklichen beschämen? Er folgte ihm, ohne selbst zu wissen, warum. Ore machte, nach Hause gelangt, kein Licht. Das Brot legte er . in das offene Fenster und betrachtete es lange Zeit. Zärtlich, verliebt streichelte cr es und murmelte dabei: „Wir haben gutes, weiches Brot, Moseschen." Der Morgen war schon nahe, als er sich schlafen legte. Der Morgen nahte schon, als Liweitzer nach Hause ging. Sein Herz war voller Mitleid und Erbarmen. Auf dem Tische lagen seine Bücher, doch er beachtete sie nicht. Auf dem Wandbrett waren Bücher, doch auch um diese kümmerte er sich jetzt nicht. Hinter den Büchern pflegte er das Brot aufzubewahren, seinen ganzen Wochen Vorrat. Er befaß noch ein unaufgeschnittenes Laib. Brot — gutes, doch schon trockenes Schwarzbrot. Er griff nach dem Brote, steckte es unter seinen Rock und ging in der Richtung von Ore Heimlichs Haus fort. Als er zur Umzäunung kam, blickte er vorsichtig ringsherum, und als er sah, daß die Gaffe menschenleer sei, trat er in den Hof, schlich zum Fenster hin, entnahm diesem das frische Brot und tat seines an dessen Stelle. Dann stahler sich wieder auf 'die Gaffe hinaus und ging zur.Bäckerwerkstatt, wo er das ^gestohlene Laib Brot vorsichtig zu den übrigen legte. Ore vermochte vor Aufregung nur wenig zu schlafen. Als der Morgen graute, setzte er sich im Bette auf und blickte lächelnd zum Fenster hin; dann betrachtete er die Kinder und konnte kaum deren Erwachen erwarten. Moseschen erwachte zuerst. „Ich will Brot haben," weinte er leise, klagend. „Wir haben, wir haben," jubelte Ore, sprang aus dem Bette und lief zum Fenster hin — wasche Dir die Hände Moseschen, da ist gutes, frisches Brot." Und, nachdem , er sich auch die Hände gewaschen, griff er zitternd nach dem Brot und schnitt es auf, und wie er es aufschnitt, war es ihm, als ob sein Herzschlag still stehen und das Blut in seinen Adern gerinnen sollte. Das Brot deffen frischer, warmer Geruch ihn vergangene Nacht betäubt hatte, war hart und trocken. Ore betrachtete das Brot mit entsetztem Grauen. Er rieb seine Augen, denn er glaubte, daß es Blendwerk sei, Aengstlich betrachtete er wieder das Brot und, als er sich überzeugte, daß es hart sei, taumelte er erschrocken zurück, schlug die Hände zusammen und sank auf einen Stuhl. „Also hat er^s gesehen, er haPs gesehen," murmelte er entsetzt. „Der Rebojne sehel Ojlem hat es gesehen und hat. mich bestraft und hat mir ein Zeichen gegeben und aus dem weichen Brot ist trockenes Brot geworden." Die Kinder waren wieder unruhig, doch Ore hörte jetzt ihre Klagen nicht. Das Wunderzeichen nahm ihm den Verstand, und in seiner seelischen Taubheit vernahm er nichts anderes als eine große, entsetzliche Anklage, die im Grunde seines Herzens mit Unversöhnlichem Zorne ihre mahnende Stimme erhob: „O, du Elender! O, du Gottloser! Hast für den Sabbattag Manna gesammelt und das Manna ist verdorben. Hast Brot gebraucht, was? Weiches Brot, was? Und bist nicht zu Gott gegangen, sondern zum Bäcker . . . Und hast gestohlen, wo doch das Stehlen verboten ist, und das weiche Brot ist vertrocknet . . . Nun so friß! friß!" (Fortsetzung folgt.) Lüchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. 87. Jahresbericht über die Baruch Auerbachschen Waisen- Erziehungsanstalten für jüdische Knaben und Mädchen namenS des Vorstandes erstattet von A. Strelitz. Berlin 1911, Lebensche Buchdruckerei. Ex^enlöeeg äubileurni Szam Szerkesztö Szabolcsi Miksa. 1886—1911. XXX 23 Ikszam 1911 Junius 1. Lessings Religion. Zeugnisse gesammelt von M. Joachimi-Dege. .Erschienen 1911 bei Eugen Rentsch, Verlag, München. (Pandora geleitet von Oscar Walze! Bd. 3.) Biographisches Handbuch der in der Kaiserlichen und Königlichen österreichischen und ungarischen Armee und Kriegsmarine aktiv gedienten Offiziere, Aerzte, Truppen-, Rechnungsführer und sonstigen Militärbeamten jüdischen Stammes von Moritz Frühling. Wien 1911, im Selbstverläge des Herausgebers, II. Taborstr. 20. Preis 3 Kronen. Jubiläumsbericht anläßlich des 50jährigen Bestehens des Israelitischen Waisenhauses für Stadt und Provinz zu Königsberg i. Pr. 1861/1911. Hartungsche Buchdruckerei. 1911. A. Steuerman-Rodion. Heinrich Heine si Ed. Grenier. Un Raspuns. Bucuresti-Editura „Lumen“, Str. Calonfiresca 7. 1910. Pretul-30 bani.

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