Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
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Lin Jude, Inhaber des Lilrrnen lkrru?es." in halb Jahrhundert ist jetzt schon verflossen, Da rief zum Kampf ein Königswort ins Land; Auch ich Hab' mich dem Zuge angeschlossen, Mich ziert das Kreuz am schwarzweißseidnen Band Dem Freiheitskampf Hab' ich mein Blut gegeben. Er sollte bringen uns der Gleichheit Glück: — Das eh'rne Kreuz, das Ihr mir habt gegeben, Es drückt mich schwer, o nehmet es zurück. Und als der Feind verjagt mit Schimpf und Schande. Ergab ich mich mit Lust der Wissenschaft, .;i Mich fesselten an sie die stärksten Bande. Ihr weihte ich all meine Willenskraft — Vergebens war mein eifervolles Streben, Aus jeder Bahn wies man mich hart zurück: — Das eh'rne Kreuz, das Ihr mir habt gegeben, Es drückt mich schwer, o nehmet es zurück. Soldat zu sein gestattet' ich dem Sohne. Er zeigte dieses Standes stets sich wert. Doch stieb man ihn zurück mit schnödem Hohne, Als er den Rang des Offiziers begehrt. In niedrer Stellung fließet jetzt sein Leben, Der trübe Kummer spricht aus seinem Blick: — Das eh'rne Kreuz, das Ihr mir habt gegeben. Es drückt mich schwer, o nehmet es zurück. Der zweite Sohn, das Baufach zu studieren. In froher Hoffnung ging er nach Berlin; . Doch ach, verschlossen sind ihm alle Türen. Gebrochnen Herzens muß er wieder ziehn. — Zum Trost fand er die Bahn für sein Bestreben Im fremden Land zu Freiheit, Ruhm und Glück: — v Das eh'rne Kreuz, das Ihr mir habt gegeben, Es drückt mich schwer, o nehmet es zurück. Heut abermals erschallt .ein Ruf von oben. Man ladet mich zur Königstafel ein; Die Kameraden fühlen sich erhoben, Ich aber kann nicht heitern Sinnes sein; Ich denke heut an mein verfehltes Streben, An meiner beiden Söhne Mißgeschick: — Das eh'rne Kreuz, das Ihr mir habt gegeben, Es drückt mich schwer, o nehmet es zurück. S. Marx. Leim Lsmpchrn. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsäni. XXIII. r suchte seine Habseligkeiten zusammen, dankte Frau Eschkeles sür die genossene Gastfreundschaft und übersiedelte wieder zum Rabbi. Den samstätigen Nastag aber hatte er Srole Posbenak überlassen. Qualvolle und traurige Zeiten folgten nun für ihn. Er kämpfte gegen seine Herzensregungen, doch je mehr er dagegen h Dieses Gedicht, zum 50jährigen Jubiläum des „Ausrufs an mein Volk" 1863 gedichtet, bisher ungedruckt, ist noch heute der Mitteilung wert. * L. G. ankämpfte/ um so heftiger wurden die Flammen entfacht. Und die allmächtige Liebe brannte in ihm mit ewigem, verzehrendem Feuer und vernichtete alle jene Empfindungen, die festgewurzelt in seiner Seele gelebt hatten. Im Lichte dieses Feuers erschien ihm alles klein und bedeutungslos, und beinahe unbemerkt hatte sich seine Gefühlswelt auf befremdliche Art umgestaltet. Diese revolutionäre Veränderung entsetzte ihn. Er bekannte sich bis jetzt zu den heiligen Traditionen, in welchen er erzogen worden, er hielt die Lebensauffassung hoch, die man ihm eingeimpft hatte und nun marterte ihn der Gedanke, all diesem abtrünnig zu werden. Er fühlte sich elend und vom Sündenbewußtsein gefoltert. Er sehnte sich nach der Wiedergeburt und fürchtete sie. Er schrak vor ihr zurück und hatte doch nicht die Kraft, die in seiner Seele sprießenden Frühlingstriebe zu ersticken. Er fühlte, daß diese zerstörende Liebe keinen Sinn habe, zu nichts führen könne und war doch nicht imstande, ihr zu entsagen. Er gelobte sich, Esterchen zu meiden, doch deshalb studierte er weiter die deutschen und ungarischen Bücher und verbündete sich mit den Bachwiim Tante Breindls zum geheimen Lernen, von dem Bestreben geleitet, sich Esterchens würdig zu machen. „Ich bin vom Teufel besessen," dachte er jedesmal, wenn er den Talmud bei Seite legte und ein profanes Buch aus dem Fache nahm. Das Buch brannte seine Hand, seine Seele, und die Buchstaben grinsten ihn gleich blitzenden Teufelsaugen an. Tiefste Verzweiflung schluchzte in seiner Seele, und er faßte das Buch, warf es zu Boden und trat es mit Füßen. Im Zimmer drohte es ihn zu ersticken und er rannte auf die Gasse in die finstere Nacht hinaus. Bis zum Morgenanbruch ging er da auf und nieder. Irgendeine geheime Kraft zog ihn immer vor das Eschkelessche Haus, trotzdem sich seine Seelenqualen hier vertausendfachten. Wochenlang dauerte dieser entsetzliche Seelenzustand. Er fastete und kasteite sich, doch den Teufel, welcher von ihm Besitz ergriffen hatte, konnte er weder durch Fasten noch durch Kasteien heraustreiben. „Mein Gott, warum erbarmst du dich meiner nicht," rief er wehklagend in die laue Frühlingsnacht hinaus, als er verzweiflungsvoll die stillen Gassen durchmaß. Zuweilen begegnete er Berele Beer und dieser sprach ihn an. „Sie lüften Ihren Kopf, was? Das ist klug von Ihnen, Reb Gedalje. Das viele Lernen schadet. Alles schadet, was zuviel ist. Denn warum? Weil ein Maß auch nicht mehr fassen kann, als ein Maß voll. Im Maße ist indes immer weniger als ein volles Maß. Das weiß keiner so gut wie ich. Was meinen Sie, Reb Gedalje, wie viele Juden gibt es, die ihre täglichen Bedürfnisse mit vollem Maße messen dürfen? Vielleicht fünf, sechs. Die anderem sind alle arm. Ich sehe alles, und oft bricht mir vom Abend bis zum Morgen das Herz vor Mitleid. Am meisten, wenn ich Ore Heimlichs Haus sehe. Ach, ist dort das Elend groß!" Berele sprach die Wahrheit. Unsägliche Armut war in dem Hause Ore Heimlichs. Die Kinder hungerten mehr als sie aßen und weinten öfter als sie lachten. Ore versprach ihnen jeden Tag Brot und Honigkuchen und brachte ihnen kaum das Brot. Wenn er zu Eibisch oder zu Eschkeles oder zu wem immer gegangen und sich beklagt hätte, daß er keinen Erwerb habe, hätte man sich seiner erbarmt und seine Kinder nicht hungern lassen. Aber er ging nicht. „Von ihnen verlange ich nichts," grollte er, „sie haben mich beraubt, von ihnen will ich nichts haben; sie haben mir das Brot weggenommen,, von ihnen will ich es nicht erbetteln."