Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- Seite 333 (sequence 9)
- Language
- German
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) wieder zu ihrem ersten Gatten, derunterdessen Kommerzienrat geworden ist, resigniert, entschlossen, sich lieben zu lassen ohne wieder zu lieben-, bereit das Haus zu schmücken, sich mit Kleidern und Juwelen geschmackvoll behängen zu lassen, vielleicht auch dazu - wer kann das freilich wissen — ihren Mann anständig zu behandeln und ihre Kinder zu verwöhnen. Man sieht, diese Vorgänge sind recht peinlich, und man muß einräumen, die Personensind säst sämtlich unsympathisch. Frau Susanne zwar ist ein entzückendes Geschöpf, nicht so | oberflächlich, wie es nach der kurzen Inhaltsangabe erscheinen » möchte, denn sie ist ein denkendes Wesen, eine Meisterin im I Violinspiel, von gutem Geschmack in literarischen und Kunsti dingend es mag höchst reizvoll sein ihren Tischherrn abzugeben, t aber es muß unendlich anstrengend sein, ihr Liebhaber- und 1 fast unerträglich, ihr Gatte zu sein. Denn in ihrem Wörter-1 buch fehlt das Wörtchen Pflicht. Herr Livland Junior ist ein moderner Mensch. Das ist in den Augen mancher ein Vorteil, aber er taugt nicht fürs Leben, denn er ist ein Jnnenmensch, der aus ewigen Bedenken nicht herauskommt, sowohl als Liebender, wie als Jurist, eine sensitive Natur, der für deri schweren Lebenskampf nicht ausreicht, in dem man den Ellbogen braucht, nicht das Gefühl.; ’ r Von den drei Hauptpersonen ist Herr Leopold der beste: tätig in seinem Geschäft, gutmütig im Leben, wenn auch eine feine Natur sich von seinen Derbheiten scheu zurückzieht, nicht nur vor seinen klatschenden Handküssen; ein Sinnenmensch, der alle Launen seiner Frau trägt, und sie nicht etwa aus Trägheit und Bequemlichkeit, sondern mit wahrer Begeisterung zurücknimmt, zufrieden mit den Brosamen, die ihm die schöne Puppe zuwirft, ja vielleicht sogar glücklich darüber, diejenige sein zu nennen, die anderer Leidenschaften zu erregen imstande war und ist. Ebenso unerfreulich wie die Hauptpersonen sind die Menschen, die'nur gelegentlich Vorkommen. Zwar sind die alten Livlands wackere Leute, ebenso wie die alten Anschüße Bei beiden Paaren sind, und das ist vielleicht ein charakteristischer Zug für das ganze Buch, die Frauen energischer. Die Tatkraft von Frau Livland zeigt sich zumeist in dem brennenden Ehrgeiz, den sie. für ihren Sohn empfindet, so daß sie in ihm eine Leuchte der Wiffenschast, eure Zierde des Advokatenstandes sehen möchte, die der Frau Anschütz im Poltern mit ihrem Mann und in der Beherrschung ihrer Köchin. Die beiden älteren Damen, die übrigens weder mit besonders körperlichen, noch seelischen Reizen ausgestattet sind, fallen auf die. Nerven. Ihre Männer, ordentliche Kaufleute, die aber in ihrem Geschäft keni übermäßiges Glück haben, sind bescheidene, zurückgezogen lebende Menschen. ' Auch die zwei häufiger vorkommenden Junggesellen, die nicht allzuviel in die Handlung eingreifen, aber immer wieder Vorkommen, sind nicht sonderlich sympathisch. Dr: Müller, ein ehemaliger Theologe, der von einer stillen Schwärmerei für Frau Susanne erfüllt ist, mit ihr philosophiert und ihre Gewissensbeichte empfängt, ohne sie absolvieren zu können, und Dr. Heppner, ein Privatgelehrter, ein leichtsinniger Spekulant, der durch seine Börsentips den guten Livland ins Unglück bringt und seine gemeine Sinnlichkeit der verwitweten Frau Susanne so deutlich kund gibt, daß er selbst die Empörung dieser indolenten Frau hervörruft. - . v- Eine einzig wirklich sympathische Figur bleibtübrig. Eine Jugendfreundin Susannes, Frau Elly Alvenslebeneine resolute, humoristisch angelegte Frau, die sich in kleinen Verhältnissen tüchtig erweist, ihren kranken Mann pflegt und ihre Kinder betreut, nach dem Tode des Mannes und nach dem infolge des Todesfalls eingetretenen Konkurse sich selbst wacker Hält, rüstig ein neues Leben gestaltet und ihre gesunde Lebenslust in schweren Anfechtungen und bedenklichsten Lebenslagen sich bewahrt. Sie ist, wenn man von dem Dienst- und Geschäfts- Personal absieht, die einzige Christin, die in dem. Roman vorkommt. Aus diesem Umstand darf man jedoch keineswegs schließen, daß hier etwa die Tendenz des, so viel wir wissen, jüdischen Autors Vorlage, dieses Bild einer tüchtigen gesunden Frau den angekränkelten Juden gegenüberzustellen. Dem Verfasser liegt vielmehr jede Tendenz fern, sowohl die: Christen den Vorrang'vor den Juden zu gewähren, als die: sämtliche Juden. als minderwertig darzustellen. Er will weiter nichts als einen Ausschnitt aus dem Leben geben, eine Schilderung von Kreisen, wie sie wirklich existieren. Das ist ihm mit großer Meisterschaft gelungen. Seine Figuren stehemalle fest Umrissen da, die Personen, mag man sie lieben' oder verachten, sind trefflich gezeichnete Typen. Das öde, flache Leben mancher Kreise ist mit vielem Scharfsinn beobachtet, wuchtiger Ernst steht neben erfreulichem Humor. Eine humoristische Prachtfigur ist der alte Anschütz: dieser Bankier, der bessere Tage gesehen hat, und der sich seine gute Laune erhält, trotz aller kleinen Quälereien der herrschsüchtigen Gattin und aller Unbilden des Schicksals. Die Art, wie er, ohne aufdringlich zu sein, und ohne sich vor dem Reichtum zu beugen, nur aus menschlichem Mitgefühl, die Beziehungen zu seinem ersten Schwiegersohn unterhält, wie er' mit Energie und Geschick die verwirrten Verhältnisse seines zweiten Schwiegersohnes ordnet, die Zartheit, mit der er die verwitwete Tochter behandelt und, obgleich er keineswegs den Anspruch erhebt, ein Philosoph zu sein, die Frage nach ihrer Eigenart undnach der Weise, wie sie hätte erzogen werden sollen, auseinandersetzt, istungemein fein; geradezu entzückend die Szene, wie der Vater die Tochter in sein Rauchzimmer mitnimmt und mit ihr ein behagliches Plauderstündchen führt. Von künstlerischem Gesichtspunkt ist das Werk alles Lobes J wert. Ob und inwieweit für die Figuren lebende Modelle f benutzt sind, kümmert uns wenig; die Widmung „Dem Andenken an einen stillen Jungen" deutet wohl darauf hin, daß für Livland ein Bekannter des Autors manchen Zug hergegeben hat. Es wäre sehr zu wünschen, daß der Verfasser, der mit dem jüdischen Milieu sehr vertraut ist und eine hervorragende Begabung des Erzählens besitzt,' einen Roman schüfe, der mehr in die Kämpfe und die bewegenden Fragen der Gegenwart ein fü hrte als der vorliegende. > Nicht die Verklärung unserer Eigenart, nicht die Verp herrlichung unserer Anschauung, nicht die Vorführung von j JdealgestülteM wünschen und ersehnen wir; vielmehr können wir die Hervorhebung unserer Mängel, ja auch herben Tadel unserer Laster ertragen, aber wir möchten von dem ‘ hochbegabten Verfasser ein Buch erwarten, das unser Denken und Fühlen, unser Hoffen und Harren in reälistischer und zugleich dichterischer Weise zum Ausdruck bringt. i.s