Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- Seite 332 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228990--67620-3279847- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-v*» rT^ar^vr^ 332 überirdische Welt, an eine Fortdauer der Seele nach dein Lode/ bald auch der Glaube an die Auferstehung des Leibes' in das Judentum ein ... das „Wohlergehen auf Erden" gewinnt dadurch natürlich im Religionssystem eine andere Bedeutung: es ist jetzt nicht die einzige Belohnung gerechter Lebensführung, der Lohn im Jenseits kommt hinzu. Aber zunächstbleibt doch der Segen des Herrn in dieser Welt neben dem seligen Leben in jener Welt als wertvoller Teil des Gefamtlohns bestehen. Und daneben-, wird noch eist anderer Sinn des irdischen Glückes offenbar: Das „Wohlergehen auf Erden" wird als ein Zeichen angesehen, daß man ein dem Herrn wohlgefälliges Leben führe. Im irdischen Glück tritt die Gerechtigkeit zutage: bew ährt sich die echte Frömmigkeit... Die „Güterlehre" empfängt dadurch in der jüdischen Religion folgende deutlich umrissene Gestalt: Oberstes Lebensziel bleibt es, die Gebote Gottes zu erfüllen,- Ein von. G ott'los gelöstes irdisches Glück kann es nicht geben: Töricht wäre es deshalb, die irdischen Glücksgüter zu suchen um ihrer selbst willen. Aber weife ist es, sie zu suchen als ein in die göttliche Zweckordnung eingefügtes Gut, so daß sie als. Zeichen und Unterpfänder göttlichen Wohlgefallens,, als ein mit der Gerechtigkeit als Lohn verknüpfter göttlicher Segen hingenommen werden. Zu den Glücksgütern dieser Erde gehört aber nach dieser Auffassung zweifellos auch.ein wohlbestelltes Haus: gehört materielles Wohlbefinden, gehört Reichtum. ' : -. . . Wenn wir die jüdischen Religionsquellen durchlefen, so lassen sich allerdings einige ganz wenige Stellen Nachweisenin denen die Armut als das höhere Gut gegenüber dem ^Reichtum gepriesen wird. Aber diesen wenigen Stellen stehen gewiß Hunderte und Aberhunderte gegenüber, die dey Reichtum preisen, die ihn als einen Segen des Herrn betrachten und höchstens vorseinem Mißbrauch oder vor den Gefahren-warnen, die er im Gefolge hat-. . . Aber damit ist doch nichts gegen den Reichtum gesagt; ist vor allem nicht gesagt, daß er Gott ein Aergernis sei . . , „Der Herr, dein Gott, , wird'dich segnen, wie er dir geredet hat. So wirst du vielen Völkern leihen und du wirft von niemandem borgen." (Deut. 15, 6.) . . , Je frömmer ein Jude war, je besser , er in seinen Religionsschriften Bescheid wußte, desto mehr Antrieb zum Erwerben mußte er aus den / Lehren seines Glaubens schöpfem" (S. 245 ff.) Schon dieser letzte Satz ist eine Ungeheuerlichkeit an Uebertreibung und — ich sage es rund heraus — an Unwahrheit. Herr Sombart scheint keine Ahnung davon zu haben, daß die Soferim, wie er die Talmudweisen nennt, um unterbrochen predigten, nur einen Bruchteil des Tages dem Erwerbeden größeren Teil aber und die Nacht dazu dem Th orastudium zu widmen und lieber zu hun gern, als das Studium der Lehre zu vernachlässigen. Kennt Herr Sombart die Sprüche der .Väter? Weiß er, daß diese Sprüche der Väter jedem Juden? so geläufig waren, wie das tägliche Gebet? So schlage er denn den sechsten Abschnitt auf, der von nichts anderem handelt, als vom Werte des Thorastudiums. Da heißt es: „Dies ist der Weg, der zur Thora führt : , Iß Brot mit Salz, trinke Wasser in kargem Maßliege auf dem Boden, verbringe dein Leben in Sorge, aber mühe dich um die Thora. Wenn du so tust, dann heil, dir und wohl, dir; heil-' dir hienieden, wohl dir im Jenseits." Es gab auch keinen frommen Juden alter Zeit — und jeder Fromme war da. ein Gelehrter, — der nicht Simon ben Jochais Ansicht teilte, der Jude solle weniger mit dem Erwerbe von Nahrung und Kleidung als mit dem der Thora, sich befassen, und Jehuda ben Jlais Wort, den Erwerb zur Nebenbeschäftigung/ die Thora' zur. Hauptbeschäftigung zu machen^ (B: Berach. 35 6), nahm sich jeder zu Herzen. Rabbi Nehorai sagte: „Ich lasse alle Erwerbsarten fahren und lehre mein n Sohn nur Thora . . . Erkrankt dev Mensch, oder wird er alt, kommen Prüfungen über ihn, oder er wird arbeitsunfähig, stirbt er vor Hunger. Die Thora aber, wer die hat, den behütet sie vor Unglück in der Jugend, läßt hoffen im Alter" (Mischna Kidduschin IV, 12). . Fast zum Gesetz erhoben wurde die Norm der „heiligen Gemeinde", an deren Spitze Simon ben Menasja stand, die Stunden des Tages so einzuteilen, daß man ein Drittel für das Gebet, ein zweites der Arbeit und das dritte dem Thorastudium widme (Koh. r. zu 9,9). Hätte Herr Sombart versucht, ehe er sein Buch schrieb, aus eigener Anschauung das religiöse Leben altfrommer Juden in der Familie, in der Synagoge, in der Gemeinde etwas, besser kennen zu lernen, er hätte zu seinem Staunen oft und oft sehen können, wie reiche Leute ihre Töchter an. arme Talmudisten, die im Rufe großer Gelehrsamkeit standen, verheirateten, und überglücklich waren, einen gelehrten Schwiegersohn zu haben, für den sie arbeiteten. Und wie viele fromme Juden in Ungarn und Galizien und Rußland auch heute noch mit. dem kärglichsten Brot sich begnügen, um nur nicht zu viel Zeit der Thora zu rauben, kann ihm jeder Dorsjude jener Gegenden als etwas Selbverstündliches erzählen. lFortsetzung folgt.) ■ *om / Martin Srrsdt: Lhrleutr?' Besprochen von Ludwig Geiger. in Kunstwerk sollte von dem Leser nie danach beurteilt werden, ob der darin behandelte Vorgang peinlich ist und ob die darin dargestellten Personen unsympathisch sind. Bei solchem Vorgehen kommt ein Kunstwerk nicht zu seinem Recht; dem vorliegenden Buche würde bei einer solchen Betrachtungsweise geradezu bitteres Unrecht geschehen. Denn peinlich ist der Vorgang durchaus: Susanne Anschütz, ein hübsches, elegantes Mädchen, wird von ihren Eltern mit dem Kaufmann Leopold Stern — Butter eu gro8 — vermählt. Er trägt sie zwar auf Händen, befriedigt ihre Launen, kann aber, da er tölpisch, ungeschlacht, und ungebildet ist, die Liebe der gebildeten, .zierlichen, feinfühligen Frau nicht erwerben. Vielmehr wendet sie sich zu der Zeit, da sie sich Mutter fühlt, ihrem Jugendgeliebten Adelbert Livland, einem jungen, vor seinem Assefforexamen stehenden Juristen zu und hat mit ihm heimliche, verliebte Zusammenkünfte. Trotzdem erlangt sie, nachdem sie das Verhältnis abgebrochen,, die Verzeihung ihres Mannes und lebt mit ihm in äußerem Frieden bis nach der Geburt ihrer Tochter Eva. Dieses Kind aber, zu den: sie eine rechte Liebe nicht fassen kannfesselt sie nicht ans Haus, im Gegenteil, sie läuft zu ihrem Geliebten, der unterdeffen sein Examen gemacht hat und verheiratet sich mit ihm, nachdem die Scheidung von dem ersten Gatten ausgesprochen ist. Aber auch die zweite Ehe ist nicht glücklich. Adelbertchen kann die zum Leben, nötige Summe nicht verdienen, zumal Susanne, trotz aller Sparsamkeit, die sie im Hause walten läßt, ihren Hang zum Kleiderluxus nicht bändigen kann. Er verbraucht und verspekuliert die nicht allzu große Mitgift und bringt sich, da er mit Grauen in die Zukunft sieht, die ihm doppelt trübe erscheinen muß, da außer seiner Tatenlosigkeit auch die Sorge für eine Frucht der Eheeine Tochter Hilde, ihm unerträglich dünkt, durch Selbstmord um. Einige Zeit später zieht Susanne s) Eheleute, Roman von Martin Beradt.' Erste bis dritte Auslage, Berlin, S. Fischer 1910.