Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
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ü MMWWW 381 - er ein Lieblingsschüler des gelehrten Rabbi Bing war. Von Würzburg ging er nach Tübingen. Wie ich schon früher in dieser Zeitung mitteilte, zählte er zu den Lieblingsschülern Ludwig Uhlands in Tübingen. Aus den von mir seinerzeit veröffentlichten Briefen Ludwig Uhlands an den jungen Kandidaten der Philosophie und Theologie sieht man, daß der gefeierte Poet mit lebhaftem Jntereffe die literarischen Leistungen des jungen Studenten verfolgte. (Fortsetzung folgt.) Der Kapitalismus der Juden und die jüdilche Mligion. Von Dr. I. Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. V. /^^ch glaube auch, diese Berichtigungen nicht nur auf- \ gestellt, sondern auch, soweit es im Rahmen dieser Abhandlung möglich war, ziemlich eingehend begründet zu haben. Und das Resultat? Ein doppeltes. Vorerst dürfte sich nunmehr der besser informierte Leser von dem Sofer eine ganz andere, der Wahrheit entsprechendere Vorstellung machen. Ist er wirklich jener kühle, berechnende Mensch, der dem Willen zum Leben die religiöse Innerlichkeit eines Volkes hin geworfen und die alte Glut, das lodernde Feuer Israels mit seinem mechanisch-künstlichen Religionsgesetz zertreten und ausgelöscht hat? Gewiß nicht. Im Gegenteil. Er ist nicht nur der Fortseher, er ist auch der Vertiefer der prophetischen Intentionen. Gerade in diesen drei wichtigsten Punkten jeder Religion, in der Liebe zu Gott, in der Inbrunst und der göttlichen Gnade zeigt sich das am besten. Man kann das nicht einmal so sehr an den Schriften wie an dem religiösen Volksleben beobachten. Zumal bezüglich der göttlichen Gnade ist es das Werk der Sofcrim, daß das biblische Vertragsverhältnis, neben dem die Gnade nur erst Ansätze, wenn auch schöne Ansätze zeigt, fast vollständig weicht und immer mehr und mehr dem Gnadenverhältnis Platz macht. So lernen wir den Sofer ehren, wenn auch nicht als einen Propheten, doch als den treuen Hüter und Pfleger des prophetischen Vermächtnisses- Er ist auch nicht der Schöpfer des „Gesetzes", sondern nur Ausbauer und Fortbildner alter Traditionen. Wie Platon die „Gesetze" geschrieben hat, dennoch der größte Dichterphilosoph der Menschheit war, so mangelte es auch den Soferim nicht an religiöser Schwärmerei und Liebe zu Gott und dessen Gnade, obwohl sie das religiöse Leben durch feste Gesetze der vagen Stimmung entreißen wollten. Das zweite Resultat meiner bisherigen Auseinandersetzung ist, daß der jüdische Kapitalismus das Kühle und Verstandesmäßige, das Mechanisch-künstliche sicherlich nicht aus der jüdischen Religion geschöpft hat. Das religiöse Volksleben der alten Juden ist derart erfüllt von Liebe, Mystik, Vertrauen aus Gottes Gnade, daß jeder gut Informierte die Behauptung, der Kapitalismus sei hierin bei dem Judaismus in die Schule gegangen, als vollständig unbegründet abweisen wird. Woher immer die Juden ihre geschäftliche Nüchternheit genommen haben mögen, die jüdische Religion ist weder ihre Quelle, noch der die Quelle bereichernde Nebenstrom. Damit ist aber erst eine Masche des klug geschlungenen Netzes, in das Sombart Kapitalismus und Judaismus einfangen will, gelockert. Und zwar die kleinere Masche. So wichtig es für die Beurteilung der jüdischen Religion ist, zu wissen, daß ihr Inbrunst, Mystik und Gnade nicht fehlen, für die Frage selbst, hie Sombart aufwirft, spielt dieses Moment doch nicht die erste Rolle. Der Kern des Kapitalismus ist die Sucht nach fortwährendem Erwerb, nach Hebung des Aktivkonto, das heißt nach Reichtum. Hierin zeigt sich nun nach Sombart eine derartige Kongruenz zwischen Judaismus und Kapitalismus, daß von einem Zufall unmöglich gesprochen werden kann. Sombarts schwerwiegendsten Argumente beziehen sich auf das Lohn- und Strafprinzip in der jüdischen Religion. Er schreibt: „Das Vertragsverhältnis wickelt sich nun in der Weise ab, daß dem Menschen die erfüllten Pflichten einzeln belohnt, die verabsäumten Pflichten einzeln durch Uebles vergolten werden: Belohnung und Bestrafung erfolgen teils in dieser Welt, teils im Jenseits. Aus diesem Sachverhältnis ergibt sich zweierlei mit Notwendigkeit: ein beständiges Abwägen des Vorteils oder Schadens, den eine Handlung oder Unterlassung bringen kann, und eine sehr verwickelte Buchführung, um das Forderungs- bzw. Schuldkonto des einzelnen in Ordnung zu halten . . . Das heißt: Ob einer ein „Gerechter" oder ein Verdannnter sei, wird durch Aufrechnung von Mizwoth gegen Uebertretungen festgestellt. Und um diese Aufrechnung schließlich vornehmen zu können, bedarf es natürlich einer fortgesetzten Aufzeichnung der Worte und Taten. Jeder hat sein Konto . . . Endgültig wird die Frage, ob einer ein Gerechter oder ein Verdammter sei, aber erst entschieden, wenn es sich nach dem Tode des Menschen um sein ewiges Geschick handelt. Dann wird die Rechnung geschlossen und das Saldo gezogen. Aus der Summe und dem Gewicht der Mizwoth und dem Gewicht der Uebertretungen ergibt sich Gerechtigkeit oder Verdammnis. Ueber das Ergebnis der Rechnung wird dem Menschen eine Urkunde, welche seine Mizwoth und Aberoth enthält, ausgesertigt und zur Anerkennung vorgelesen . . . In der Art und Weise, wie sich die jüdische Theologie dieses Kontokorrent mit Gott vorstellt, kommt nun aber noch eine Auffassung zum Vorschein, die mit einer anderen Grundidee des Kapitalismus, der Erwerbsidee, eine seltsame Verwandtschaft aufweist. Ich meine, wenn ich es in einem Worte ausdrücken soll: die unorganische Auffassung vom Wesen der Sünde (und der Guttat). Jede Sünde kommt nach der rabbinischen Theologie für sich— einzeln — als zähl- und wägbare Tat in Betracht . . . Je nach der Zahl und Beschaffenheit der Uebertretungen wird der sittliche Wert oder Unwert des Menschen bemessen. Der einzelne Schuldposten erscheint rein quantitativ bestimmt: er ist losgelöst von der nur qualitativ faßbaren Persönlichkeit, losgelöst von dem gesamten sittlichen Zustande des Täters: wie ein Geldbetrag losgelöst ist von allem Zusammenhang mit persönlichen Zwecken und sachlicher Güterqualität, geeignet, mit einem anderen, ebenso abstrakten Geldbeträge zu einer Summe addiert zu werden. Das Streben des Gerechten nach Wohlergehen hüben und drüben muß sich nun aber äußern in einem endlosen Streben nach Vermehrung des Lohnes als dessen, was seine Aktiva vergrößert . . ." „Der Vertragsidee, die zu den tragenden Ideen des jüdischen Religionssystems gehört, entspricht es, daß dem, der den Vertrag erfüllt, Lohn zufalle, dem, der ihn verletzt (nicht erfüllt), Schaden erwachse. Das heißt: der jüdischen Religion ist zu allen Zeiten die juristisch-ethische Annahme eigen gewesen, daß es dem „Gerechten" gut und dem „Gottlosen" schlecht ergehe. Gewandelt hat sich im Lauf der Zeiten nur die Auffassung von dem Wesen und der Art solcher „Vergeltung . „Bald nach Esra dringt der Glaube an eine