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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-14 · Heft 28 (14.7.1911) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
Seite 330 (sequence 6)
Language
German
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Hier entfaltete sich die ganze Kraft seines Gsaybens.. Man mußte ihn in sejnem Hauswesen beobachten, um das fafi patriarchalische Verhältnis zwischen ihm und seinen Kindern ' und Ankeln wahrzunehmen. Zn seinem Hause gab es einen rühmlichen Wettkampf in gegenseitiger Erfreuung und in Erweisung von Liebesdiensten." . War es daher nicht ganz natürlich, daß der hochbegabte Dichter, der ausgezeichnete Kanzelredner und der edle, charaktervolle Mann von aller. Welt hochgeschätzt wurde und daß sein vorbildliches Wirken zur Ehre und zum Segen auch der Juden Württembergs gereichte? Einer gemäßigten Reform im Judentum huldigend, hatte er alle Zeit den Mut der Ueberzeugung, die es ihm zur Pflicht machte, nach links und nach rechts seine Meinung offen und freimütig zu bekennen, die ihn aber auch nicht abhielt, die gewissenhafte Ueberzeugung Andersdenkender zu achten und ihre Empfindungen zu schonen. Keinen Fanatismus/ kennend und jedem zelotischen Eifern und jeder Verketzerungswut in der tiefsten Seele abhold, predigte er fortwährend Frieden, Duldung und Menschlichkeit. Ein leuchtendes Muster strengster Pflichterfüllung, die ihm sein ganzes Leben hindurch eigen war, kannte er keine Selbstsucht und keine eigenen selbstischen Interessen, sondern war stets darauf bedacht, das Wohl seiner Gemeinde und die Ehre Israels zu fördern und seinem König und seinem Vaterlande ein getreuer Diener zu sein. Bezeichnend für ihn und sein wohltätiges Wirken war ein Ausspruch in der Rede des Rabbiners Herz in Göp-. Pingen, worin im Namen der Rabbiner Württembergs bekundet wurde, daß auch sämtliche israelitischen Gemeinden des Schwabenlarrdes den. allezeit wahren-Hüter, Wächter und Pfleger der heiligen Interessen des israelitischen Gemeinwesens aufs tiefste betrauern, habe er doch allen Rabbinern sowie Gemeinden des Landes stets Liebe, Wohlwollen und Freundlichkeit in vollem Maße entgegengebracht. Die Lehre der Wahrheit sei in seinem Munde gewesen und Trug sei nicht gefunden auf seinen Lippen. In Friede und Geradheit habe er gewandelt und viele von der Sünde zurückgebracht. Besonders leuchtend sei seine liebevolle Duldung gegen Andersdenkende gewesen, die in echter aronidischer Friedensliebe immer ausgleichend und versöhnend auf die Gegensätze und auseinandergehende Richtungen einzuwirken gesucht habe. M. Wassermann wurde als Sohn des Rabbiners Salomon Wassermann in Laupheim geboren und von seinem Vater zum Studium der mosaischen Theologie in Laupheim und später in Ansbach bestimmt. Wassermann senior stand mit Ludwig Feuerbach in freundschaftlicher Beziehung. Ich habe in Meinem Werke über den berühmten Philosophen^) über diese *) Ludwig Feuerbach, sein Leben und seine Werke nach den besten, zuverlässigsten und zum Teil neuen Quellen geschildert von Dr. Adolph Kohut. (Leipzig, Fritz Eckardt Verlag 1909, Seite 30 ff.) Berührungen zwischen dem jugendlichen Denker und Rabbiner Wassermann näheres mitgeteilt. Dieser alte Salomon Wassermann, der Vatex des späteren Kirchenrats Dr. v. Wassermann, unterrichtete Ludwig Feuerbach im Hebräischen. Interessantes erfahren wir üher Rabbi Salomon Wassermann aus einem Brief des hervorragenden Juristen Anselm Ritter v. Feuerbach an seine Freundin Elisa von der Recke vom 29. März 1823. Dort heißt es unter anderem: „Für das Geschenk mit des edlen Friedländers*) neuestem Merkchen, das ich demnächst in meinem Nutzen verwenden werde, danke ich herzlichste Seltsam, dasselbe war kaum angekommen, als ein Kandidat des hiesigen Rahbineramtes, ein im Geiste Friedländers gebildeter Jude, hoher Verehrer Ihres Freundes, meine Protektion gegen die Kabalen eines talmudischgläubigen Schullehrers bei hiesiger Juden gemeinde anrief. Ich machte ihn sogleich mit Friedländers neuester Schrift bekannt, auf welche er sehr begierig war. Wir haben hier mehrere Juden dieser Art, henen ich mehrmals schon äußerte: „Ihr Glaube sei echteres Christentum als dasjenige, welches Katholiken und Lutheraner bekennen." Durch biefeu Unterricht bei dem Genannten wurde der junge Gymnasiast Moses Wassermann auch mit Ludwig Feuerbach bekannt, und aus dieser Bekanntschaft entwickelte sich allmählich eine innige Freundschaft, die bis zum Ableben des großen Denkers währte und sich bei vielen Anlässen betätigte. KirchenratWassermann, auch als Causeur eines glänzenden Rufes sich erfreuend, erzählte mir einst einen äußerst liebenswürdigen Zug aus dem Leben seines Freundes Ludwig Feuerbach. Als dieser eines Tages mit einer hebräischen Ausgabe nicht zurecht kommen konnte, habe er, Moses Wassermann, die Schwierigkeiten zu bewältigen geholfen. Zum Dank dafür erbot sich Ludwig Feuerbach, seinem israelitischen Freund lateinischen Unterricht zu erteilen. Der Vorschlag wurde angenommen und erregte in Ansbach ein gewisses Aufsehen, da der junge Rabbinersohn der erste Jude war, der dort das Lateinische erlernte. Wenn er zu seinem Freunde ging, wurde er zuweilen von Gassenbuben angefallen und geprügelt. Lines Tages erkrankte der so mißhandelte jüdische Jüngling an den Folgen der auf diese Weise erhaltenen Schläge und bekam das Nervenfieber, das damals noch als ansteckend galt. Keiner von den Schill- und Glaubensgenossen des Rabbinersohns wagte den Kranken zu besuchen. Nur Ludwig Feuerbach, obwohl von Ansteckungssurcht picht frei, fand sich bei ihm ein, weil er, wie er ausdrücklich sägte, es für seine Pflicht hielt, zu kommen. Dieser Unterricht rm Lateinischen seitens Ludwig Feuerbachs hat mehrere Jahre gedauert und soll hierüber ein dem Schüler ausgestelltes Zeugnis noch vorhanden sein. Von, Ansbach trat Wassermann in das Gymnasium von Ulm über. Dann bezog er die Universität zu Würzburg, wo h Es ist David .Friedländer, der Aufllärungsschriststeller, Hier gemeint. . .; v. Airchenrat Dr. Wassermann ehemals Rabbiner in Stuttgart, geboren 14. Juli 1811, gestorben'18. Oktober 1892.

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