Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228990--67617-3279844- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
&****«. 829 Dem „Berliner Tageblatt"' wird aus Petersburg telegraphiert: Im Dorfe Lasa^ewka bei Gluckow in Südrußland hat die Polizei alle dort zur Sommerfrische weilenden Juden innerhalb zwei Stunden außgewiesen. Die Polizei drang in die Wohnungen ein, warf die den Juden gehörigen Sachen auf einen Hausen Und trieb die Juden zur Bahn, darunter einen schwerkranken Mann, der-sich nur auf Krücken fortbewegen konnte, und dem die Bitte, einen Wagen mieten zu dürfen, abgeschlagen wurde. , - - : <3r’ ' ‘ Endlich lesen wir in der „Vossischen Zeitung": Petersburg, 10. Juli, lEigener. Drahtbericht.) Die Auf. klärung des angeblichen Ritualmordes an dem Knaben Juschtschenko in Kiew steht unmittelbar: bevor. Unter dem Verdacht, den Mord begangen zu haben, wurde' ein gewisser Prichodiko, der Stiefvater Juschtschenkos, verhaftet. rW' Lum Dndrnlren an den Mrchrnrat Sr. M. n. Mallermann. Von Dr. Adolph Kohut. I. (Nachdruck verboten.) in geadelter jüdischer Kirchenrat! . . . Das klingt wie ein Märchen aus alten Zeiten. Wir haben geadelte und baronisierte jüdische Bankiers, Großgrund- und Rittergutsbesitzer, wir haben Rabbiner mit dem Professoren titel, aber die Erhebung eines Rabbiners in den Adelsstand grenzt an ein Wunder, und doch gab es in der guten alten Zeit derartige anachronistische Ereignisse! Freilich nicht in Preußen, wohl aber in Württemberg. In jenem Staate, der einst als der Hort des Antisemitismus galt, ist schon längst die Scharte der Vergangenheit ausgewetzt, worden. Dieser von dem König Carl v. Württemberg in den Adelsstand'erhobene Ober- Rabbiner hieß Moses Wassermann, geboren vor einem Jahrhundert, den 14. Juli 1811 und gestorben den 18. Oktober 1892. Jahrzehnte hindurch hat dieser sowohl als Kanzelredner wie als Dichter und Schriftsteller gleich hervorragende Mann das Rabbinat in verschiedenen Städten seines württembergischen Vaterlandes verwaltet. Seine seelsorgerischewie literarische Tätigkeit blieb auch von Allerhöchster Seite nicht unbeachtet und man betrachtete es im Schwabenland gleichfam als eine selbstverständliche Sache, daß auch der König die Verdienste des Stuttgarter jüdischen Kirchenrats durch die Verleihung des Adels anerkannte. In der Tat zählte Kirchenrat Dr. Moses v. Wassermann zu jenen idealen Rabbinern, die in Wort und Schrift, durch ihre Lehren und Taten und ihre ganze Lebensführung die allgemeine Verehrung und Liebe nicht allein ihrer eigenen Glaubensgenossen, sondern auch der Anhänger anderer Konfessionen, kurz aller derjenigen sich erwarben, die je mit ihnen in Berührung traten. Daher konnte mit Füg und Recht am 23. Oktober 1892 anläßlich des Trauergottesdienstes in der Synagoge der Rabbiner Dr. Stössel in, Stuttgart, am Grabe des Verblichenen von ihm sagen: „Von Liebe zu seiner Gemeinde war er erfüllt. Ihr Wachstum machte ihm Herzensfreude, auch wenn die Last derArbeit '.dadurch größer wurde. Wenn er. die Wahrnehmung machte, daß sie religiös erstarke, fühlte er sich glücklich, wie ihn der religiöse Verfall, wo immer er ihn bemerkte, tief betrübte. Er war. bereit, den Samen der Tugend und Gottesfurcht in die Herzen unserer Jugend zu pflanzen, damit er daselbst hundertfältige Frucht trage, da wo es galt, den Frieden der Gemeinde zu wahren und zu erhalten. unsere Wohltätigkeitsanstalten zu fördern und Ratschläge zu erteilen. Immer und überall konnte man auf seinen Beistandrechnen. Wo ein menschenfreundliches Werk unternommen wurde, wo es sich darum handelte, das Ansehen unserer Gemeinde und Gläubensgemeinschaft nach außen zu heben, dem Namen Israels Glanz zu verschaffen und ihn vor Schmähung und Verkleinerung zu wahren, da setzte er die ganze Kraft seiner Persönlichkeit und seines Einflüfses ein. Kein Weg war ihm da zu mühsam und zu beschwerlich. Die Heiligung des göttlichen Namens war ihm das wichtigste Gebot der Israeliten, wie die Entweihung des göttlichen Namens in seinen Augen als die größte Versündigung eines Israeliten galt. Immer war er auf seinem Posten mit seinem ganzen'Können und mit seinem kräftigen Wollen. Tatkräftig Und energisch wie er war, ließ er den Mut nicht sinken und ließ sich die Berufsfreudigkeit nicht rauben auch da, wo'Widerwärtigkeit ihm die Freude am Beruf hätte nehmen können. . . . Seine religiöse Ueberzeugung ruhte auf dem festen Grund des reinen gelauterten Gottesglaubens, den er sich gesichert hatte durch fleißiges Forschen in der heiligen Schrift, durch aufmerksame Beobachtung des göttlichen Ganges im Leben der Völker, wie im Leben der einzelnen upd endlich durch fleißiges und ernstes Nachdenken über die Wege der Vorsehung. Diese Stärke des Glaubens hatte ihm auch Lebensfreudrgkeit und eine Heiterkeit der Lebensanschauung verschafft, um die ihn gar viele beneiden durften. Wenn die Stürme des Lebens über sein Haupt dahin brausten, wenn Leid und Ungemach seine Seele umdüsterte, da blieb er kräftig und stark, ungebeugt und "aufrecht stehen und ließ den Mut nicht sinken." . / Moses Wassermann war ein Meister des Wortes, ein Kanzelredner allerersten Ranges. JedeSalbaderei, jede salbungsvolle und weitschweifende Predigt und jede Phrasendrescherei war ihm in tiefster Seele zuwider. 'Der begabte Dichter, sihantafievolle Erzähler und Virtuose der Form war auch auf - der Kanzel ein Poet durch und durch. Seine Worte waren durchströmt von einem reinen, lauteren Glauben, der auf dem Grunde fester Ueberzeugung ruhte. Dabei bediente er sich, wie der schon genannte Rabbiner Dr. Stössel in seiner Rede am Grabe des Dahingeschiedenen ausführte, einer kernigen, frischen ungekünstelten und oft schmucklosen'Sprache, da er in seiner kräftigen Natur jeder Künstelei und Verschwommenheit, jeder Geziertheit und Unnatur abgeneigt war. Seine Ermahnungeü drangen oft in ihrer Schärfe und Wahrhaftigkeit in die Herzen der Zuhörer .und seine Tröstungen richteten die gebeugten Gemüter auf. Ein geistlicher und geistiger Führer in des Wortes edelster Bedeutung war Wassermann. Daher erfreute er sich auch als Mensch der allgemeinsten Hochachtung. Einem anziehenden Charäkterbilde des Verewigten, entworfen unmittelbar nach dessen Tod, entnehmen wir nachstehende Sätze: „Von heiterer Gemütsart und gesunder Lebensanschauung, unerschöpflich in geistvollen und sinnigen Worten, vermochte er es in früherJugend schön einen Kreis von Freunden sich zu verschaffen, die ihm Treue bewahrten bis an das Grab utib wohl über dieses hinaus. Der persönliche Verkehr mit ihm war anregend, belebend, und wie ein Weiser der Vorzeit wußte er eine Fülle von Tatsachen , herbeizuholen, und für jedes Ereignis hatte er ein ähnliches aus alter Zeit in Bereitschaft. Von rührender Bedürfnislosigkeit, mit wenigem genügsam, Feind eines jeden überflüssigen Aufwandes, fühlte er sich am wohlsten in einem mit Hausrat aus alter Zeit versehenen Zimmer. Mit seinem ganzen Sinn wurzelte er in der Vergangenheit, und in der Auffrischung der Geschehnisse aus alter Zeit verjüngte^ er sich selbst. Von besonders, wohltuender-Gemütsinnigkeit war sein Familienleben.