Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Konsuls verschob. daraufhin seine Reise um. einen Tag, aus den Sonntag, so , daß die deutschen, französischen und englischen jüdischen Schutzbefohlenen unter seinem Schutze reisen konnten. Nach deL Beschießung Casablancas kümmerte sich in der teilweise in Trümmer gelegten Stadt kein.Franzose, auch kein Konsul, um die im Mellach (Judenviertel) zurückgebliebenen ärmsten Juden. Deutsche waren es, die unter die hungernden Juden im Mellach von, Casablanca zuerst Nahrungsmittel und Geld verteilten. Später trafen Abgesandte der Alliance aus Tanger ein und halsen wirksam. Hunderte von flüchtigen Juden nahm der deutsche Dampfer Arkadia damals auf. Rührend war es, als die Leute von dem, braven Kapitän Abschied nahmen und ihm ihren Dank aussprachen: „Ihr Deutsche seid die einzigen, von denen wir Güte empfangen, haben." Freilich, die französischen Soldaten zwangen die Juden mit Stockschlägen, die verpesteter Leichen in der Stadt zusammenzuschleppem ,Zum Schluß: Vor mir liegen zwei Tankesschreiben, eines von der mohammedanischen, eines von der israelitischen Gemeinde in Mogador, beide von angesehenen Männern dieser Gemeinden unterzeichnet. In rührenden Worten wird darin für die Hilfe gedankt, die Hamburger und andere deutsche mit Marokko arbeitende Firmen aus Veranlassung der Deutschen Mogadors den armen Juden und Marokkanern Mogadors geleistet haben. Als im Anfang dieses Jahres infolge Mißernte im Hinterlande von Mogador dort entsetzliches Elend herrschte, da brachten die deutschen Marokkofirmen in Kürze 2250 Duros (zu 4 Mark) auf. Die Hälfte dieser Summe wurde für die Marokkaner, die Hälfte für die Juden verwandt. Der Not ist dadurch wirksam gesteuert worden. \ * . Aus. Deutschland ist nicht viel zu berichten. Man wiegt sich manchmal in der Meinung, daß der Antisemitismus', namentlich in den studentischen Kreisen, verschwindet, und so glaubte man auch, der „Verein deutscher Studenten" fange allmählich an, seinem- Namen entsprechend wirklich bloß deutsch zu sein und keine antisemitische Agitation zu betreiben. Diese Anficht , wird jedoch durch den Verein selbst zerstört. Denn in einer Polemik, deren übriger Inhalt uns nichts angeht, erklärt der Verein ausdrücklich, daß er , / nach wie vor geschlossen auf dem Boden einer rassenmäßigen Auffassung des nationalen Gedankens steht und in der Abwehr des Judentums eine unerläßliche Forderung deutschvölkischer Gesinnung erblickt^ r Zu Unserem Bericht über die Generalversammlung des. RäbbiMrbe^rbandes wird uns aus Bayern von einem Unserer Korrespondenten geschrieben: ' Herr ^Rabbiner Dr. Werner in München hat laut Ihres Berichtes in. der jüngsten Generalversammlung des Rabbinerverbandes -in Deutschland erklärt, daß in Bayern dem Rabbiner das Veto-Recht im Kultus^ Ritüs und Religionsunterricht zustehe und daß jedermann damit zufrieden sei. Diese Behauptung kann in ihrem zweiten Teile nicht Unwidersprochen bleiben. Nicht nur ist nicht jedermann mit diesem Rechtszustande zufrieden, sondern dem Einsender dieses sind zwei große Kultusgenieinden bekannt, in denen die Mehrheit sehr unzufrieden mit'demselben ist. -V.,V . '■ - In unserem Blatte sind bisher die Worte nicht mitgeteilt worden, mit denen der Kaiser bei einem Feste, das Ende Juni rü. Hämbürg ftattfand, des Herrn Generaldirektor Ball in gedacht Hat. 'Sie haben den großen Zorn der Antisemiten erMt, werden aber .unseren' Lesern erfreulich sein. Sie lauten so: "; '.; : Ich .glaube qber.daß ick, nicht, schließen darf, ohne auch Ihnen, mein, lieber.SSoliin, sowohl in meinem wie im Namen der Her.ren nochmals unseren herzlichen. Dank auszusprechen für die nimmer-fehlende Gastfreundschaft und für Ihre glänzende Arbeit in per Vertretung unseres Vaterlandes und für di>r geschickte Weise, in der mancher drohende Kampf, umgangen und in Frieden gewandelt wurde. Möge es Ihnen auch ferner gelingen, die großen Interessen unseres Vaterlandes auf Ihre Weise zu . wahren, und. verderbliche Kämpfe durch Einigung in Güte beizulegen. .r: r Auch in Frankreich hat eine Rabbinerversammlung stattgefunden. Der Bericht darüber, der in dem »vnivers israMe" abgedruckt ist, teilt mit, daß man die Veröffentlichung eines neuen Gebetbuchs mit kurzen französischen- Inhaltsangaben beschlossen hat. Ferner wurde eine- Kommission begründet, mit der Aufgabe, erbauliche Abhandlungen und Schriften zu veröffentlichen. Man beschäftigte sich sodann mit den Heiraten in der ersten Hälfte der sogenannten drei Wochen. Man verschob auf eine künftige Tagung die Beratung der schwierigen Ehescheidung. Endlich drückte man den Wunsch aus, daß die von der Rabbinerversammlung gefaßten Beschlüsse durch das Zentralkonsistorium den Vorsitzenden der übrigen Konsistorien mitgeteilt würden. Ein Artikel desselben Blattes, dem ich diesen Bericht entnehme, drückt sich nicht eben sehr enthusiastisch über die Verhandlungen und die gefaßten Beschlüsse aus. „Wir können einstweilen sagen," so bemerkt Herr Matthieu Wolf, „daß die einzige Sorge, den dauernden und dringenden Anforderungen des Judentums zu genügendie Arbeiten der Versammlung geleitet hat und daß niemals der Gedanke oder das Gefühl der Verantwortlichkeit in dem Gewissen ihrer Mitglieder sich verdunkelte oder schwand. Das neue Ministerium in Frankreich, das sich vor kurzem unter der Führung des Herrn Caillaux gebildet hat, zählt unter seinen Mitgliedern einen Juden: Herrn Lueien Klotz, den Vizepräsidenten der Deputiertenkammer, der. schon unter dem zweiten Ministerium Briand Finanzminister war. Lucien Klotz ist in Paris geboren, jetzt 43 Jahre alt und entstammt einer alten elsässischen Familie. Einige Nachrichten aus dem Osten mögen hier folgen: Aus Plojesti (Rumänien) wird der ,,N» I. K." gemeldet: Im hiesigen Sommertheater veranstalteten die Zöglinge des Mädchen-Lyzeums eine Mohltätigkeitsvorstellung. Als die jüdische Schülerin Franziska Rosen die Bühne betrat, kam es zu großen Exzessen. Ein Teil des Publikums protestierte in erregter Weise gegen Vas Auftreten einer Jüdin im Theater, während der andere Teil energisch Ruhe forderte, damit die Vorstellung zu Ende geführt werVen könne. Es kam zu einer großen Prügelei, in deren Verlauf mehrere Personen verletzt wurden. Inzwischen wurde die auf der Bühne hilflos dastehende Dilettantin aus dem Publikum mit faulen Eiern Und Steinen beworfen. Der Vorhang mußte herabgelassen werdem Vor dLr Garderobe nahmen Polizisten Aufstellung, um Franziska Rosen vor weiteren Insulten zu schützen. Nachdem der Tumult im Theater immer größer wurde und die Sicherheitswache fich als zu schwach erwies, mußte Militär requiriert werden, um die Ruhe wiederherzustellen. Aus Sofia berichtet die „N. I. K.": Auf einem Ausflug, den. Zar Ferdinand in die Umgebung Tirnowas unternommen hatte, befand sich unter den zahlreichen Gästen auch Deputierter Farchi. . Farchi wurde von Zar Ferdinand in ein längeres Gespräch.gezogen, und als er gelegentlich bemerkte, daß er der erste, jüdische Deputierte sei, antwortete König Ferdinand sichtlich erfreut, daß er stets ein Anhänger des Prinzips der Gleichberechtigung aller Bürger Bulgariens ohne Unterschied der Konfession und Nation gewesen sei.