Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
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327 sehr beträchtlich. Die Kolonisten haben die Immobilien zu sehr mäßigen Preisen erworben, und zu wiederholten Malen haben wir ihnen ganz erhebliche Vorschüsse gewährt. Es ist unsere Pflicht, die Kolonisten zu hindern, den trügerischen Vorspiegelungen nachzugeberu die man ihnen macht, um sie ihres Bodens zu enteignen. Ihre Arbeit hat ihren Besitz Früchte tragen lassen, deren sie und ihre Kinder sich freuen sollen, und nicht diese Spekulanten, die sie vom Wege abbringen wollenden selbst zu betreten die Erfolge der Kolonisten sie veranlassen. Die allgemeine Lage erscheint, wenn auch noch nicht vollkommen, so doch günstig Sie immer mehr zu verbessern wird in der Zukunft auch von den Kolonisten abhängen, die sicherlich vermöge der von uns lange eingeführten Selbstverwaltung der Kolonien die besten Maßregeln dazu treffen werden. A. K. Dir Woche . Berlin, 10. Juli. urz vor Anfang der Ferien, zu Beginn der sommerlichen Stille hat die Entsendung eines deutschen Kriegsschiffes in einen marokkanischen Hafen große Erregung hervorgerufen. Zunächst schien es, als wenn bedenkliche Verwicklungen dadurch entstehen würden. Allmählich hat sich die Aufregung gelegt und es wird hoffentlich nur zu diplomatischen Verhandlungen zwischen den beteiligten Mächten kommen, die, wie wir wünschen, das Resultat haben werden, daß Deutschland auch in jenen fremden Ländern, in denen seine Interessen in Frage kommen, seine ihm gebührende Rolle spielt, daß es in Weltsragen nicht einfach ausgeschaltet werden darf. Daß die marokkanischen Verhältnisse auch hier berührt werden dürfen, ja müssen, bezeugt folgende Korrespondenz der „Kölnischen Zeitung", -die ich hier wörtlich folgen lasse, obgleich namentlich die ersten Abschnitte manche Rektifikation verlangen möchten. Der Artikel ist betitelt: „Deutschland und die marokkanischen Juden" und lautet folgendermaßen: Die Kölnische Zeitung hat sich häufig mit der Frage befaßt, wie die mit deutschen Geldern reichlich unterstützte, aber trotzdem in Marokko und im Orient im rein französischen und häufig genug gegen das deutsche Interesse arbeitende Alliance Isra61ite -jur Berücksichtigung der deutschen Wünsche veranlaßt werden könne. Sie ist im Lause dieser Erörterungen immer mehr zu der Üeberzeugung gelangt, daß es Verbänden deutscher Juden, die unabhängig von der Alliancesein müßten, Vorbehalten sein dürfte, im Interesse der Juden in Marokko und anderen Ländern und im Interesse der deutschen Sache zugleich zu wirken. Die Gegner dieser Bestrebungen weisen häufig auf die tatkräftige Unterstützung hin, die Frankreich angeblich der Alliance und den Juden überhaupt angedeihen lasse, während Deutschland sich durch völlige Interesselosigkeit hervortue. In der Zeitschrift „Ost und West" (Organ der deutschen Konferenz- Gemeinschaft der Alliance) für Mai 1910 heißt es z. B.: „Wir haben keinen Anlaß, der Vermutung Ausdruck zu geben, daß die französischen Konsulate nur politische Geschäfte machen wollen, wenn sie ihren Einfluß für ein großes Kulturwerk einsetzen. Wir würden aber von ganzem Herzen dankbar sein, wenn die deutschen Konsulate genau dasselbe täten; sie mögen dabei in ihrem Herzen mehr an das praktische Geschäft als an das Kulturwerk denken. Im Laufe eines halben Jahrhunderts Horben die diplomatischen und konsularischen Vertreter Englands und namentlich Frankreichs stets Hilfsbereitschaft den jüdischen Kolonien gezeigt und den Werken der Alliance. Daß von deutscher Seite jemals ein ähnlicher humanitärer Dienst geleistet worden wäre, davon hat in einem halben Jahrhundert — wir sagen das mit tiefem Bedauern — nichts verlautet. Gewiß sorgen alle' sranzöfischen Organe- Presse, Konsulate, Gesandtschaften, Regierung dafür, daß derartige Anschauungen Nahrung erhalten. Aus den Festen der Alliance Isra61ite in Tanger . z. B. erscheint der französische Gesandte und hält die Festredein . denen Sätze sich finden wie: „Frankreich hat sich stets in den. Reihen derer befunden, die. am selbstlosesten der Sache der Freiheit und Zivilisation gedient haben" usw. Diese Reden werden verbreitet. Die Alliance sieht sie allein schon als eine Tat an. Da nicht gut zu erwarten ist, daß die französische Presse Tatsachen verbreiten würde, die die Üeberzeugung von Deutschlands minderer Humanität erschüttern könnten, so ist es Pflicht der deutschen Presse, dafür zu sorgen. Wir können es uns, und das gilt ganz allgemeinheute wirklich nicht leisten, bescheiden zu schweigen, wo man uns ungerecht beurteilt. Das Urteil der Völker spielt eine zu wichtige Rolle. Deshalb sollte auch die Pressetätigkeit des Auswärtigen Amtes mehr positiv und ausklärend sein, statt sich auf die negative Seite, in der Hauptsache aus das Dementieren, zu beschränken. Wo immer Tatsachen bekannt werden, die besonders geeignet sind, im Ausland — und, wie man sieht, auch im Inland — herrschende Vorurteile zu zerstreuen, da sorge man für ihre Verbreitung, auch in der fremden Presse. Ohne daß wir die Praxis mancher Staaten nachahmen, gegen die anderen in der Auslandspresse Ränke zu spinnen, Anklagen zu erheben und Verdächtigungen auszustreuen, würden wir schon durch dauernde Verbreitung der Wahrheit über uns unendlich viel nützen können. Wenn die deutschen und fremden Juden behaupten, daß von humanitären Diensten Deutschlands zugunsten der jüdischen Kolonien in einem halben Jahrhundert nichts verlautet habe, so liegt das zum Teil an dieser Bescheidenheit, zum Teil an böswilligem Nichtssehenwollen. Wenn sich die deutschen Konsular- und diplomatischen Behörden in manchen Fällen der Zurückhaltung befleißigen, so liegt das an ihrer großen Korrektheit, mit der sie Rücksicht auf Verträge und Abmachungen nehmen, wo andere ohne diese Rücksicht unter dem Deckmantel der Humanität politische Geschäfte treiben. Wo die deutschen Vertreter keinen Verstoß sehen, da greifen sie weit tatkräftiger zu als die anderen mit ihren schönen und doch so billigen Phrasen. Ein Beispiel aus der letzten Zeit, von dem bei der Alliance Israelite sicher etwas verlautet haben dürfte. Wie zum Schutz der Deutschen in Fez, so hat der deutsche Konsul Dr. Vassel während der letzten Unruhen die marokkanische Regierung veranlaßt, vorbeugende Maßregeln auch zum Schutze der Juden zu treffen, und zwar der deutsche Konsul allein. Die anderen Konsuln weigerten sich, irgendwelche Schritte zü tun mit der Ausrede: die Juden wären als Marokkaner zu betrachten und müßten sich in ihr Schicksal fügen wie die anderen. Nun ja, die Juden sind wohl Marrokkaner, solange Ordnung im Lande herrscht. Mit dem Augenblicke, wo die Volksmasse freie Hand bekommt, hört aber für sie der Jude auf. Mensch zu sein, da wird er als Schlachtopfer dem Zorn des Pöbels ausgelieferü Mit dem Augenblicke, wo französische Truppen sich nach Fez in Bewegung setzten, war aber zu befürchten, daß in Fez die Erregung so stark werden würde, daß kein Halten mehr möglich sei. In dieser Erwägung verwandte sich Konsul Vassel rechtzeitig bei der Regierung und bestand auf wirksamen Vorsichtsmaßregeln, die er äusgearbeitet hatte, um gegebenenfalls Plündereien und Metzeleien im Judenviertel vorzubeugen, was dank seinem energischen Auftreten auch vollständig gelang! Die Moral von der Geschichte: Solange die Franzosen und Engländer Vorwände benötigen, um erstrebenswerte Ziele im Orient zu verfolgen, sind alle Mittel gut genug, sogar die Judenfrage, um Einmischungsgründe zu bieten.' So mußte eine Bittschrift der Juden in Debdu und die telegraphische Verwendung des Pariser Zentralkomitees der Alliance Israälite für die Juden von Debdu bei der französischen Gesandtschaft in Tanger die Besetzung dieser am Muluja gelegenen ostmarokkanischen Stadt vorbereiten. Sind aber die Ziele erreicht oder beiseite gelegt worden, wie hier in diesem Falle, so kümmert man sich wenig um „Humanität" und dergleichen mehr. Vor drei Jahren sagte Herr Pichon, daß Mulai Hafid die Juden zwänge, am Sabbat zu arbeiten. Damals wären Ziele zu erstreben! Heute sagt sein Vertreter in Fez, die Juden seien eben Marokkaner: Am Ziel! Andere Beispiele: Als' die Europäer in Fez Nach der Beschießung Casablancas beim Ausbruch der revolutionären Ereignisse die Hauptstadt verlassen müßten, da beschlossen der französische und der englisch^ Konsülarbvrtreter, die Reise nach der Küste am Samstü'g' üNzutreteN, ÜW die' Juden 'Nicht mitNehmett zu müssen. Der deutsche-