Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
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fast entmutigt. Den Ansiedlern sowohl als auch denjenigen, die ihnen an Ort und Stelle als Beistand dienen sollten,- schien es an den' zum Reüssieren notwendigen Eigenschaften zu mangeln. Man suchte nun eine bessere Zukunft anzubahnen, indem man bei der Auswahl der Emigranten noch vorsichtiger zu Werke ging und selbst in Rußland nur solchen Familien zur Auswanderung verhalf. die mit der Landwirtschaft vollkommen vertraut waren. Ihnen bot man Terrains von genügenden Dimensionen an. Es würde verfrüht sein zu behaupten, daß alle in das Unternehmen gesetzten Hoffnungen sich schon verwirklicht hätten. Jedoch kann man einen sehr beträchtlichen Fortschritt konstatieren. Folgende Tatsachen, welche eine ständige Zunahme der Bevölkerung sowie die materielle Entwicklung der Kolonien zeigen, beweisen, daß man der Zukunft mit Ruhe entgegensehen kann und das Werk^ seinen normalen Verlauf nimmt. ' Unsere Kolonien, in den drei Provinzen Argentiniens: Buenos- Ayres, Entre Rios und Santa Fe gelegen, erstrecken sich über mehr als eine halbe Million Hektar und waren am 30. September 3910 von 3777 Familien bewohnt, die 21115 Seelen zählten. Die verschiedenen Zentren haben sich langsam entwickelt, und zwar in dem Myße. wie der Erfolg des Unternehmens sich behauptete. Am Ende des Jahres 1897 nahm die Bevölkerung der Kolonien um 7 015 Seelen als um ein Drittel der heutigen Bevölkerung zu; am Ende des Jahres 1901 zählte man dagegen nur noch 7551 Einwohner und im Jahre 1903 7711 Seelen. Von diesem Zeitpunkt ab macht sich wieder ein Steigen der Bevölkerungsziffer bemerkbar; 11 974 Einwohner im Jahre 1906, 15 771 Einwohner im Jahre 1908, 19 361 Einwohner am 31. Dezember 1909. Diese Zahlen zeigen nicht nur den ständigen Fortschritt unserer Kolonien im Laufe der zehn letzten Jahre. Sie beweisen augenscheinlich. daß die Zunahme ihrer Bevölkerung nicht das Resultat einer künstlichen Bewegung ist, da sie-die ausscheidenden Kolonisten fortwährend durch neue ersetzt. Die 2103 Kolonisten vom Jahre 1910 bilden mit ihren Familien eine Bevölkerung von 14289 Seelen, aber daneben leben noch 1205 andere Familien mit 6826 Seelen, welche die Reise auf ihre eigenen Kosten unternommen haben, ohne daß ihnen unserseits irgendeine Hilfe versprochen oder gewährt wurde, und die ihren Lebensunterhalt durch Landarbeit in unseren Kolonien verdienen. Die Zahl dieser Landleute wird mit jedem Jahre größer. Im Jahre 1904 betrug sie 836 (mit Frauen und Kindern). Im Jahre 1905 zählte man bereits 2195 dieser Leute. Am Ende des Jahres 1907 bildeten sie 546 Familien mit 3065 Seelen, im Jahre 1909bildeten sie 1054 Familien mit 5954 Seelen. -Wir haben oben bereits ihre Bevölkerungsziffer vom Jahre 1910 erwähnt. Dieses regelmäßige Anwachsen der Ziffern erklärt sich durch die ständige Vergrößerung des bebauten Bodens und des Vermögens der Kolonien. Im Jahre 1897 hatten die Ackerbauer von Moisesvillevon Mauricio und von Clara 40854 ha Land in Arbeit genommen. Diese Zahl steigt allmählich mit mehr oder weniger Schwankungen bis zum Jahre 1903, in welchem 52598 ha Boden in Betrieb genommen wurden. Dieser Fortschritt nimmt immer mehr zu. Von Jahr zu Jahr kann man Neuerwerbungen von 10, 20 und selbst von 40000 ha konstatieren. Nur einmal 1906 findet eine Unterbrechung statt, um folgendermaßen wieder mit den Neuerwerbungen fortzusetzen : Im Jahre 1904 61848 ha, 1905 80452 ha, 1906 58423 ha, 1907 64433 ha, 1908 84507 ha, 1909 103060 ha, 1910 144320 ha. Demzufolge vermehrt sich auch der Ertrag des Bodens zusehends. Im Jahre 1904 108055, 1905 238113, 1906 222228, 1907 225454, 1909 270132 Zentner Getreide; 1905 50742, 1909 96459 Zentner Flachs; 1905 57 626, 1909 108921 Zentner Mais usw. Der den Kolonisten zur Verfügung stehende Viehbestand hat sich ebenfalls vergrößert. besonders haben die Schafherden zugenommen. Einige Ziffern ergeben den Beweis. Die Ackerbauer unserer Kolonien besaßen: 1901 im ganzen 44192, 1903 65911, 1905 109353, 1907 144249, 1909 173 567, 1910 mehr als 180000 Stück Vieh. Moisesville. welchesvor zehn Jahren z. B. 1913 Pferde und 6310 Stück ' Rindvieh besaß, zählte, im Jahre 1910 mehr als 12 000- Pferde-und mehr als 35000 Stück Rindvieh.- Ter! Totalwert er im Jahre 1909 in unseren Kolonien erzielten Ernten betrug 3 686046 Dollar (8109 301,20 Franks). Diese Ziffer ist im letzten Jahre noch übertroffen worden. Aber andere Rechnungsauszüge werden uns noch sicherer den Grad von Wohlstand würdigen lassen, den unsere Kolonien erreicht haben. Die Abzahlungen der von unserer Gesellschaft gewährten Darlehen betrugen im Jahre 1896 1724,21 Dollar, 1899 21 6i 5,12 Dollar. 1901 113 858,61, bis schließlieh ein Herabsinken der Ziffern bemerkbar wird. Erst im Jahre 1905 beginnt die Abzahlungsziffer wieder zu steigen: Im Jahre 1905 211 261,08 Dollar, 1906 279 536,27 Dollar. 1908 399 638,46 Dollar. 1909 499 338,08 Dollar, 1910 538 429,43 Dollar. Diese Ziffern zeigen durch ihr ständiges Anwachsen von Jahr zu Jahr, daß die Zeit des Herumtappens vorüber ist, und daß die Ansiedler arbeiten und ihre Subsistenzmittel dem von ihnen bebauten Boden verdanken. Leute, die gewöhnt waren regelmäßig Unterstützungsgelder zn empfangen, und die sich wenig um die Zurückerstattung ihrer Schulden kümmerten, sind eifrige Abzahler geworden. Im vollen Bewußtsein ihrer neuen Würde kennen sie ihre Rechte und Pflichten. Ueberall in den Kolonien kann man wahrnehmen, wie sich Bildung und Solidarität entfalten. Dank unseres stetigen Protektorats haben sich auch die Schulen vervielfacht, was aus folgendem Auszug ersichtlich ist: Es gab im Jahre 1897 4 Schulen mit 4 Lehrern, 1901 20 Schulen mit 45 Lehrern, 1903 22 Schulen mit 60 Lehrern, 1906 28 Schulen mit 71 Lehrern, 1908 37 Schulen mit 109 Lehrern, 1909 44 Schulen mit 130 Lehrern, 1910.50 Schulen mit 155 Lehrern. Tie Zahl der Schüler hat noch in größerem Maße zugeuommen. Es wurden gezählt: Im Jahre 1897 350 Schüler. 1902 1400 Schüler, 1906 1779 Schüler, 1908 2529 Schüler, 1909 3083 Schüler. 1910 3538 Schüler. Trotz dieser Fortschritte, trotz der ständigen Entwicklung der mitwirkenden Vereine, der sozialen Einrichtungen aller Art, trotz des Wohlstandes zahlreicher Ansiedler mangelt es nicht an Unzufriedenen. Von letzteren bemühen sich einige in den verschiedenen Zentren eine gewisse Agitation zu betreiben. Es dürfte interessant sein, hier eine der Ursachen dieser Unruhen aufzudecken. Mehrere Pflanzer von Maurico haben unsere Gesellschaft schon vor einiger Zeit gebeten, ihnen das Eigentumsrecht ihrer Terrains durch Vorausbezahlung der noch nicht fälligen, jährlich abzuzahlenden Darlehen zu gewähren. Gemäß des früher mit den Pflanzern vereinbarten Kontrakts haben die Kolonisten im Laufe von 20 Jahren ihre Schulden an die Gesellschaft abzutrageu, und eine früher als nötig geleistete Zahlung darf nur mit unserer Einwilligung stattfinden. Diese Klausel ist, wie man leicht erraten kann, deswegen dem Kontrakte veigefügt, um die Kolonisten zu verhindern. aus den ausgebauten Terrains Spekulativ nsobjekre zu machen. Wir haben das Bewußtsein, eine Pflicht erfüllt zu Haben, wenn wir uns bemühen, den Kindern der Kolonisten die Wohltaten des Landlebens aus dem Eigentum zu sichern, das ihre Eltern von unserer Gesellschaft zu sehr mäßigen Preisen erworben haben. Wir haben uns in unseren Vermutungen nicht getäuscht, und der Beweis dafür ist. daß der inzwischen sehr gestiegene Wert des Bodens dir Hauptursache der gegen uns betriebenen Agitation ist. So beeinflußt man die Kolonisten, ihr Eigentumsrecht zu erlangen, indem man ihnen das zur Vorausbezahlung der Jahresschulden erforderliche Kapital vorstrecken will. Wir kennen nicht die Bedingungen, die man den Kolonisten stellt, aber es ist wohl anzunehmen, daß sie nicht allzu günstig für die letzteren sind. Sind erst einmal ihre Grundstücke verkauft oder verschuldet, dann wirdein großer Teil der israelitischen Landleute sich wieder in die Städte zurückziehen und Handel betreiben. Ihre mühevolle Arbeit von 20 Jahren würde wie unsere Anstrengungen vergebens gewesen sein. Um die Kolonisten von Mauricio vor den Spekulanten zu schützen, haben wir ihnen größere Zuschüsse gewährt,, damit sie noch mehr Vieh kaufen und so die großen Luzernenfelder ausnutzen können, dereuAusbente äußerst vorteilhaft ist. Wir glauben bei der ernsten Frage einer definitiven Abtretung des erworbenen Bodens vor dem festgesetzten Termin auf unserem Standpunkt beharren zu müssen. Wie bereits bemerkt, ist der Mehrwert zahlreicher Gebiete