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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-07 · Heft 27 (7.7.1911) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
Seite 323 (sequence 11)
Language
German
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Ore bedankte sich für die Gefälligkeit und sagte, es wäre ihm sehr recht. Damit empfahlen sie sich.' Ore ging nach Erwerb aus, Liweitzer aber nach Ores Behausung. Er schämte sich, Frömmigkeit geheuchelt zu haben, doch deshalb blieb er nicht stehen und kehrte nicht um. Er empfand eine beklemmende Mutlosigkeit bei dem Gedanken, Esterchen Auge in Auge zu sehen; dennoch konnte er seine Sehnsucht nach ihr nicht unterdrücken. Erschrockenere Menschen kann man sich nicht vorstellen, wie die drei es waren, als Liweitzer in das Zimmer trat. Er, Liweitzer selbst, war der am meisten Erschrockene. Verwirrt stand er auf der Schwelle und suchte die Mesuse, die so groß war, daß sie auch ein Blinder sehen konnte. Endlich fand und küßte er dieselbe und begann mit leiser Stimme: „Ich bin Reb Ore begegnet und komme wegen des Kaddisch." Esterchen zupfte an ihrer Schürze. „Wenn ich zur Unrechten Zeit gekommen bin," setzte er mutlos fort. „Wir gehen ohnehin," sprach Esterchen verlegen. „Meinetwegen?" „Nein, nicht Ihretwegen." Liweitzer zupfte an seinem Barte. „Willst Du lernen?" wandte er sich an Moseschen. Moseschen blickte auf Blümele. „Soll ich wollen?" Blümele sagte ihm, er möge wollen. Demzufolge antwortete Moseschen, daß er wolle. Moseschen war tatsächlich ein aufgewecktes Kind und hatte in kurzer Zeit erlernt, daß' erst das Ales kommt und dann das Beß, doch alsbald langweilte ihn das Lernen und beim Sajin protestierte er energisch gegen jedweden weiteren Terrorismus^ Liweitzer getraute sich nicht, ihn gewaltsam zu zwingen, und empfahl sich. Als er fortgegangen war, blickten die Mädchen einander wortlos an. Esterchens Gesicht war so rot wie die wilde Mohnblume, Blümeles aber bleich wie der Tod. Liweitzer kam am nächsten Tage wieder. Moseschens Verstand war nicht mehr so empfänglich als gestern. Schwerfällig gelangte er vom Sajin zum Jodd, obwohl dieser Weg kürzer ist als vom Ales bis zum Sajin. Doch unterrichtete Liweitzer heute aus breiterer Grundlage als gestern. Und er sprach nicht nur für Moseschen, sondern auch für Davidchen, dem Esterchen eben mit großer Aufmerksamkeit die Kleider anzog. Als er fortgegangen war, schauten die Mädchen einander wieder an. „Was meinst Du," frug Blümele, „warum kommt er?" „Nun, wegen Moseschen," antwortete Esterchen errötend. „Du lügst!" brach es aus Blümele hervor, „deinetwegen kommt er. Und Du kommst seinetwegen. Also kommet nur. Mich gehet Ihr gar nichts an." Esterchen erblaßte und zwei glänzende Tränentropfen perlten aus ihren Augen. „Blümele!" rief sie flehend aus. Blümele wandte sich um und lief davon. Schon den dritten Tag hatten die Kinder vergebens aus Blümele und Esterchen gewartet. Die Mädchen tarnen nicht, und die Aermsten wurden noch verwaister als zuvor. Liweitzer kam noch ein, zweimal und dann blieb auch er aus. Er hatte eine Ahnung, daß seirre Gegenwart die Mädchen verjagt habe, und er empfand darob Gewiffensbisse, doch Esterchens Stolz empörte ihn zugleich. Also so gering achtete sie ihn? Sie wollte ihn gar nicht sehen? Nun denn, gut. Sie sollte ihn ferner weder, hier noch anderswo sehen. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Calendar of the plea rolls of the axchequer of the Jews preserved in the public record Office. Vol II. Edward I., 1273—75. Edited hy J. M. Rigg. (Jewish historical society of England.) XXIII und 363 S. 8°. In England beginnt die mittelalterliche Geschichte der Juden später und endet früher als in anderen Ländern Europas. Gleichwohl ist für sie das Quellenmaterial, dank der vorzüglichen Erhaltung des einstmals im Tower zu London aufbewahrten englischen Staatsarchivs, ein ganz vorzügliches und ungemein reichhaltig. Sind doch schon für das Ende des 12. Jahrhunderts, die Zeit des Königs Richard Löwenherz, Steuerlisten erhalten. Im 13. Jahrhundert bildete die administrative Zentralbehörde für die Juden Englands eine Abteilung des großen Schatzamts, vor der sie zugleich ihren ausschließlichen Gerichtsstand hatten, so daß in die Akten des „Judenschatzamts" Berichte über sämtliche Prozesse, bei denen sie Kläger oder Beklagte waren, Aufnahme fanden. Von diesen Akten, die nach englischer Sitte in Rollenform geführt wurden, ist nun ein erheblicher Teil noch vorhanden, und es hat, nachdem die älteste aus den Jahren 1218—20 stammende Rolle schon früher abgedruckt worden war, I. M. Rigg in den Veröffentlichungen der Leiden 8ociety 1902 eine Auswahl der interessantesten Stücke aus sämtlickren Rollen ediert. Vollständig erschlossen wird das wertvolle Material jedoch erst durch die weitere Publikation, die I. M. Rigg für die Jewish historical Society of England übernommen hat, und deren zweiter Band jetzt vorliegt. Sie bringt nicht eine wörtliche Wiedergabe des Textes, die zu viel Raum beansprucht hätte, sondern eine gekürzte Uebersetzung, die alles wesentliche enthält, ein sehr zweckmäßiges Verfahren, das bei englischen Ouellenpublikationen häufig Anwendung findet. Um von den vielen bemerkenswerten Einzelheiten, die in den Akten des Judenschatzamtes zu finden sind, auch nur weniges hervorzuheben, würde der knappe Raum nicht ausreichen, der einer Anzeige zu Geböte steht. So möge der kurze Hinweis auf die wichtige Neuerscheinung genügen, die eine in ihrer Art einzig dastehende Quelle der Forschung zugänglich macht. G. C. I. Rösel. Die Reichssteuern der Deutschen Judengemeinden von ihren Anfängen bis zur Mitte des 14.Jahrhunderts (Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums) Berlin, Lamm, 1910. 95 Seiten. 8°. Die zahlreichen Spezialuntersuchungen über die Schicksale der Juden in Deutlchland sind bisher ganz vorwiegend von lokalen Gesichtspunkten ausgegangen, so daß wir Geschichten der Juden fast einer jeden Stadt und Landschaft besitzen. Da nunmehr für diese Gattung der historischen Literatur eine abschließende Zusammenfassung in der Germania Judaica zu erwarten steht, muß es um so freudiger begrüßt werden, daß die vorliegende Arbeit einen anderen Weg der Einzelforschung eingeschlagen hat. Die jährlich zu entrichtende Steuer der deutschen Judengemeinden spielte während des späteren Mittelalters im Finanzhaushalt des Reichs, als eine der sichersten und ertragsreichsten Einnahmequellen, keine geringe Rolle. Ihre monographische Behandlung war daher eine sehr lohnende Aufgabe, die von Rösel auch in ganz vorzüglicher Weise gelöst worden ist. Mit Umsicht und Sorgfalt hat er das umfangreiche Urkundenmaterial verwertet, das über Höhe und Verwendung der Steuer Aufschluß gibt; besonders dankenswert sind die beigegebenen Tabellen, welche die Ergebnisse der Untersuchung übersichtlich zur Darstellung bringen. Der Anhang teilt einige bisher ungedruckte Urkunden.' mit.. Eine derselben .enthält eine vorschußweise Anweisung auf die Steuer der Juden in Konstanz zugunsten eines Mannes, der als Nachfolger des aus Schillers Tell bekannten Landvogts Geßler zu betrachten wäre, wenn letzterer existiert hätte. G.C. : * — Von Dr. Wilhelm Münz' Buche „Einsames Land. Erzählungen und Stimmungsbilder" wird in nächster Zeit die zweite Auslage erscheinen. Der Verfasser hat sein Werk durch mehrere neue

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