Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- Seite 322 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ereignisse. Die Sache gefiel ihm nicht. Blümele wärmte Wasser und spülte dann das große Waschbecken aus. Davidchen knüpfte unangenehme Erinnerungen an das'Waschbecken, was ihn dazu bewog, daß er, seinen Wachtposten verlassend) zu Moseschen unter das Bett kroch. Mit verhaltenem Atem lauschten sie da den schrecklichen Vorbereitungen. Als das Wasser warm geworden war, entkleidete Blümele das Aronchen und setzte es in das Waschbecken. Aronchen kreischte, strampelte und stampfte, jedoch sein Widerstand nutzte ihm nicht. Davidchen und Moseschen schauten den grausamen Vorgängen mit haßerfüllten Blicken zu. Endlich hatte Aronchen kapituliert. Er fing an, sich in dem angenehmen, warmen Wasser wohl zu fühlen. Blümele tauchte ein Handtuch in das Wasser, hielt es über das Kind und wand es langsam aus. In dicken Tropfen floß daraus das Wasser und lief über Aronchens Rücken und Brust, was ihm großen Genuß bereitete. Das Kind lächelte zuerst, dann lachte es laut und endlich begann es mit den Patschhändchen im Wasser herumzuplätschern. Das Wasser spritzte Blümele in das Gesicht. Sie lachte und drohte Aronchen mit dem Finger. Davidchen blickte auf Moseschen und dieser lachte. Wie hätte er denn nicht lachen sollen? Das ist ja ein Spiel, eine wunderschöne Unterhaltung. Das muß man in der Nähe genießen. Und er kroch langsam unter dem Bette hervor und zu Blümele hin. Davidchen folgte ihm und nach einigen Minuten lachten sie alle vier. . ' Blümele wickelte Aronchen in ein trockenes Leintuch ein und legte ihn ins Bett, dann wusch sie die beiden älteren Kinder, welche es wie Lämmchen duldeten. Als die Reinigung zu Ende geführt war, gab Blümele dem Moseschen, der eben unter ihrer Hand gewesen, einen Kuß. Da zog sie Davidchen an ihrem Kleide. Das Mädchen hatte den Vorwurf verstanden/ nahm den Knaben in ihre Arme und küßte ihn weidlich ab Das Kind schlang die dünnen Aermchen um ihren Hals und' frug: „Du wirst unsere Mutter sein?" Blümele erbleichte. Sie ließ das Kind plötzlich los und stand eine Weile verwirrt da. Dann kleidete sie das Aronchen raschan, brachte das Zimmer in Ordnung, tat die Zündhölzchen auf den Kasten, trug den Wasserkrug in die Küche und machte Anstalten wegzugehen. Davidchen lies ihr nach und weinte: „Nicht geh' fort. Mutter ist auch fortgegangen und nicht mehr zurückgekommen." Blümele drückte es das Herz ab. ) „Ich werde zurückkommen, Davidchen. Weine doch nicht mein Goldkind." „Auch Du wirst in die Grube gehen." „Nein, ich werde zurückkommen. Aber seid brav imö gebetauf Aronchen acht. Werdet ihr auf ihn acht geben? Ihr werdet es, ja? Nun, so weinet nicht. Wenn ihr brav sein werdet, dann komme ich zurück." : Mit weinerlicher Stimme gelobten die beiden Kinder brav zu sein. . Blümele eilte davon. ' Sie kam am nächsten Tage und am zweitnächsten wieder. Sie brachte ihre Liebe mit, doch vermochte sie nichts anderes zu bringen, und die Kinder waren hungrig. Das Herz brach ihr beim Anblick der mageren, blassen Gesichtchen. Am vierten Tage ging sie zu Esterchen hin. „Esterchen," klagte sie, „ich kann nicht weiter. Helfet, denn das ist ja entsetzlich." Esterchen suchte gleich eine Menge Eßwaren^zusammen und brachte diese in Begleitung Blümeles den Kindern.;! Ore war zu Hause und betete eben, als die Mädchen kamen. Esterchen winkte ihm lächelnd, sich nicht stören zu lassen. Ore war darüber ärgerlich; als ob er dazu Erlaubnis verlangt hätte! Wenn der Mensch betet,- dann kann er sich doch gewiß nichts mit Frauenzimmern in ein Gespräch einlassen. Demzufolge, sprach er auch kein Wort. Er betete ruhig weiter und betrachtete die Mädchen, wie sie sich eifrig mit den Kindern beschäftigten, und betrachtete die Kinder, wie sie sich lachend an Blümele hängten, und als'er im Gebete eben an eine rührende Stelle kam, konnte er das Schluchzen nicht zurückhalten. „Onkel Ore", sprach Esterchen zu ihm, als er mit dem Beten fertig war, „wenn Sie zu tun haben, so können Sie unseretwegen fortgehen." Ore ging. Er mußte sich nach einem Erwerbe nmsehen. Er kann doch die Kinder nicht mit Gnadenbrot erziehen. „Ich werde jemanden herschicken, damit auch Ihr nach Hause gehen könnt." Die Mädchen billigten es und gingen dann an die Arbeit. Ore entfernte sich, ohne zu wissen, wohin er eigentlich gehen sollte. Naghsöröd bietet Leuten ohne Erwerb keine Arbeitsgelegenheiten. Wer einmal aus seiner gewohnten Beschäftigung herausgesprungen ist, der kann dort sehr schwer ein neues Feld der Tätigkeit finden. Er mühte sich seit Monaten, um seine Existenz neu zu gründen, jedoch erfolglos. Da arbeitet jeder für sich und jeder muß froh sein, wenn er soviel Arbeit findet, als er für sich nötig hat; ans Hilfskräfte ist keiner angewiesen. Doch, wenn man auch gern das wenige mit ihm geteilt hätte, wem sollte er feine Dienste änbieten? Er verstand keinerlei Handwerk, nur das seinige. Dessenungeachtet gab er nicht die Hoffnung auf und machte tagtäglich neuerdings seine erfolglosen Wege. ' Viele begegneten ihm in den Gassen und wechselten einige Worte mit ihm. „Na, Ore," — frug ihn Haschl Ochs, „noch nichts?" „Noch nichts," erwiderte Ore betrübt. „Ore, du solltest heiraten. Vielleicht trifft sich dir eine Witwe mit etwas Geld; dann könntest du einen kleinen Bränntweinschank oder dergleichen eröffnen." Ore ging, ohne zu antworten, weiter. Er begegnete noch Zarak und Schneider Goldfinger. Vor dein Veshamedresch grüßte ihm freundlich Liweitzer. „Guten Morgen, Reb Ore!" Ore wurde betroffen. „Ich bin kein „Reb" mehr, Herr Liweitzer. Der Rebbe hat mir ihn weggenommen." Liweitzer lenkte das Gespräch schnell auf andere Dinge. „Was machen die Kinder? „Danke, Herr Liweitzer. Die Aermsten weinen." „Wer gibt acht auf sie?" „Gott gibt auf sie acht, Herr Liweitzer." „Das weiß ich, Reb Ore. Doch wer gibt noch außer Gott auf sie acht? „Manchesmal Blümele, Blümele Beer, Gott segne sie dafür. Auch jetzt ist sie mit Esterchen Eschkeles dort." Liweitzer zuckte zusammen. Einige Sekunden lang schwieg er, dann sagte er verwirrt und stotternd: „Ich habe mir gedacht, Reb Ore, daß ich auch hingehen werde. Moseschen besitzt einen scharfen Verstand; er könnte bald die Jwre') erlernen und dann allein Kaddisch sägen. Ist es Ihnen recht?" x) Hebräisch lesen.