Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1911)
- Date
- 1911-07-07
- Page
- Seite 321 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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gegen Israel" (Pes. K. 155 a). — ,Er ist der Herr unser Gott- (Ps. 105,7): „Die Eigenschaft seines Erbarmens währt ewig" (Gen. r. -XXXVII, 3). — „Selbst den Frevler nimmt Gott auf, wenn er bereut: ,Wer auf Gott vertraut, den umgibt Gnade' (Ps. 32,10)" (Lev. r. XV, 4). — „Gott sprach: Das Böse, das du gesprochen (Ex. 32,5). vergesse ich; das Gute, das du gesprochen (ib. 24,7) vergesse ich nicht" (Pes. K. 133, B). — ,-Gott spricht: Seid eifrig im Gebet, es gibt nichts Besseres. Selbst wenn der Mensch unwürdig ist, erhört zu werdenübe ich dann Gnade mit ihm, denn alle meine Wege sind Gnade" (Tauch. B. Gen. 42 a). Wie viele ähnliche Sätze, .Gleichnisse könnte ich noch zitieren! Nur eins noch zum Schluß. Man soll nie vergessen, wenn man über eines Volkes Religion sprechen will, in den Gebeten dieses Volkes zu blättern; sie sind, wie schon gesagt, der klassische Niederschlag der wahren Volksgesühle. Wenn nur Herr Sombart das getan hätte, ehe er den Ausspruch getan, die jüdische Religion kenne nicht die göttliche Gnade! Wie inbrünstig fleht der fromme Jude auch heute noch täglich: „Herr aller,Welten, nicht kraft unserer. Frömmigkeit beten wir zu dir, nur gestützt auf deine große Barmherzigkeit. Was sind wir? Was ist unser Leben? Was soll uns Gnade, Heil und Hilfe erwirken? Was ist unsere Kraft und Macht? Mit welchen Worten sollen wir vor dich hintreten, o unser Gott und Gott unserer Väter!? Wahrlich, alle Helden sind ein Nichts vor dir, die berühmtesten Männer, als ob sie nicht wären, Weise wie ohne Erkenntnis, Einsichtige wie ohne Vernunft. Denn die meisten ihrer Taten sind nichtig, die Tage ihres Daseins eitel Schaum vor dir. Und worin der Mensch > vom Tiere sich auszeichnet, ist. fast nichts, denn alles ist ein Wahn." Muß Sombart nicht ein gestehen, daß dieses tägliche -Gebet nur in einer Gesamtheit gedichtet werden konnte, deren religiöse Triebfeder Liebe, erschauernde Innerlichkeit und die göttliche Gnade sind?! „Du ernährest Lebende in Gnade, du belebest Tote in großer Barmherzigkeit. . ." „Der Allgütige bist du, denn nie schwand dein Erbarmen, du Allerbarmer, denn nie endet deine Gnade," auch das sägt der fromme Jude dreimal täglich. Und wie ist der Versöhnungstag voll von ähnlichen Gebeten. „Deine Weise ist es, o unser Gott, und dein Ruhm, langmütig dich zu zeigen den Frommen wie dyn Bösen. So übe Vergebung um deinetwillen, nicht um unseretwilleu. Schalle aus uns, die wir arm und leer, (an frommen Werken) vor dir stehen." Und wenn der Versöhnungstag zu Ende geht, rafft der fromme Jude alle seine Herzensinbrunst nochmals zusammen und betet: „Du, o Herr, streckst deine Hand den Sündern entgegen, und deine Rechte hältstdu hin. die Reumütigen' aufzunehmen . . . Du weißt, daß unser Ende Wurm und- Moder ist, darum ist deine Vergebung gar groß." . Ist die jüdische Religion wirklich eine Religion, in der der Mensch nicht betend vor Gott hintreten darf, ohne eine Gegenleistung in Händen zu haben? Ich könnte also, wenn es^ ginge, als ein Vertreter der jüdischen Religionsgemeinschaft, mit gutem Gewissen an Herrn Sombart nachstehende Zuschrift richten: Sehr geehrter Herr Professor! Ich ersuche Sie höflichst auf Grund des § 19 unseres (des österreichischen) Preßgesetzes nachstehende Berichtigung in die demnächst erscheinende zweite Auflage Ihres Buches aufzunehmen: 1. Es ist unwahr, daß in der jüdischen Religion die Furcht^ vor Gott das wesentliche Grundprinzip sei in dem Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Wahr ist-vielmehr, -daß von^dem Pentateuch her bis auf unsere Zeit die Liebe zu Gott ununterbrochU gelehrt und gefordert wird, i 2. Es ist unwahr, daß die jüdische Religion, besonders seit den Soferim, weder Inbrunst noch-Mystik kenne. Wahr ist vielmehr, daß das jüdisch-religiöse. Leben des altfrommen Juden zu allen Zeiten von wahrer Herzensandacht und religiöser Schwärmerei ganz durchtränkt war und ist. . 3. Es ist unwahr, daß der Jude vor Gott nie betend ohne eine entsprechende Gegenleistung hintreten dürfe. Wahr ist vielmehr, daß die göttliche Gnade der grundlegende Gedanke der jüdischen Religion ist seit Moses Zeiten bis heute. . (Fortsetzung folgt.) Srim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. XXIi. Gemeinde hat ihm das Hackrecht weggenommen, der Rebbe hat ihm den Chuwer weggenommen, Gott hat ihm das Weib weggenommen. Also was wollen wir noch haben? Rebojne schel Ojlom, was wollen wir nock haben?" . Blümele schwieg. „Also Du bist ihm böse?" „Damals hat das, was er mir angetan hat, sehr geschmerzt." „Das ist schon lange her Blümele, vielleicht sind es schon 'drei Monate. Und damals war er noch ein wohlhabender Mann, hatte ein Weib, und seine Kinder waren keine Waisen. Weißt Du Blümele, was das heißt, wenn ein Kind eine Waise wird? Es gibt in der Welt nichts Traurigeres. Ich sehe es jede Nacht und sage mir: Reb Beer, warum bist Du so ein Esel?' Du gehst mit der großen Lanze durch die Gassen' und gibst auf die Häuser acht, und da sind drei kleine Fratzerl, auf die niemand acht gibt, nur der liebe Gott. Aber was kann der liebe Gott machen? Soll er vom Himmel herunterkommen, um Aronchen einzuwiegen, Moseschen zu baden und Davidchen zu kämmen? Soll er vielleicht die Frauen in Nagysöröd beschämen, die das tun könnten, aber nicht tun? Was meinst .Du Blümele, ist das schön? Blümele ich sag' Dir etwas. Dich hat weder Aronchen, noch Moseschen, noch Davidchen gebissen. Was sollen die armen Würmchen machen, wenn der Vater dem Broterwerb nachgeht und sie in der Wohnung zurückläßt?" Blümele schwieg. Sie schwieg lange — dann stand sie vom Sessel auf, brachte ihren Anzug in Ordnung, küßte dem Pater die Hand und ging fort. Eine halbe Stunde später hatten zwei wärme Mädchenarme Aronchen umschlungen, und Aronchen lallte glückselig, als ob ihn seine eigene Mutter gehätschelt hätte. Aronchen strampelte ein wenig, dann beruhigte er sich. Er preßte seinen kleinen, runden Kopf an Blümeles Busen und lallte glückselig': „Mam -ma!" . . Blümele erbebte am ganzen Körper. Es war außer ihr und den Kindern keiner im Zimmer, und dennoch errötete sie. Mit scheuen Blicken betrachtete sie Aronchen, dann Moseschen und Davidchen. : Moseschen lag unter dem Bette und lugte von dort nach dem schlanken, jungen Geschöpfe aus, das dem Aronchen. den Mund mit Zucker vollstopste. And Davidchen hockte auf der Ofenbank und; beobachtete von. hier aus ^die