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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-07 · Heft 27 (7.7.1911) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
Seite 319 (sequence 7)
Language
German
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und begeisterte Ehrfurcht gegen das gekrönte Haupt des Monarchen zur strengen Pflicht macht, davon will ich Ew. Majestät nur einen Satz anführen: ,Fürchte Gott, mein Sohn, und den Königs; unmittelbar nach der Ehrfurcht, die wir Gott schulden, kommt die, die wir dem Landesfürsten zu erweisen haben/ — Vor dem Tempel und aus den Straßen hatte sich inzwischen die Menge gesammelt, sie umdrängte den König bei seinem Hinaustreten in einer Weise, daß die Schutzleute Mühe hatten, ihm den Weg freizuhalten. Der König ward nicht müde, die ihm dargereichten Hände zu drücken. Die Rückkehr nach Nürnberg erfolgte mittels Bahnfahrt; auf dem Wege zum Bahnhof äußerte ersich dem an seiner Seite schreitenden Bürgermeister gegenüber über die ,angenehme und liebenswürdige Persönlichkeit des Rabbiners', und daß er ,aufs angenehmste berührt sei über das freimütige und zutrauliche Benehmen der Bevölkerung^. Mag auch manches in diesem Berichte, zumal er aus christlicher Feder stammt, nicht genau dem Hergange entsprechen, so bleibt doch das Verhalten des Königs sicher bestehen, desgleichen die Tatsache, daß eigentlich seinen ganzen Aufenthalt in der bedeutenden Fabrikstadt Fürth der Besuch der Synagoge ausgefüllt hat. Indem ich für das wichtige Hervortreten von Landtagsabgeordneten israelitischen Bekenntnistes innerhalb der, den König Ludwig II. stets gegenüber der klerikalen Mehrheit in seinen nationalen und modernen Maßnahmen unterstützenden liberalen Partei auf die vor V-k Jahrzehnten erschienene Broschüre des Bamberger Rabbiners Dr. A. Eckstein über jüdische Parlamentarier in . Bayern verweise, füge ich noch, an, daß unter seiner Regierung das bayerische Heer nicht nur zahlreiche israelitische Reserve-, sondern auch zwei aktive Offiziere besessen hatte. Solche Gleichberechtigung hat seit den letzten zwei Jahrzehnten nun freilich völlig aufgehört, und wenigstens im aktiven bayerischen Heere liegen nun längst die Verhältnisse gerade so wie beim preußischen, also beim Reichsheere. Vielleicht trägt daran die klerikal-antisemitische Agitation Mitschuld, die schon unter Ludwigs II. Königtum einsetzte. Ludwig II. verabscheute solches Treiben aufs tiefste und stand .deshalb bei all solchen Hetzern in ärgstem Haß. Am Ende muß auch die Unfähigkeit einer antisemitischen Bewegung, in Bayern unter Ludwigs II. Regierung in die Höhe zu kommen, und das verunglückte Uebergreifen der norddeutschen Hetzpropaganda über die weißblauen Grenzpfähle als charakteristisch betont werden, obwohl dies nach den oben wortwörtlich belegten Anschauungen des Königs niemand überraschen kann. Auffällig bleibt dieser Umstand immerhin insofern, als der schroffe Antisemitismus schon zu Ludwigs Zeiten im Bayerlande durch dieselben zwei — nun auch längst verstorbenen — äußerst geschickten publizistischen Agitatoren verfochten wurde, die später, durch einen Schreier und Radaujournalisten gröberen Kalibers, den christlich-sozialen Häuptling österreichisch-klerikalen Anstrichs Ludwig Wenng (noch jetzt Herausgeber des bedeutungslosen „Deutschen Volksblatts" in München), sekundiert, mit der Feder stark judensresserisch ausgetreten sind: nämlich (sie gelangten erst nach der Ludwig- Aera auch parlamentarisch zur Geltung) den berüchtigten Dr. jur. I. B. Sigl vom „Bayerischen Vaterland" und Pfarrer Dr. Georg Ratzinger, den vieljährigen bayerischen Berichterstatter der gleichfallspartikularistisch-ultramontanen„Deutschen Reichszeitung" (Bonn), wo den zugleich gut deutsch und gut bayerisch abzielenden politischen Abfichten Ludwigs II. stramm widersprochen wurde. Der schlaue Dr. Sigl hat freilich 1886 bei der Königs-Katastrophe im Gegensätze zum offiziellen Klerikalismus, den „Patrioten" (= Zentrum), scheinbar eingelenkt. Der -ehrlichere Dr. Ratzinger dagegen ist auch da nicht gewichen, gab vielmehr seine volkswirtschaftlich eingekleideten antisemitischen Schriften erst dann heraus: „Jüdisches Erwerbsleben. Skizzen aus dem sozialen Leben der Gegenwart" und „Das Judentum in Bayern. Skizzen aus der Vergangenheit und Vorschläge für die Zukunft" (erstere angeblich von „Dr. Robert Waldhausen", letztere von „Dr. Gottfried Wolf"!). Vor König Ludwigs Tod hätte sich solche zügellose Hetzagitation kaum hervorgewagt. Der kspitslismus der Juden und dir jüdilche Religion. Von Dr. I. Ziegler,'Rabbiner in Karlsbad. IV. rt.-affen wir die vorexilische Prophetie beiseite und gehen wir rasch auf die Zeit des Ueberganges zu der berüchtigten Soferimüber. Deuterojesaja: „Zion wehklagt: Gott hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen! Vergißt eine Frau ihres Säuglings, erbarmt sich nicht ihres Kindes? Eher können die vergessen, ich vergesse nicht auf dich" (49, 14). „Für einen kurzen Augenblick habe ich dich verlassen, in große Liebe nehme ich dich wieder auf. Im Zorne eines Augenblicks verbarg ich mich für einen Moment vor dir, doch in ewiger Gnade erbarme ich mich deiner jetzt, spricht dein Erlöser Jahve . . . Berge können weichen, Hügel wanken, meine Gnade weicht nicht von dir, mein Friedensbund wankt nicht, spricht dein Erbarmer, der Herr" (54, 7, 8, 10). „So verlasse denn der Frevler seinen Weg, der Sündhafte lasse ab von seinen Plänen. Er kehre zu Jahve zurück- und er wird sich seiner erbarmen, zu unserem Gott, denn er verzeihet gar viel" (55, 7). „Und nun, o Jahve, du bist unser Vater. Wir sind der Lehm, du bist unser Bildner, deiner Hände Werk sind wir alle. Zürne, o Jahve, nicht zu sehr, gedenke nicht ewig der Schuld" (64, 7). Joel: „Und nun, so spricht Jahve, kehret zu mir zurück mit eurem ganzen Herzen, fastend, weinend, klagend. Zerreißet eure Herzen, aber nicht eure Kleider und kehrt zu Jahve, eurem Gott, zurück, denn er ist huldvoll und barmherzig, langmütig und reich an Gnade, und ihm tut leid das beschlossene Verhängnis" (2, 12f.). Nehemia: „Sie aber wollten nicht hören, wollten -deiner Wunder nicht gedenken, die du ihnen erwiesen hast ... Du jedoch, Gott der Verzeihung, warst gnädig, barmherzig, langmütig und voll Gnade, du hast sie nicht verlaßen . . . Machten sie sich auch ein gegossenes Kalb . . . Du hast sie in deinem großen Erbarmen doch nicht verlassen ... In deinem großen Erbarmen hast du sie nicht vollends vernichtet, sie nicht verlassen, denn ein gnädiger und barmherziger Gott bist du" (9, 17 ff., 31). Daniel: „Und ich betete zu Jahve, meinem Gott, legte mein Sündenbekenntnis ab und sprach : „Ach, mein Herr, großer, furchtbarer Gott, der hält den Bund und die Gnade denen, die ihn lieben und seine Gebote beobachten. Wir haben gesündigt, uns vergangen und gesrevelt, waren widerspenstig und sind abgewichen von deinen Geboten und Rechten . . . Auf deiner Seite, o Herr, ist das Recht, auf unsrer die Beschämung . . . O Jahve, unser ist die Beschämung . . . dieweil wir gegen dich gesündigt haben ... beim Herrn, unserem Gott, ist aber das Erbarmen und die Vergebung" (9, 4, 7, 8 f.) : Aus der Fülle der Gnadenverse in den Psalmen seien nur einige hervorgehoben: „Ich aber vertraue auf deine Gnade, mein Herz jubelt ob deiner Hilfe" (13> 6). „Denn

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