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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-07 · Heft 27 (7.7.1911) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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Die Woche. Berlin, 4. Juli. er Fall Jatho beschäftigt die weitesten Kreise, nicht nur in Köln, wo der kühne Pfarrer als Gelehrter, als Seelsorger und als Mensch warme Sympathie, ja begeisterte Verehrung genießt, sondern auch anderwärts. An den m* schiedensten Orten fanden Sympathiekundgebungen für den Märtyrer, Protestversammlungen gegen den Spruch der Kirchenbehörde statt. Bei einer Betrachtung dieses Falles handelt es sich nicht etwa darum, mit Hohn auf die Zerklüftung innerhalb einer großen religiösen Gemeinschaft hinzuweisen, noch viel weniger darum, mit Triumph zu verkünden, daß wir es besser haben, da wir keine Konsistorien und keine Ketzeruntersuchungen besitzen. Vielmehr ist es die ernste Teilnahme für den religiösen Fortschritt, die uns eine Würdigung des merkwürdigen Ereignisses aufnötigt. Gewiß wird es zu einem starken Abfall von dem Protestantismus, wovor auch Jatho und seine Anhänger warnen, nicht kommen, vielleicht auch kaum zu einer Bildung freier protestantischer Gemeinden, worüber in manchen Versammlungen der letzten Woche hin und her debattiert wurde. Hoffentlich aber verläuft die Bewegung nicht im Sande. Das Bewußtsein des Freisinns muß erstarken/ Daß jede religiöse Lehre nicht starr am Buchstaben hängen darf, daß jede Religion der Entwicklung fähig ist und der Entwicklung bedarf, das ist die Lehre, die hoffentlich die Protestanten aus dem Spruch des Richterkollegiums ziehen werden. Und diese Rückwirkung erhoffen wir auch für das Judentum. Auch wir müssen uns immer mehr von -der Ueberzeugung durchdringen lassen, daß kein Buchstabenglaube gelten darf, daß die Religion sich nicht einzwängen lassen darf in, Formen und Vorschriften, die nur das Alter für sich haben, sondern daß der Geist der Freiheit die Religion beleben, erleuchten und stärken muß. Einstweilen sieht es freilich in Europa nicht so aus, daß man glauben möchte, die Freiheit sei eingezogen. Von den österreichischen Wahlen ist nichts Neues zu melden. Die Opfer des Blutbades von Drohobvcz können nicht wiedev lebendig gemacht werden. Wie stark aber die Erregung noch ist, zeigt folgende Meldung über eine Trauerfeier in Lemberg, die wir der „Frankfurter Zeitung" entnehmen. Der. jüdische Nationalverein veranstaltete gestern hier ein^ Traüerfeier für die Opfer von Drohobycz, an welcher über 3000 Per-, sonen teilnahmen. Dr. Kraßny führte aus, daß Juden von Juden gemordet wurden. Das blieb den Herren Loewenstein und Feuerstein Vorbehalten, diesen Judenmördern von Drohobycz. (Pfuirufe!) Dr. Pachtman aus Drohobycz berichtete als Augenzeuge über die Vorgänge bei der Wahl. Hierauf wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in der die Versammlung ihrer tiefen Trauer über dw blutigen Vorfälle von Drohobycz Ausdruck geben und die Hinterbliebenen der dort gefallenen Opfer der herzlichsten Teilnahme versichert werden. Weiter wird erklärt, die Versammlung, erfüllt vom tiefsten Äbscheu über das verbrecherische Treiben des Kultus» Präsidenten Feuerstein und seiner im Verwaltungsdienst stehenden Helfershelfer, verlange die strenge Bestrafung aller, welche zunächst durch betrügerische Machinationen das Wahlresultat fälschten. Die Regierung habe nichts unternommen, um den berüchtigten galizischen Wahlschwindeleien ein Ende zu setzen.. , 4r> " ' Das durch das Blutbad erwirkte Elend hat eine große Anzahl hervorragender Wiener jüdischer Männer veranlaßt, einen Aufruf zu erlassen, dem wir gern an dieser Stelle einen Raum geben. Aufruf! Ueber Drohobycz in Galizien ist eine entsetzliche Katastrophe herein gebrochen. Während der eben abgeschlossenen Reichsratswahl sind 25 Menschenleben zum Opfer gefallen; weitere 25 ringen schwer verletzt mit dem Tode, Frauen haben ihre Gatten verloren, mehr als 80 Kinder sind zu Waisen geworden. Die Familien sind der Not, der Verzweiflung preisgegeben. Wir appellieren an alle, welche die Fähigkeit, den Schmerz anderer mitzufühlen, nicht verloren haben, sich mit uns zu vereinigen. Wir können die Toten nicht mehr lebendig machen, aber wir können durch rasche Hilfe die Verzweiflung mildern, die Not lindern. Wer rasch gibt, gibt doppelt. Die Gefertigten haben sich zusammengefunden, um dieses Hilfswerk sofort zu beginnen und bitten alle jene, welche uns durch ihre Spende, und fei dieselbe in welchem Betrage immer, unterstützen wollen, ihre Gaben an die Adresse: „Galizischer Hilfsverein" Wien IX, Berggasse 4, zu senden. * Aus Rußland ist glücklicherweise von keinen neuen Gewaltmaßregeln zu berichten; eine Mitteilung über eine beabsichtigte Aktion der Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin verdient auch hier eine Stelle. Sie lautet: Mit der Frage der Vorschriften für ausländische Handlungsreisende jüdischen Glaubens in Rußland haben die Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin sich von neuem besaßt. Für Haudlungsreisende jüdischen Glaubens gelten, auch soweit es sich um Ausländer handelt, in Rußland andere Bestimmungen als für christliche Handlungsreisende. Abgesehen davon, daß im Paß ausdrücklich zu vermerken ist, daß der Inhaber mosaischer Religion ist, und eine Reihe von Nachweisen aus dem Handelsregister usw., die mit großen Kosten verbunden sind, beigebracht werden müssen, dürfen sich Juden länger als sechs Monate nur dann' im Lande aufhalten, wenn ihnen seitens der drei beteiligten Minister (be§ Aeußern, des Innern und der Finanzen) die Niederlassung in Rußland ausdrücklich gestattet ist. Ferner ist den Juden in manchen Städten der Aufenthalt in den besseren Stadtvierteln verboten, so daß sie auf minderwertige Hotels in den schlechten Vierteln angewiesen sind. Abgesehen von dem Entwürdigenden dieser Vorschriften erwächst dem Geschäftsreisenden dadurch ein großer geschäftlicher Nachteil, weil er seine Kunden gar nicht oder nur mit großer Mühe bewegen kann, die in seinem Gasthaus ausgestellten Musterkollektionen zu besichtigen. Da das vereinzelte Vorgehen der verschiedenen Regierungen bisher ohne Erfolg geblieben ist, haben die Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin beschlossen, den Reichskanzler zu bitten, bei den Regierungen der übrigen Großmächte eine gemeinsame Aktion anzuregen. Es soll erreicht werden, daß bei ausländischen Handlungsreisenden künftig zwischen Juden und Christen kein Unterschied mehr gemacht werden darf. v Die nachstehende Mitteilung über unbekannte Bismarckäußerungen macht die Runde durch die Blätter, sre dürfte auch unsere Leser interessieren. In der Zeitschrift „Jung Ungarn" veröffentlicht Dr. Julius Kepes (Budapest) „Erinnerungen an Bismarck", unter denen sich manche interessante unbekannte Aeußerung des Kanzlers findet. Dr. Kepes wurde im Jahre 1892 dem Fürsten, der damals in Kissingen zur Kur weilte, vorgestellt. Er hatte erfahren, daß die Fürstin-Bismarck den Wunsch hegte, die Zigeunerkapelle zu hören, die damals — eine ganz neue Attraktion — in Kissingen spielte. Durch Vermittlung von Schweninger gelang es, das Kanzler-Ehepaar mit einem morgendlichen Zigeunerständchen zu überraschen, und der erfreute .Fürst lud daraufhin Dr. Kepes zum Mittagessen. Bei Tische herrschte eine so freie, zwanglose Unterhaltung, daß Kepes schließlich den Mut fand, an Bismarck eine überaus heikle Frage zu richten. Er fragte nämlich den Fürsten, wie es komme,, daß die ganz außerordentliche, herzliche Liebenswürdigkeit, mit der er ihn auszeichnete, nicht dadurch beeinträchtigt werde, daß er Jude sei,

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