Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-07 · Heft 27 (7.7.1911) · p. Seite 315

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228989--67598-3279824
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bzw. ob er sich vielleicht hierüber orientiert habe," bevor er ihn'noch i mit der Einladullg beehrte. .L . »Warum fragen Sie das?"-gab Bismarck zur Antwort. Z „Weil man allgemein wissen will, Durchlaucht waren Antisemit, f Ich glaube zwar nicht daran, denn Durchlaucht würden-sich doch j sonst wohl kaum stundenlang mit einem Rabbiner'unterhalten haben, i wie ich hier in Kissingen hörte." 1 : v | „Aus ' den deutschen Zeitungen, die Sie jetzt lesen, - müßten Sie r wohl den Schluß ziehen, daß ich eigentlich kein guter Deutschermehr j bin. In Wirklichkeit wird das jeder rechtschaffene Mensch als Erfindung bezeichnen. Das Märchen von meinem Antisemitismus muß in dieselbe Kategorie eingereiht werden. Ich war immer bestrebt, die Sitten dieses klugen Volkes zu bessern, ohne ihm je etwas zuleide zu tun. Das wäre auch unchristlich gehandelt, denn das Judentum bildet die lebende Zeugenschaft des Christentums. Sollten die Juden aussterben, so bin ich überzeugt, daß dies für den Fortbestand des Christentums eine ungünstige Prognose wäre. Ich wußte genau, Herr Doktor, daß Sie der israelitischen Religion, angehören, aber dieser Umstand beeinflußt meine Gesinnung nicht, im Gegenteil (und wieder schob er meinen Arm in den seinen): die Zeugen des Christen? tums mögen hochleben!" Ich spann das Thema weiter und fragte den Fürsten, ob er wirklich gottgläubig sei. Er antwortete ungefähr: „Leben und Gesundheit sind Gottesgaben. Hierüber habe ich f seit meiner Jugend meine entschiedene, unumstößliche Ueberzeugung. i Ungeachtet der verschiedenen philosophischen Auffassungen, metaphysischen Wissenschaften und ihrer Entwicklung bin ich niemals auch nur einen Augenblick in meinem Glauben an Gott wankel-! mütig geworden." ’ * . Wirtschaftliche Fragen in der jungen Türkei. Eines der bedeutsamsten Resultate des Sieges der Jungtürken ist die Aufrollung verschiedener wirtschaftlichen Fragen, die Unter dem Regime Abdul Hamids wenig Beachtung fänden, von denen aber für die neue Türkei sehr viel abhängt. Neben der Säuberung der Verwaltung, die leider nur sehr langsam vor sich geht, ist es vor allem die Regelung der Grundrechtsverhältnisse, insbesondere die Schaffung eines modernen Hypothekenrechts, die die neuen Männer beschäftigt. Des weiteren wird die Frage der Einwanderung studiert, da die geringe Dichtigkeit der Bevölkerung eine Vermehrung insbesondere der Bauern und ländlichen Arbeiter zum dringendsten Erfordernis macht. Diese Förderung der Einwanderung ist jedoch eine recht schwierige Aufgabe, da abgesehen von der Einwanderung osteuropäischer Juden der Zustrom fremder Elemente bisher sehr gering war. Der nächste Zionistenkongreß, der im August in Basel stattfindet, will sich insbesondere dieser Frage zuwenden, um die wirtschaftlichen Vorteile, die der Türkei und der jüdischen Kolonisationstätigkeit erwachsen, klarzulegen. Da die jüngsten sich mit dieser Frage befassenden türkischen Kammerdebatten in der Türkei und im Auslande ein lebhaftes Echo fanden, darf rnan auch für die darauf bezüglichen Verhandlungen des Zionistenkongresses großes Interesse voraussetzen. Der neunte Gelchäktsdrricht des hitksoereins der Deutlchen Inden. er Hilfsverein der DeutschenJuden, besten segensreiche Wirksamkeit seiner 'weitschauenden, höheren Zielen nachstrebenden Leitung zum Ruhme und zur Ehre gereicht, hat sich in den neun Jahren seines Bestehens nach und: nach zu einer Organisation entwickelt, auf. die das deutsche Judentum mit berechtigtem Stolz blicken: darsi Infolge der immer mehr um sich greifenden Mächte der Finsternis uNd der Unduldsamkeit-aus »der Not der Zeit hervorgegangen, hat der Hilfsverein der Deutschen Juden durch die seit seiner Begründung entfaltete Tätigkeit im Dienste der Verfolgten und Unterdrückten voN Jahr zu Jahr immer mehr und immer beweiskräftiger bekundet, daß seine Existenz nicht nur berechtigt, sondern eine Notwendigkeit sei. Er hat vom Anbeginn seiner Wirksamkeit die ernsten Mahnungen der Zeit verstanden und war und ist darum bestrebt, das von ihm geschaffene und unermüdlich fortgeführte Hilfswerk. auf einer festen Grundlage auch für die Zukunft auszubauen. Das vollbringt er besonders dadurch, daß er unter unseren Glaubensgenossen in Osteuropa und namentlich im Orient Licht und Wiffen zu verbreiten sucht, die allein zur Hebung ihrer wirtschaftlichen und' politischen Lage führen können und sicherlich früher oder später auch führen werden. Der soeben erschienene neunte Geschäftsbericht des Hilfsvereint enthält eine ausführliche Schilderung der Notlage unserer Glaubensgenossen in verschiedenen Ländern Osteuropas und im Orient, aber auch erfreuliche Mitteilungen über die in diesen Ländern von ihm getroffenen Einrichtungen und bereits erzielten Erfolge aus dem Gebiete der Erziehung und des Schulwesens. Wir erfahren zunächst, daß die Lage der Juden in Osteuropa und im Orient nach wie vor das Eingreifen der großen jüdischen Hilfsorganisationen unerläßlich macht: Im Jahre 1910 hatten die Juden in Rußland nicht minder zu leiden als im Vorjahre; sie sind dauernd fried- und rechtlos von Gesetzes wegen oder durch Verwaltungsschikanen und terroristische Polizeimaßregeln. Nicht minder traurig ist die Lage der Juden in - Rumänien, gegen die auch im Vorjahre Angriffe gemacht wurden, um sie sozial und wirtschaftlich weiter zu verkürzen. , - In Galizien hat das Elend der Juden durch die Ende 1910 erfolgte plötzliche Entziehung eines Erwerbszweiges, in dem viele Tausende von ihnen. ihr kärgliches Brot fanden, des Schankrechts, den Höhepunkt erreicht, so daß selbst , die Landesverwaltung den furchtbaren Notstand anerkennen mußte und zur Linderung desselben eine Konferenz einberief. Im Orient steht.die Judenheit vor einer Riesenaufgabe, die sie bei ihrer mangelnden Organisation und den elenden wirtschaftlichen Verhältnissen, in denen die jüdischen Massen dort leben, aus eigener Kraft nicht bewältigen kann, deren Bewältigung durch das Eintreten einer neuen Aera in der Türkei aber zu einer Schicksalsfrage für sie geworden ist. Es gilt, den Juden die Hilfsmittel zu einem erfolgreichen Wettbewerb mit den rührig vorwärtsstrebenden anderen Elementen des türkischen Reiches in die Hand zu geben, sie kulturell und damit wirtschaftlich zu heben. Die unruhigen Zeitverhältnisse, welche die den ganzen Orient umgestaltende politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung mit sich bringt, - ziehen vielfach auch die Juden in Mitleidenschaft. So sind sie auch in Persien das unschuldige Opfer von Verfolgungen geworden.; , Den bedrängten Glaubengenossen in Osteuropa und im Orient beizustehen, den Millionen,, die ihre Heimat nicht verlassen können, im Rahmen des Möglichen ^zu helfen,, den vielen Tausenden, die auswandern, hilfreich. die Hand zu hieten, vereinigen sich die ^Bemühungen der jüdischen Hilfsorganisationen der. alten und neuen Welt.. , : Nach dem Maße seiner finanziellen Mittel leiht der Hilfsverein der Deutschen Juden seine Mitwirkung — und er muß, da die Aufgaben des Hilfswerks ständig wachsen, auch wenn Katastrophen, wie. Pogrome, nicht, eintreten,. sein Werk auf immer breitere Grundlagen stellen. Der Bericht konstatiert ferner: Wie schwer auf den jüdischen Massen-des Ostens auch der Drück ihres! Elends lastet, in weiten Schichten van ihnen lebt als unüberwindliches Kraftelement, das. sie. erhalten hat Und weiter trägt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.