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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-07-07 · Heft 27 (7.7.1911) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 27 (7.7.1911)
Date
1911-07-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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75. Jahrgang Nr. 27 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen . vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats prssefior Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/H9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. tfttfTflft Das Spruchtollegium. Von Dr. Lucas. — Die Woche. __ Der neunte Geschäftsbericht des Hilssvereins der Deutschen Juden. — David Einhorn. Von Lildwig Geiger. — Ein toleranter deutscher König. Von L. Frankel (Planegg). — Der Kapitalismus der Juden und die jüdische Religion. Von Dr. J. Z ie gl er, Rabbiner in Karlsbad. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. ' . Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Danzig, Hohensalza, Hamburg, Dresden, Budapest, Petersburg. — Von Nah.und Fern. ÄS8 Spruchlwllkgium. Von Dr. Lucas. in Kollegium aus hervorragenden Fachleuten zusammengesetzt hat den Pfarrer Jatho verurteilt. Die der Theologie und ihrer Geschichte kundigen Männer haben unschwer herausgebracht, daß Jathos Lehre keinen Anhalt in der scholastischen Literatur hat. Damit waren Beweis und Beschluß im Prinzip fertig. Es bedurfte nur noch der Rücksichtslosigkeit in der Anwendung geschichtlicher Erkenntnis. Um das Urteil zu verstehen, darf man nicht mit Maßstäben messen, welche die Erkenntnis der Zeit und urwüchsige religiöse Vorstellungen an die Hand geben, diese Maßstäbe hätten nicht genügt, das Gesetz anzuwenden, das sich aus dem Wesen des Christentums mit Notwendigkeit ergibt. Bemerkenswert ist, daß Harnack zum Kollegium gehört hat. Harnack hat ein feines Verständnis für bitteren und höhnischen Protest gegen eine ubergewaltige Tradition. Man kann schwer annehmen, daß sich an die Verurteilung eine geistige Erhebung von größter Bedeutung anschließt. Ich glaube zwar nicht, daß knechtische Furcht die Geister bannen' wird, aber ich glaube, daß es an der Energie des Gefühls fehlt, die in früheren Zeiten bei religiösen Bewegungen vorhanden war. Wenn heute die Menschen protestieren, so kömmt darin eine starke Gegnerschäft gegen alte Formeln und auch eine aufrichtige Hingabe an wissenschaftliche Konstruktionen zum Ausdruck,, mehr aber nicht. Das moderne Protestieren ist darum nur ein bescheidenes Nachbilden charakteristischer Eigenart früherer Epochen. Vor allem aber lähmt eins die Kraft des Protestes. Man weiß nachgerade, daß Religionen nicht nur in persönlichen Lebensstimmungen ihren Resonanzboden finden, sondern mit großen, irdischen .Weltbegebenheiten in Beziehung stehen, man weiß, daß die Religion,-welche die Herzen lenkt, das politische Schicksal Mr Völker ist. Es wäre aber auch falsch, zu glauben, daß der Streit nach dem Urteil zu Ende sei. Zahlreiche Bekenner des Christentums sind in tiefster Seele gekränkt und erkennen die neue „heilige Ordnung" aus keinen Fall an. Die wissenschaftliche Kritik geht zudem weiter gegen die Ueberlieferung mit spürendem und unerbittlichem Scharfsinn vor und verbreitet ihre gefundenen Erkenntnisse. Es heißt die Kraft des Beharrens im geistigen Leben und den Einfluß äußerlicher Macht lächerlich überschätzen, wenn man diesen Einflüssen allein die Bürgschaft für die Erhaltung eines Bekenntnisses überlassen wollte. Früher pflegten diejenigen, denen die offizielle Kirchenlehre nichts zu bieten vermochte, sich aus der Kirche zu entfernen und eine eigene Gemeinschaft zu bilden. Wer sich frei machen wollte, nahm die Nachteile des Sektierertums in den Kauf, sonst war gegen die bestehende Ordnung nicht aufzukommen. Die An- : Hänger Jathos wollen diesen Weg nicht gehen, sie wissen, daß sie damit die Kirche von unassimilierbaren Elementen befreien würden.. Wenn Fragen wie die vorliegende in der Welt diskutiert 'werden, so beeinflußt das uns Juden innerhalb gewisser Grenzen. Fast unwillkürlich kommen die Vergleiche. Wir sind aber in der angenehmen Lage, eine religiöse Notlage im Judentum durchaus bestreiten zu können. Die überwiegende Menge der Juden wiederholt zwanglos das Bekenntnis, wie es früher empfunden und gedacht wurde, sie besteht auch in dieser Anschauung nicht nur. vor sich, sondern immer mehr auch vor der Welt. Eigenmächtige Kräfte sind wohl vorhanden, aber sie machen keine Pläne für ihre Umgebung. Das lebhafte Interesse unserer Gesamtheit nehmen darum nicht sowohl die religiösen Gedankenkämpfe in Anspruch, als vielmehr die unübersehbare Menge von Versuchen, die Gemeinschaft, der Juden aus einer unbehaglichen Situation zu befreien. Alle Juden von Ueberblick und Energie müssen umfangen von Hoffnungen und Enttäuschungen immer aufs neue die Ansprüche auf politische Gleichberechtigung erheben. Aber einem Irrtum geben sich viele Juden hin, wenn sie meinen, die politische Emanzipation durchführen zu können, ohne für die religiöse Geltendmachung des Judentums den Finger zu rühren. Das ist die Quelle so vieler willkürlich zusammengeschmiedeter Pläne und zahlloser Mißerfolge rn der. Neuzeit. Erst wenn wir in der. religiös angespannten Zeit das Judentum als kulturgeschichtliches Motiv der Entwicklung aufzeigen und dadurch Einfluß haben, können nach allen geschichtswissenschaftlichen Regeln die Juden aufhören, in den Augen der-Christen die gehetzte Sekte zu sein.

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