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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-30 · Heft 26 (30.6.1911) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
– (sequence 13)
Language
German
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75. Jahrgang Nr. 26 Der Berlin, 30, Juni 1911 Vellsge zur „AllNemelnrn Leitung deß IudentumK". OorrrlpondEtt und Mchrichtrn. Deutschland. Reflexionen über den 12. Gemeindetag. ' Nur zwei Jahre waren seil dem letzten Gemeindetage verstrichen, und doch hat unsere schnelllebige Zeit es vermocht, dem neuen Gemeindetage ein ganz anderes Gepräge zu verleihen. Reiche Ernte hat der Tod in diesen zwei Jahren unter den Führern der deutschen Juden» heit gehalten. Von hervorragenden Persönlichkeiten, die wir noch aus dem letzten Gemeindetag in Rüstigkeit unter uns gesehen-, sind ihm inzwischen zum Opfer gefallen: Karpeles, Klausner, Hirsch Hildesheimer, Benjamin Hirsch. Löb-Ernden. Auch andere hervorragende Wortführer der letzten Tagungen vermißten wir dieses Mal; so fehlte die markante Persönlichkeit des Herrn Justizrat Blau- Frankfurt, des geborenen Leiters derartiger Versammlungen; so fehlte Dr. Werner-München, Dr. Seligmann-Frankfurt und andere mehr. Neue Gestalten, neue Persönlichkeiten sind statt deren in den Vordergrund getreten; vor allem war die Jugend, zum Teil gar die jüngste Jugend stark vertreten. Zum Schaden der Sache. Die Be° teiligung der Jugend an sich wäre nur mit Freuden zu begrüßen. Sie wäre es, wenn die jungen Männer zur positiven Mitarbeit gekommen wären, um gemeinsamen einem Werke, das der unserem zerrissenen und zusammenhangslosen Gemeindeleben so notwendigen Organisation dienen soll, mitzuraten und mitzutaten. Aber — es muß unseren kleinen Gemeinden, die diese Vertreter nach Berlin entsandt haben, gesagt werden — die jungen Herren sind nur gekommen, um zu johlen und zu lärmen und unter der Führung ihres Meisters M. A. Löb-Frankfurt den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund zu sprengen. Offensichtlich war es die Absicht dieses Wortführers der freien orthodoxen Vereinigung, jedes positive Resultat des Gemeindetages zu vereiteln. Charakteristisch für diese seine Absicht war sein Antrag zur Geschäftsordnung, das Referat des A-b^ geordneten Dr. Potthoff über die Versicherung der Privat, angestellten bis nach Beratung der Satzungsänderungen zurückzustellen. Daß es dann überhaupt nicht mehr zur Beratung gekommen wäre, unterliegt doch keinem Zweifel. Und doch gibt es im Augenblick für unsere deutschen Gemeinden keinen wichtigeren Gegenstand als diesen Gesetzentwurf, der von einschneidendster Bedeutung für die Zukunft der Gemeinden und ihrer Beamten ist. Das aber wollten diese Herren : Mit einem völlig negativen Resultat sollte der Gemeindetag auseinandergehen; seine Ohnmacht zu positivem Schaffen sollte der Welt gezeigt werden, um dann desto mehr mit den Leistungen der freien orthodoxen Vereinigung prunken zu können. Man muß es dem Wortführer der Zionisten, Rechtsanwal -Dr. Klee- Berlin zugestehen, daß er. obwohl er durch Dr. Cohn-Dessau überflüssigerweise stark herausgefordert worden war, im ganzen mit Mäßigung gesprochen hat. UM so unverständlicher war das Verhalten der übrigen zionistischen Mandatare, die hyperörthodoxen Gegner des Gemeindebundes bei der Aufführung ihrer wüsten Lärmszenen noch zu unterstützen. Völlig deplaciert waren auch die Austrittsdrohungen der Vertreter der Großgemeinden. Abgesehen davon, daß man im allgemeinen derartige Drohungen niemals ganz ernst nimmt, daß es ferner immer einen unangenehmen Eindruck macht, wenn die Worte ertönen: Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich dir den Schädel ein, ganz abgesehen von diesen Momenten, haben die Vertreter der Großgemeinden die Situation vollständig verkannt. Wollen sie: ihre Drohungen wahr machen, und in der Tat durch den Austritt der leistungsfähigen Großgemeinden den Gemeindebund sprengen, sie könnten den hhperorthodoxen und zionistischen Gegnern des Bundes gar keinen größeren Gefallen erweisen; denn das war das Ziel, um dessentwillen diese sich die Mandate zum Gemeindetag verschafft haben. Stark indigniert kehrten wir vom Gemeindetag zurück. Die Frage drängte sich uns, die wir den beiden turbulenten letzten Tagungen. beigewohnt. haben, und allen besonnenen Männern auf: Soll dieses so weitergehen? Soll der Gemeindebund, der seit vier Jahrzehnten' so viel Gutes für die kleinen Gemeinden geschaffen hat, durch eine Handvoll jugendlicher hyperorthodoxer und zionistischer Schreier an der Positiven Weiterarbeit und Entwicklung gehindert werden? Nein und.abermals nein! Es darf nickt dahin kommen; es müssen Mittel und Wege gefunden werden, um diese systematischen Lärmer und Ruhestörer von den künftigen Gemeindetagen fernzuhalten. Wer sind die Opponenten? Sind es etwa die kleinen Gemeinden selbst? Wenn sich in der Tat in diesen Gemeinden Spuren von Unzufriedenheit mit der Leitung des Bundes zeigten, wenn heute ihre Vertreter, ihre Vorsteher oder Repräsentanten nach Berlin kämen und die Maßnahmen des Deutsch-Israelitischen Gemeindeliundes, die wir durchaus nicht alle gutheißen wollen, niederstimmten, wir gestehen offen, wir hätten unsere Freude daran. Eine derartige Opposition, auch wenn sie einmal über das Ziel hinaus schießt, ist immer mit Freuden'zu begrüßen: Sie bekundet Interesse, sie bekundet Leben und Streben. Aber leider ist dem nicht so. Die kleinen "Gemeinden empfangen gern die Wohltaten des Bundes; aber in ihrer Lethargie kümmern sie sich nicht weiter um dessen Geschick. Nahen die Gemeindetage, so kann eben jeder, der sich als erster darum bemüht, ihr Mandat erhalten. Die Störenfriede der beiden letzten Gemeinderage, und namentlich des letzten, sind keine wahren Vertreter dieser Gemeinden; sie sind eingeschworene Parteifanatiker, denen das Geschick dieser Gemeinden nichts, denen ihre Partei alles bedeutet. Es muß die Leitung des Gemeindebundes datangehen, und es müssen alle besonnenen Elemente aus allen Parteien sie dabei unterstützen, diese kleinen Gemeinden intensiv aufzuklären. Sie müssen dahin gebracht werden, aus ihrer eigenen Mitte Vertreter nach Berlin zu entsenden, statt ihr Mandat dem ersten besten Berliner oder Frankfurter hyperorthodoxen oder zionistischen Heißsporn zu übertragen. Die Opposition gegen den Gemeindebund liegt nicht in den ihm angeschlossenen Gemeinden; sie liegt vielmehr in einem kleinen Häuflein Fanatiker, die außerhalb des Bundes stehen, die sich Mandate verschaffen, um den Bund lahmzulegen oder gar zu sprengen. Berlin, 27. Juni. Am 20. d. M. fand im Genesungsheim zu Lehnitz unter reger Teilnahme der Mitglieder und Freunde die ordentliche Mitgliederversammlung des „Vereins jüdisches Genesungsheim Berlin" statt. Aus dem von dem Vorsitzenden Herrn Sänitätsrat Dr. W. Feilchenseld erstatteten Geschäftsbericht geht hervor, daß jm Geschäftsjahre 1910 508 weiblichen Pfleglingen mit 16686 VerpfGgungstagen, mehr als je, Aufnahme gewährt wurde. Die Erfolge waren ausnahmslos gute. Gewichtszunahmen sind-his zu 20 Pfund zu verzeichnen gewesen. Die stets mehr zunehmende Zahl der Bewerberinnen bedingt, daß immer größere Anforderungen an den Verein gestellt werden, welche nur dadurch'sich bewältigen ließen, daß auch im letzten Jahre eine große Anzahl von Freunden und Gönnern des Vereins ihr Interesse durch Zuwendungen bekundeten. An die Mitgliederversammlung schloß sich ein gemütliches Beisammensein der Gäste, welche von der Verwaltung freundlich bewirtet wurden. F. C. Berlin, 25. Juni. Herr Dr. Albert Oliven, der Vorsitzende deS Vereins „Israelitisches Lehrerinnenheim Berlin. Lichterfelde", hatte die Bewohnerinnen des Heims in Lichterfelde zu einem gemeinsamen Abendessen nach seiner, in der Siemensstraße in Lankwitz gelegenen Villa eingeladen. Ein Extrawagen der Lichterfelder-Steglitzer Straßenbahn führte die Geladenen direkt dahin. Die Ankommenden wurden von Herrn und Frau Dr. Oliven am Eingang ihrer Villa aufs wärmste begrüßt. Zu ihrer Ueberraschung sahen sich die Damen dem gesamten Vorstand gegenüber — die Gastgeber hatten auch diesen geladen. Die Gäste gruppierten sich im Garten im Halbkreis vor einem Zelt, in welchem eine Tirolerkapelle konzertierte; Erfrischungen wurden herumgereicht, und dann rief später der Gong zum Abendessen. Die reichgeschmückte Tafel im

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