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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-30 · Heft 26 (30.6.1911) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
Seite 312 (sequence 12)
Language
German
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Reb Kolmen Eschkeles stellte eine große, schwarze Blechbüchse auf den Tisch. Keiner ging weg, ohne einige Groschen hineinzuwerfen. Diese hatte der heilige Verein geschickt. DaS Geld gehört dem Verein) doch in den ersten acht Tagen der Trauer hat die trauernde Familie das Recht, soviel sie wN für sich herauszunehmen. Niemand sordeit von ihr Rechenschaft darüber?) Frau Eschkeles und Efterchen kamen mit dem Dienstboten, und dieser brachte einen großen Korb voll mit Eßwaren. Gansbraten, feines Backwerk, Wein und für die Kinder süße Weinsuppe. Ein Mensch mit gesunden Gliedern darf zu solchen Zeiten nicht zu Hause bleiben; es ist heilige Pflicht, den Trauernden zu besuchen. Und eine ebenso gottgefällige Sache ist es. dem ersten Gottesdienst beizuwohtten, wenn die kleinen Waisen für das Seelenheil der Mutter den Kaddisch hersagen. Auch der Rabbi kam und in seiner Begleitung einige Bachurim: Jochenen Treiber, Gerschem Freidiger, Chune Sorger, Scholem Schnalzer, Srole Posbenak und auch Gedalje Liweitzen Esterchen wurde bis über die Ohren rot, als sie Liweitzer erblickte, denn seitdem er bei ihnen war, sah sie ihn jetzt zum erstenmal. Liweitzer hatte sich nicht aus seinem Zimmer hinausgerührt. Sechs Wochen sind eine lange Zeit, und während dieser kann sich ein Mensch sehr verändern, besonders nach langer Krankheit. Esterchen bemerkte aus den ersten Blick, daß nicht der alte Liweitzer vor ihr-siehe. Eine eigenartige Traurigkeit verdüsterte das schöne Männergesicht, doch wohnte in dieser Traurigkeit nicht mehr die frühere Weichheit. Ein bei den Jeschiwa-Schülern ungewohntes Selbstbewußtsein glühte in seinen Augen. Doch diese Augen verschleierten sich'r als sie Esterchen erblickten. Nur einen Moment dauerte diese Ergriffenheit, dann trat er mit sicheren Schritten auf Frau Eschkeles zu. - „Ich muß Ihnen meinen Dank aussprechen," sägte er^ und schaute sie mit dem warmen und offenen Blick der" Dankbarkeit an. „Bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit' dazu. Und auch Ihnen, Fräulein," wandte er sich an Esterchen, „für Ihre Güte." Wenn der Donner in das Zimmer eingeschlagen hättewäre die Verblüffung der Leute auch nicht größer gewesen. So etwas ist in Nagysöröd noch nicht geschehen. Wer hat schon je gehört, daß ein Bocher mit Frauen auf solche Weisem spricht, wie Doktoren oder Advokaten und andere gottlose Menschen zu sprechen pflegen. Nein, so etwas haben sie noch nicht gehört. Ein größeres Wunder konnte nicht geschehen. Das Wunderbare der Sache erhöhte noch der Umstand, daß' Liweitzer beinahe hochdeutsch sprach. Noch nicht ganz rein,' aber auch nicht ganz im Jargon. Wann er das wohl gelernt e haben mochte? Des Neides voll blickten ihn die Kollegen an..,. „Was für ein Verstand!" flüsterte Chune Sorger. zu Gerschem Freidiger. „Das kommt von der Kabbala," antwortete Gerschem, ebenfalls flüsternd. Sie betrachteten alle außerhalb*- des Jargons stehenden- Sprachen als Mysterium, u.nd wenn ein Bocher Deutsch konnte, so hatte er dies gewiß nur auf kabbalistischem Wege . erlernt. > h In vielen Gemeinden herrscht dieser schöne Brauch. Der heilige Verein schickt die offene Büchse mit ungezähltem Gelde, das während der acht Tage durch reiche Gaben vermehrte wird. Derarme Mensch darf soviel er will, für sich heraus nehmen, doch" treibt er mit dieser Freiheit niemals Mißbrauch. Der reiche Mann aber fügt noch eine ansehnliche Summe hinzu, wenn er nach Ablauf der acht Trauertage die Büchse zurückschickt. Ob Liweitzer die Betroffenheit bemerkt haben mochte oder nicht, er tat so, als wenn er es nicht beachtet; er hatte auch keine Zeit, über dieses lächerliche Befremdetsein nachzudenken, denn der Rabbi gab den Leuten einen Wink, mit dem Beten zu beginnen. Auch Moseschen und Davidchen sagten den Kaddisch her und dann ging man auseinander. Ore blieb mit seinem Kummer allein. Oben auf dem Backofen brannte das Oellämpchensonst war keinerlei Beleuchtung in dem Zimmer. Wozu auch? Und wenn er hundert Kerzen angezündet hätte, wäre die Finsternis in seiner Seele nicht kleiner geworden. Die Kinder gingen schlafen. . Sie waren gesättigt und ermüdet. Moseschen hielt ein Stück Mohnstrudel fest in der Hand. Die Augenlider fielen ihm vor Schläfrigkeit zu, doch aus Furcht, daß Davidchen es ihm entwenden würde, schrak er immer wieder auf. Aber Davidchen dachte jetzt gar nicht an so etwas. Er saß in dem Bettchen und hatte die Augen starr auf die Tür geheftet. Lange starrte er so auf die Tür und, als sich diese nicht öffnete, hob er zu weinen an. „Also kommt Mütterchen nicht mehr zurück?" fragte er den Vater, der Aronchen einwiegte. „Nein, nein," antwortete Ore, und dicke-Tränentropfen entquollen seinen Augen, „schlafe nur, mein süßes Lämmchen." „Morgen wird sie auch nicht kommen?" „Morgen auch nicht." Dapidchen drückte seinen Kopf in das Kissen und weinte, und da weinte auch Moseschen und hörte auf, den Mohnstrudel eifersüchtig zu hüten. Dann schliefen beide ein. Nur der kleinste konnte nicht einschlasen; er verlangte noch um Mitternacht nach seiner Mutter. Ore nahm ihn in die Arme und schläferte ihn, leise summend, ein. Bis zum Morgen ging er mit ihm in dem Zimmer auf und ab. In dieser Nacht führte den Berele Beer sein Weg zwei-, dreimal an Ores Haus vorbei. Er blieb vor dem kleinen Fenster stehen und schaute Ores langen Schatten, wie er sich im Zimmer hin- und herbewegte. Ihm brach das Herz vor Mitleid. Und er sah dasselbe in der nächsten Nacht und in den darauffolgenden Nächten. Die teilnahmsvollen Leute blieben allmählich aus. Eine Woche nach dem Begräbnis kümmerte sich keiner mehr um die Waisen. Ihre Kleidchen wurden rissig und ihr Lager blieb unaufgebettet. - „Blümele," sprach Berele eines Morgens zu seiner Tochter, „ich will dir etwas sagen." „Was denn, lieber Vater?" „Ich kann nicht lange grollen." „Du bist ein guter Mensch." „Was heißt das, ein guter Mensch? Darum bin ich noch kein guter Mensch. So bin ich nur. Des Verwalters Hund hat mich gebissen. Glaubst dudaß ich auf ihn böse bin! Wenn ich auf den Hund nicht böse bin, warum sollte ich auf den Menschen ja böse sein? Ist denn der Mensch, ärger als der Hund? Blümele, der Mensch ist nicht ärger als der Hund, und wenn er mich beißt, so kann ich ihm darum doch nicht nachhaltig grollen. Er weiß ja doch selbst nicht, warum er gebissen hat, aber Gott weiß - es, und wenn ich böse bin, so heißt das soviel, als ob ich auf den lieben Gott böse wäre. Denn warum? Weil der Hund nicht von sich allein beißt und auch der Mensch nicht, das alles ist von Gott. Darum sage ich, daß ich aus Ore Heimlich nicht böse bin. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mo sie in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin.

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