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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-30 · Heft 26 (30.6.1911) · p. Seite 311

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
Seite 311 (sequence 11)
Language
German
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des Rabbiners an der Trauerfeier, im Krematorium, als an einer religiös nicht geweihten Stätte, ab. Appel führt aus, daß er in den Fällen, in denen die Leiche direkt vom Sterbehause ins Krematorium überführt werde, entsprechend dem Gutachten des Badischen Oberrates, seine Mitwirkung als Rabbiner im Krematorium nicht versage. Salomonski, Schreiber und der Vorsitzende schließen sich ihm an unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß im Krematorium nicht christliche Insignien angebracht seien. Auf Antrag Galliner wird der vorgerückten Zeit wegen die Debatte geschlossen und eine fünfgliedrige Kommission, bestehend, aus den Kollegen Blumenthal, Salomonski, Seligmann, Vogelstein-Königsberg und Winter gewühlt, der die Blumenthalschen Thesen zur Durchberatung respektive zur Ergänzung und Abänderung übergeben werden. In einer neuen Mitgliederversammlung, die für den 6. November d. I. in Aussicht genommen wird, soll dann über die von der Kommission vorzuschlagenden Thesen Beschluß gefaßt werden und der unerledigt gebliebene Punkt 2 der heutigen Tagesordnung, die Reform der Ehegesetze, zur Verhandlung kommen. Die Neuwahl des Vorstandes erfolgt durch Zuruf. Es werden sämtliche Vorstandsmitglieder und Stellvertreter wiedergewühlt. Es sind dies: Vogelstein-Stettin (Vorsitzender) Bloch. Appel, Blumenthal, Porges, Freudenthal, Nülf, Seligmann. Appel, der eine Wiederwahl abgelehnt hatte, erklärt sich auf Bitten der Versammlung bereit, bis zur nächsten Mit-, gliederversammlung das ihm übertragene Amt fortzuführen In seinem Schlußworte ermahnt der Vorsitzende zu weiterem mutigen Wirken im Dienste des religiösen Liberalismus, auf dessen gedeihlicher Entwicklung die Zukunft des Judentums beruhe. Es gilt, die Pietät gegen die Vergangenheit mit den berechtigten Forderungen und den Lebensmög' lichkeiten der Gegenwart zu vereinigen. Die freisinnigen Rabbiner müssen die Führer der liberalen Judenheit in Deutschland bleiben, respektive wieder werden, damit der Jndifferentismus überwunden werde, der liberale Gedanke erstarke und dem rücksichtslosen Radikalismus der Boden entzogen werde. Wenn alle Gesinnungsgenossen unter unseren Kollegen ohne Menschenfurcht, erfüllt von heiligem Eifer und in Ehrfurcht vor den geschichtlichen Ueberlieferungen an der Lösung der uns zugefallenen Aufgabe arbeiten, dann wird unter dem Beistand Gottes, den wir in Demut erflehen, unser Werk zum Segen der Gesamtheit gelingen. (Allseitiger Beifall.) Winter dankt in warmen Worten namens der Versammlung dem Vorsitzenden für die unparteiische und wohlwollende Leitung, der es zu danken sei, daß trotz der erregten Diskussion die Verhandlungen würdig geführt und im versöhnlichen Sinne beendet seien. Er wünsche, die Leitung der Vereinigung der liberalen Rabbiner noch lange dem gegenwärtigen Vorsitzenden anvertraut zu sehen. Schluß der Versammlung -IO1/« Uhr. Leim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. XXI. A^ie Mama lag unter der schwarzen Decke auf dem Fußboden lang ausgestreckt und rührte sich nicht. Moseschen ahnte, daß dies nicht mit rechten Dingen zugehe, und Davidchen hatte ähnliche Gedanken. Ohne Grund liegt keiner auf dem Fußboden. Davidchen saß im Bett und dachte nach, und währenddem er nachdachte, riß er die Knöpfe von den Polstern, herunter. „Schau her," zeigte er dieselben Moseschen. Moseschens Augen blitzten: „Ich sag's dem Vater!" „Na, das ist dein," sprach Davidchen und gab ihm vier Knöpfe. Moseschen steckte die Knöpfe ein und brüllte dann lau^ auf, denn es kamen wieder Weiber herein: Tante Norsenber, Tante Breindl, Frau Ochs, Frau Schneiderin Zarak und Frau Schneiderin Goldfinger, und Frau Zarak rief mit Hellem Weinen aus: „Ach diese Lämmchen, diese armen Lämmchen!" Moseschen warf sich auf den Fußboden hin. Sein Instinkt sagte ihm, daß das zur Situation passe. „Sehen Sie nur," flüsterte Frau Ochs der Tante Breindl zu/ „dieses Kind ist ganz hin." Die Frauen steckten die Köpfe zusammen und plauderten leise. Frau Zarak nahm Aronchen auf ihren Schoß und gab ihm Süßholz. Aronchen geriet dadurch in ein peinliches Dilemma, denn er Hütte gern an seinem Daumen und auch an dem Süßholz gelutscht. Offenbar war das Süßholz besser, denn er wählte dieses und kreischte laut auf, so oft eres aus dein Munde nahm. Aronchen war nicht undankbar und steckte manchmal das zernagte Süßholz der Frau Zarak in den Mund: „Da — da!" Ore aber stand beim Fenster und blickte verdüsterten Gemüts auf den Himmel, von dem er Antwort auf seine Fragen erwartete. Moseschen wurde des Liegens auf der Diele überdrüssig mit» setzte sich. Er wollte die Aufmerksamkeit der Frauen aus sich lenken, doch diese beachteten ihn jetzt nicht. Aus Langeweile nahm er die Knöpfe aus der Tasche und zählte sie. Davidchen kauerte sich neben ihn hin. „Laß uns spielen, Moseschen." „Aber wirst du die Knöpfe nicht wegnehmen?" „Nein." , Und die Kinder spielten miteinander. Mit einem Male schickte man sie aus dem Zimmer. Auch der Vater ging hinaus. Drinnen wurde die Tote gewaschen und dann angekleidet. Im Hofe waren viele, viele Menschen, worüber die Kinder erschraken. Sie standen neben der Holzkammer und erwarteten, was da geschehen würde. Nun es geschah, daß sich die vielen Menschen plötzlich in Bewegung setzten und auch sie mitgehen mußten. Bei einer Grnbe angekommen, blieben sie stehen. Man versenkte eine lange Kiste in die Grube, und der Vater wollte sich auch hineinwerfen, doch man hielt ihn zurück. Dann griffen die Männer nach Schaufeln, füllten die Grube mit Erde an und begaben sich dann in ein kleines Häuschen, wo sie beteten. Und sie faßte ein aller Onkel bei den Händen und sagte, daß sie ihm folgendes Gebet nach sprechen sollend „Jlßgadal, wejißkadasch scheine rabo. . ." (Gepriesen und geheiligt sei sein großer Name . . .; der Anfang des Kaddischgebetes.) Moseschen fühlte sich jetzt als sehr wichtige Persönlichkeit und sagte dem Onkel sehr ernst den Kaddisch nach. Als sie nach Hause kamen, setzte sich der Vater auf einen Strohsack und Tante Zarak setzte ihnen hartgesottene Eier vor. Die Männer, welche mitgekommcn waren, entfernten sich, doch kamen immer neue Gäste und keiner mit leeren Händen. . .

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