Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- Seite 307 (sequence 7)
- Language
- German
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30es Entdecker unbekannter Materialien oft tun, gar zu wahllos Urkunden und Briefe veröffentlicht, auf die Darstellung nicht immer die Sorgfalt verwendet, die nötig gewesen wäre; aber feine Veröffentlichungen gewähren ein ungeheuer großes, bisher völlig unbekanntes Material und bilden die Grundlage zu einer wirklich wissenschaftlichen Geschichte der Juden in Oesterreich. - Wolf war ein guter, trefflicher Mensch, selbst sehr wohltätig, so weit es ihm seine geringen Mittel erlaubten und mit größtem Eiferbemüht, Reiche und Hochstehende zur Unterstützung Aermerer zu bewegen. Ein ungemein schöner Zug seines Wesens wird in einem Nekrolog berichtet. Infolge seines Anschlusses an die revolutionären Bestrebungen des Freiheitsjahres 1848 mußte er selbst eine kurze Freiheitsstrafe in Stein abbüßen. Dort lernte er das religiöse Elend der Gefangenen kennen, die ohne geistige Nahrung und ohne geistlichen Zuspruch hinter Schloß und Niegel ihre Tage verlebten: „Als er die Freiheit wieder erlangt hatte," so berichtet einer der Nekrologe, „ging er durch zwei Dezennien an den hohen Feiertagen nach Stein, um den Sträflingen das Wort Gottes zu verkünden und ihnen die Tröstungen der Religion in seinen schlichten und doch zu Herzen gehenden Reden zuteil werden zu lassen." Das ist ein so schöner Zug im Bilde des trefflichen Mannes, daß er allein genügen würde, um sein Andenken zu einem gesegneten zn machen. L. G. Dir vierte ordentliche Generalversammlung des Msllliiner-Verbandes in Deutschland. ie vierte ordentliche Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Deutschland war vom geschäftssührenden Vorstand auf den 7. und 8. Juni nach Berlin berufen worden. Der Versammlung ging eine Vorversammlung voraus, die am 6. Juni nachmittags 5 Uhr im Repräsentantensitzungssaal der Jüdischen Gemeinde abgehalten wurde und in der eine Verständigung über die in der Generalversammlung zn beobachtende Geschäftsordnung und andere Vorfragen stattsand. Die Generalversammlung fand in dem Sitzungssaal des in der Rosenstraße belegenen ' Verwaltungsgebäudes der jüdischen Gemeinde zu Berlin statt. Bericht über den ersten Versammlungstag. Der Vorsitzende Dr. Guttmanu-Breslau eröffnet die Versammlung, die von zirka 90 Mitgliedern besucht ist, um 91/2 Uhr üormittags. Er begrüßt zunächst die Kollegen, die aus allen Teilen Deutschlands erschienen seien, um an der diesmal besonders wichtigen Tagung des Verbandes teilzunehmen, und sodann den Vertreter der jüdischen Gemeinde, in dessen Entsendung der Verband' ein erneutes Zeugnis des ihm bereits, so oft von der hiesigen Gemeinde bewiesenen Wohlwollens erblicke. Es gereiche dem Verband zur besonderen Freude, Herrn Geheimrat Dr. Timendorfer mit diesem Austrage betraut zu sehen, der von allen Kollegen wegen seiner verdienstvollen Tätigkeit im Interesse des Judentums hochgeschätzt werde und mit dem viele von ihnen die angenehmsten Persönlichen Beziehungen verknüpfen. In seinem Bericht gibt der Vorsitzende zunächst dem von allen Mitgliedern des Verbandes, ohne Unterschied der Parteirichtung, geteilten Bedauern Ausdruck, daß Professor Maybaum sich mit Rücksicht aus seinen Gesundheitszustand veranlaßt gesehen habe, das Amt des Vorsitzenden, das er-seit der Begründung des jetzigen Verbandes innegehabt und mit so weiser Mäßigung und soviel Würde geführt habe, niederzulegen. Der Verband werde ihm, seinem Begründer und Leiter, der sich besonders durch die Gründung der Reliktenkasse ein unvergeßliches Verdienst um den. deutschen Rabbinerverband erworben habe, eine unauslöschliche Dankbarkeit bewahren. Der Vorsitzende überreicht Herrn Professor Maybaum ein künstlerisch ausgefertigtes Diplom seiner Ernennung zum Ehrenmitglied des Verbandes. Sodann gedenkt der Vorsitzende der schmerzlichen Verluste, die der Verband seit der letzten Generalversammlung durch den Tod erlitten habe. Tief bewegt gibt er eine Charakteristik des in, vorigen Jahre Heimgegangenen Rabbiners der Frankfurter Gemeinde, Dr. Markus Hvrowitz, der in Gemeinschaft mit May bäum die Anregung zur Begründung eines die Vertreter aller Parteirichtungen umfassenden Verbandes gegeben und in diesem das Amt des zweiten Vorsitzenden bekleidet habe. Bei aller Entschiedenheit, mit der er seinen konservativen Standpunkt vertrat, habe er doch durch seine Milde, seine abgeklärte Weisheit und durch die Macht und den Zauber seiner Persönlichkeit zur Versöhnung der Gegensätze auch in unserem Verbände beigeträgen und, von allen geliebt und verehrt, in ihm als ein Friedens - fürst gewirkt. In dem vor einigen Wochen dahingeschiedeneu emeritirten Rabbiner der hiesigen Gemeinde Dr. Rudolf Ungerleider hat der deutsche Rabbinerstand einen seiner angesehensten Vertreter verloren, der sich wegen seiner hohen Geistes- und Charaktervorzüge der Verehrung aller seiner Berufsgenossen erfreute. Wir betrauern in ihm das erste Ehrenmitglied unseres Verbandes, dem diese Auszeichnung in Anerkennung der Verdienste verliehen wurde, die er sich als Vorsitzender des früheren Verbands erworben hat. Unmittelbar vor dem Zusammentritt unserer Versammlung ist das Mitglied des Zentralausschusses, LaNdrabbiuer Dr. Loeb- Emden dahingegangen, der sich mit Hingebung den Aufgaben des Verbandes gewidmet hat. Ferner hat der Verband seit der letzten Generalversammlung durch den Tod verloren die Kollegen: Ziemlich - Nürnberg, Chodowosky - Oels, Mühlfelder-Chemnitz,Schönberger-Nordhausen,Horowi tz Krefeld, Feilchenfeld - Schwerin, Groß - Augsburg, Feßler- Halle, Silberstein - Wiesbaden, Nordh eimer-Schwetz, Rau- Pleß. Die Anwesenden haben sich zu Ehren der Heimgegangenen von den Plätzen erhoben, wofür der Vorsitzende ihnen dankt. Der Vorsitzende gibt der Hoffnung Ausdruck, daß der Verband aus einem feste, 1 Zusammenschlüsse aller Richtungen neue- Kraft für die Erfüllung der ihnen allen gemeinsamen Aufgaben schöpfen werde. Es gibt für ein friedliches Zusammenwirken noch immer einen breiten Boden; er zweifelt nicht daran, daß auf allen Seiten der ernste Wille zu einer Verständigung vorhanden sei. Der Zusammentritt der vierten Generalversammlung ist verzögert worden durch die Schwierigkeiten, welche die Vorberatung des Organisationsgesetzentwurfes, der den wichtigsten Gegenstand der Tagesordnung bildet, im Zentralausschuß bereitete. Nach Darlegung der hierbei in Betracht kommenden Gesichtspunkte spricht er dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund nnd dem Verband der Deutschen Juden den Dank für ihre hingebende Tätigkeit zur Schaffung eines Organisationsgesetzes aus, zu dessen Zustandekommen sie sicherlich auch weiter ihre Mitwirkung nicht versagen werden. In seinem weiteren Bericht berührt der Vorsitzende noch die Schächtfrage, den Entwurf eines Versicherungsgesetzes für Privatbeamte, den Verband der jüdischen Jugendvereine, und schließt seinen einleitenden Vortrag, indem