Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-30 · Heft 26 (30.6.1911) · p. Seite 306

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
Seite 306 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228988--67584-3279809
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

v. Noorden laut Vorwort als maßgeblich mit zugrunde gelegt haÜ, hatte 17,8 Proz. unter seinen Patienten [too?]. In meinen Aufzeichnungen finde ich die Abstammung (also nicht nur die Konfession!) 650 mal notiert. Es entfallen 252 Juden auf 398 Nicht-Juden. In meiner Privatklinik, wo Patienten aus allen Ländern Aufnahme suchten, wurden in der Zeitdauer von 5 Jahren 119 Juden (83 Männer, 36 Weiber) und 209 Personen (165 Männer und 44 Weiber) nichtjüdischer Abstammung behandelt. Die Ursachen für die Bevorzugung der Juden sind ebenso dunkel wie andere Rasseneigentümlichkeiten. Es lassen sich nur Vermutungen aussprechen." Die betreffenden rein medizinischen Fragen ausscheidend, werfen wir in Kürze bloß ein paar freilich einschneidende Bedenken aus: Für welche sonstigen „Semiten" außer seinen Frankfurter Patienten israelitischen Bekenntnisses hatte v. Noorden eigene oder fremde Beobachtungen verfügbar? Ferner für wie viele außerdeutsche Juden? Wonach bestimmte er die jüdische „Abstammung" ohne Rücksicht auf die Konfession? Wieso wäre das Ueberwiegen der jüdischen Diabetiker über die nichtjüdischen „sicher noch viel erheblicher", wenn außer dem jüdischen „Glaubensbekenntnis" auch die jüdische „Abstammung" statistisch berücksichtigt würde? Woher wollte er dafür den Maßstab holen? Und worin fände er überhaupt den Unterschied? Worauf stützt sich also, im Widerspruche mit seinen eigenen Angaben über die landschaftlichen Hauptherde der Zuckerkrankheit, seine allgemeine Belastung der semitischen „Rasse" sowie der Juden mit der Diabetes-Vorliebe? Und wie stellt sich jetzt nach mehrjähriger Wiener Praxis sein Urteil im Hinblick auf seine dortige jedenfalls auch stark jüdisch durchsetzte Klientel? Baut es sich jetzt etwa immer noch auf den ehemaligen Beobachtungen in Frankfurt a. M. auf, welche Stadt freilich wohl ein ganz ungewöhnlich großes Kontingent „wohlhabender" — um seinen eigenen Gesichtspunkt in den Vordergrund zu stellen — jüdischer Kranken ihm zugeführt hatte? Ist v. Noorden nicht gerade durch sein Frankfurter Publikum beeinflußt? An einer anderen Stelle läßt sich v. Noorden für ein besonderes Krankheitsbild wie folgt aus (S. 176): „Nach Jahren und vielleicht erst nach Jahrzehnten ist der schließliche Ausgang häufiger Hirnblutung oder Herzschwäche als Koma. Ich sah diesen eigenartigen Typus, diese merkwürdige Toleranz des Körpers gegenüber der diabeti/chen Stoffwechselanomalie viel häufiger bei Frauen als bei Männern, und zwar fast ausschließlich bei Juden." — Nun sollten einmal andere Fachleute aus ihrer Praxis heraus sprechen. Der Nassenstandpunkt wie bei Karl v. Noorden ist hier aber jedenfalls stark anfechtbar. Fl. Gerlon Wolf. n Nr. 11 dieses Blattes wurden zu Gutzkows Säkular- . \ tage Briese dieses bedeutsamen Schriftstellers an Gerson Wolf abgedruckt. Heute bringen wir das Bild dieses fleißigen und bedeutsamen Gelehrten. Eine ausführliche Biographie soll nach den S. 125 gegebenen Notizen nicht hinzugesügt werden. Nur zweierlei ist hervorzuheben. Gerson Wolf war Schulmann und Historiker. Was das erstere betrifft, so hat er 40 Jahre lang jüdischen Religionsunterricht erteilt und noch zwei Tage vor seinem Tode eine Stunde gegeben. Ueber diese Tätigkeit entnehme ich einem alsbald nach dem Hinscheiden des trefflichen Mannes erschienenen Nekrolog der österreichischen Wochenschrift die nachstehende Ausführung: „40 Jahre stand er fest und unerschütterlich auf seinem Posten als Religionslehrer der Wiener israelitischen Kultusgemeinde und bot den mannigfachen Strömungeil Trotz, die sich oft in stürmischer Weise geltend machten. Wenn man weiß, daß gerade der Religionsunterricht oft den Gegenstand der heftigsten Angriffe, bildet, ja sogar bei den Wählbesprechungen gern als Angriffsobjekt gewählt wird, da man sich auf diesem Gebiete leicht bei den Parteien populär machen kann; wenn man ferner bedenkt, daß die verschiedenen Parteischattierungen ihre separaten Wünsche haben und ihren Einfluß um jeden Preis geltend machen wollen, dann muß man den Mut und die Charakterfestigkeit Wolfs wohl bewundern. Denn das muß ihm Freund und Feind zugestehen: Gerson Wolf ist sich als Religionslehrer zu allen Zeiten gleich geblieben, er hat immer das gleiche Ziel im Auge behalten und hat es immer verstanden, leine zahlreichen Schüler und Schülerinnen für das Wort Gottes empfänglich zu machen, für die hehren und erhabenen Lehren unserer heiligen Religion zu erwärmen und zu begeistern. Dabei war er immer milde und nachsichtig in der Beurteilung der Leistungen, und jeder Schüler, der ein ehrliches Streben bekundete, konnte darauf rechnen, selbst wenn er sich bei den Prüfungen nicht immer vollkommen sattelfest zeigte, daß er durch die Religionsnote am Aufsteigen in die höhere Klasse nicht behindert wurde. Deswegen bewahren ihm alle seine Schüler, auch die, die eine hohe Stellung einnehmen, ein reines Andenken, sie suchten gern ihren alten Lehrer auf und holten oft in schwierigen Fällen seinen Rat ein. Das machte ihm dann aufrichtige Freude, „denn", so meinte er, „ich habe doch nicht vergebens gearbeitet". Es kam sogar vor, daß sich manche Schüler, die nach Amerika ausgewandert waren, sich seiner erinnerten und ihm für das Wohlwollen, das er ihnen entgegengebracht hatte, ans weiter. Ferne dankten." Sodann war Wolf Historiker. Er hat der österreichischen Geschichte unter Maria Theresia und Josef II., der Wiener Stadt- und Universitätsgeschichte eine Reihe hervorragender Beiträge gewidmet, vor allem aber die Geschichte der Juden in Oesterreich mit außerordentlich zahlreichen Darstellungen und Veröffentlichungen bereichert. Er war einer der ersten, wenn nicht der erste, der für solche Studien den Zugang zu den Wiener Archiven erbat und erhielt. Selbst das geheime Haus - Archiv wurde ihm geöffnet, weil man zu seiner Diskretion und zu seinem wissenschaftlichen Streben das unbedingteste Vertrauen hatte und haben durfte. Wolf gab nun zahllose Urkunden zur Geschichte der Juden in Oesterreich vom 16. bis zum 19. Jahrhundert heraus, teils vollständig, teils in Exzerpten, teils benutzte er dies gewaltige urkundliche Material zu geschichtlichen Darstellungen. Er hat damit unsere Kenntnis ganz außerordentich bereichert. Vielleicht hat er, wie Dr. Gerson rvolf geb. 16. Juli 1825, gest. 29. Okt. 1892.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.