Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- Seite 305 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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aufs stärkste mißbilligt, daß sie den Idealen und Prinzipien dieses- Landes zuwiderläuft. Es wurde dem Oberst Gavrard mitgeteilt, daß ihm nicht das moralische Recht zustehe, den Einfluß seiner amtlichen Stellung dazu zu benutzen, das Fortkommen eines mutigen, tüchtigen, jungen Mannes zu verhindern; nur weil dieser Jude ist. Daß solches Vorgehen nicht nur ein Vorurteil zur Schau trägt, das eines Offiziers von seiner Stellung und Erfahrung unwürdig ist, sondern daß es zugleich seine Unfähigkeit bekundet, die Verdienste und gerechten Ansprüche des Anwärters, die er sich durch Tüchtigkeit im Dienst und durch das ausgezeichnete Ergebnis seiner wissenschaftlichen Prüfung'erworben hat, ehrlich zu beurteilen. Oberst Garrard wurde ermahnt, eine Wiederholung solcher Handlungsweise zu vermeiden." heutige Juden. LuckerKrsnKheit und Ssllenkrage. Unter Überschriften wie „Neue Forschungen über Zuckerkrankheit", „Eine Autorität über die beste Behandlung der Diabetes" u. L., aber auch „Zuckerkrankheit und Juden" usw. liefen in den letzten Monaten kürzere Artikel durch eine Reihe reichs-, und zwar wohl größtenteils mittel- oder norddeutscher Tageszeitungen und riefen vielfach ein berechtigtes Aufsehen hervor. Sie alle stützten sich auf Auszüge aus den bezüglichen Mitteilungen,welche „Professor v Noorden in Wien, wohl der beste Kenner der Zuckerkrankheit, in der letzten Auflage seines Lehrbuches der Zuckerkrankheit" (so beginnt beispielsweise ein ,,—r" gezeichneter solcher Artikel im Sonntags- Blatt des „Darmstädter Täglichen Anzeigers" 19fl Nr. 16, Seite 127, der aber sichtlich einem anderen Blatte entstammt) über die Verbreitung dieses Leidens hat einfließen lassen. Die in jenen sachlich genau, im Wortlaut im großen ganzen übereinstimmenden Zeitungsartikeln aus dem Frühling 1911 enthaltenen einschlägigen Angaben v. Noordenschen Ursprungs, etwa die Hälfte der gesamten scheinbaren Neuentdeckungen — sie finden sich, wie wir weiterhin sehen werden, schon 1901 bei ihm — haben folgenden Inhalt, der allerdings mannigfach Anstoß erregen kann: „Die oft betonte Disposition der Juden für die Zuckerkrankheit findet v. Noorden bestätigt. In Frankfurt a. M. ist das Verhältnis der Todesfälle an Zuckerkrankheit zu den Gesamttodesfällen bei den Juden etwa sechsmal so groß als bei den Nichtjuden, welcher Unterschied noch erheblich größer wäre, wenn nicht die Konfession, sondern die Abstammung der Berechnung zugrunde gelegt worden wäre. Unter seinen eigenen Kranken fand v. Nöorden die Abstammung (nicht Konfession)" etwa 1500mal verzeichnet und 40 Prvz. entfielen auf Juden in 11 Jahren behandelte er in seiner Klinik etwa 1500 Fälle, 31,5 Proz. davon waren Juden, v. Noordens Erfahrungen, in Frankfurt a. M. und Umgegend veranlaßen ihn zu der' Annahme, daß die Sterblichkeit der jüdischen Rasse an Zuckers krankheit sich ungleich mehr auf die wohlhabende Bevölkerung? beziehe, während bei der ärmeren Bevölkerung die Erkrankungsziffer der jüdischen Rasse nicht so stark hervorsticht-. Die Häufigkeit der Verwandtenehen ist an der Disposition zur Zuckerkrankheit bei den Juden mitbeteiligt. Ein Teil der Erkrankungsfälle ist nach v. Noorden den Entartungskrankheiten zuzurechnen." (Wörtlich nach der genannten Zeitung!) Es ist mir nun nicht bekannt, ob tatsächlich Ml eine Neuauflage des v.Noordenschen Werkes erschienen ist, und ob etwa aus dieser vorstehendeZatzlenängaben nebst den zugehörigen Folgerungen herrühren.Jedenfalls habe ich in den Nächschlage- Handbüchern des Berlägbuchhandels und den verläßlichen (halbamtlichen) Leipziger Wochen- und Monatsberichten der Firma Hinrichs für 1909, 1910 und erstes Quartal 1911 keine Neuausgabe des v.NoordenschenHandbuchsverzeichnet gefunden. Dann hätte also als bisherige „letzte Auflage" die vierte „vermehrte uud veränderte" zu gelten, die, XV und 367 Seiten stark) 1907 erschienen war. Ich habe aber, da der Verfasser damals schon Ordinarius der Inneren Medizin an der Universität Wien war, absichtlich die vorhergehende „Dritte vermehrte und veränderte Auflage" seines Kompendiums „Die Zuckerkrankheit und ihre Behandlung", zu Berlin 1901 wie die späteren Bearbeitungen, in dem bekannten medizinischen Verlag von August Hirschwald erschienen, hevangezogen; denn da figuriert der Verfasser, Professor Dr. Carl v. Noorden, noch als „Oberarzt am städtischen Krankenhause in Frankfurt a. M." Es war nämlich von gewisser Seite dem Professor v. Noorden vorgehalten worden, er habe die von ihm in der „Judenstadt" Frankfurt a. M. gesammelten Materialien erst veröffentlicht und wissenschaftlich verwertet, nachdem er dem Rufe nach der österreichischen Hauptstadt gefolgt, also gleichsam, wie man zu sagen pflegt, weit vom Schuß war. Daß es gerade in Frankfurt a. M. mit seinem zahl- und sehr einflußreichen israelitischen Bevölkerungs-Bestandteil ziemlich heikel ist, solche (wahre oder angenommene) Verhältnisse öffentlich zu besprechen, zeigt die unlängst erfolgte Ablehnung einer kurzen Wiedergabe der oben herausgehobenen von Noordenschen Feststellungen nicht nur seitens der demokratischen „Frankfurter Zeitung", sondern auch seitens des nationalliberalen „Generalanzeigers der Stadt Frankfurt a. M.", von ersterer mit der ausdrücklichen Begründung, um ihre jüdischen Mitbürger nicht vor den Kopf zu stoßen. Es ist nun wirklich sehr erfreulich, daß jener soeben angedeutete Verdacht, den man gegenüber einer bedeutenden Gelehrten-Persönlichkeit vom Schlage Carl v. Noordens, des. nach fachmännischem Urteile würdigen Sohnes des frühverstorbenen (Bonner und Leipziger) ausgezeichneten Historikers,' nicht hätte verlauten lassen wollen, sich bei der Einsichtnahme der eben erwähnten (3.) Ausgabe von 1901 als unbegründet herausstellt. In dieser äußert sich zunächst der Verfasser am Ende des Vorwortes: „Für die statistischen Angaben sind, wo nicht anderes erwähnt, seit 1. Januar 1898 bis 1. Januar 1901 ausschließlich Fälle benutzt worden, die teils im Krankenhaus, teils in Privatklinik klinischer Beobachtung unterstanden. Unter Anrechnung der schon für die zweite Auflage verwerteten Krankenjournale beruhen meine Zahlen auf 141 Fällen ambulanter und 509 Fällen klinischer Beobachtung und Behandlung." Sehen wir dann weiter in den Text hinein, so stoßen wir auf Seite 44 im Kapitel „Aetiologie der Diabetes mellitus," deren erster Abschnitt als diabetikerreichste Länderstriche die — schieben wir sogleich ein, fast semitenreineü — Gebiete Süditaliens und besonders Ostindiens, daneben das nicht ausgesprochen semitisch erweisbare Jnselchen Malta namhaft macht, folgenden „II. Rassen" überschriebenen Abschnitt: „Sichereres läßt sich über die Vorliebe der Diabetes für einzelne Rassen sagen. Die Semiten sind in hervorragender Weise für diese Krankheit disponiert. Ob alle semitischen Stämme, muß unentschieden bleiben; doch läßt sich die Tatsache mit Bestimmtheit behaupten für die über Europa verbreiteten Juden. Bemerkenswert ist z. B. die Mortalitätsstatistik aus Frankfurt a. M. (1878—1890). Däs VerhMnis der Todesfälle an Diabetes zu der Gesamtzahl der Todesfälle war bm den Juden etwa sechsmal größer als bei den Nicht-Juden (1,9 Proz. zu 0,29 Proz.). Der Unterschied wäre sicher noch viel erheblicher, wenn die Statistik nicht nur das jüdische Glaubensbekenntnis, sondern auch die jüdische Abstammung berücksichtigte. Külz ^bedeutender Mediziner, dessen veröffentlichte Erfahrungen