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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-30 · Heft 26 (30.6.1911) · p. Seite 303

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
Seite 303 (sequence 3)
Language
German
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Tschechen dürften 81 Mandate erringen. Der Polenklüb wird voraussichtlich 74 Mandate haben, er hatte früher neun Geistliche als Mitglieder. Jetzt wird bloß ein Geistlicher Mitglied des Polenklubs sein. Tie Christlich-sozialen werden statt 96 bloß 75 Mandate zählen. Die Sozialdemokraten kommen in voller Stärke wieder. Es ist nicht unseres Amtes, uns in Kombinationen über die künftige Tätigkeit der parlamentarischen Körperschaft zu ergehen. Wir verzeichnen kurz den Ausfall, stimmen kein Triumphgeschrei an, erhoffen nur für die Zukunft eine befriedigende Entwicklung der Verhältnisse. Wir hegen die Hoffnung, daß die schwere Niederlage der Antisemiten in Lestereich'eine gute Vorbedeutung für die Wahlen in Deutschland sein möge. / * / Leider hat die Erregung im Nachbarlande zu blutigen Exzessen geführt, und zwar in Drohobycz in Galizien. Dort standen sich zwei jüdische Kandidaten gegenüber, der frühere Vertreter, der Rechtsanwalt Dr. Löwenstein, der von den polnischen Nationaldemokraten aufgestellt war, und ein Zionist. Zwischen den Anhängern dieser Parteien kam es zu Ausschreitungen, in die das Militär sich mischte. Eine Blättermeldung berichtet darüber folgendes: Auf das Gerücht, daß für den Kandidaten Löwenstein eine große Anzahl gefälschter Stimmzettel abgegeben worden seien, erfolgte nachmittags von zionistischer Seite ein Sturm auf dessen Agitationslokal. Polizei, Gendarmerie und Kavallerie waren ohnmächtig gegen die aufgeregte Menge, welche Steine, Stühle, Biergläser und andere Gegenstände auf sie schleuderte. Ein im Laufschritt mit gefälltem Bajonett herbeieilender Trupp Infanterie wurde ebenfalls mit einem Hagel von Steinen empfangen. Als die Menge trotz der Aufforderung des befehligenden Oberleutnants, sich zu zerstreuen, weiterhin mit Steinwürfen antwortete, erscholl das Kommando: „Schießen!" Fünf Salven wurden auf eine Entfernung von 15 bis 20 Schritte abgegeben. Den Blättern zufolge wurden 18 Personen getötet und 47 schwer verletzt, darunter mehrere Frauen. Nach der Flucht der Exzedenten wurde der Platz militärisch abgesperrt. Der Zustand vieler Verletzten ist besorgniserregend. Einige der Projektile müssen durch mehrere Körper durchgegangen sein, da sonst die große Zahl der Opfer nicht zu erklären wäre. Da die meisten der Verletzten an der Brust und am Oberarm verwundet sind, ist erwiesen, daß die Salven nicht auf Fliehende abgegeben wurden. ' * Ob wirklich den Zionisten die Hauptschuld an der wilden Erregung zuzuschreiben ist, läßt sich einstweilen nicht feststellen; die „Vossische Zeitung" tut dies, indem sie folgendes berichtet: Die traurigen Geschehnisse in Drohobycz sind nur auf das Kerbholz der zionistischen Bewegung zu schreiben, die unter der Inden- > schaff in Galizien in den letzten Jahren sehr an Boden verloren hat. Viele Rabbis sind nämlich der Ansicht, daß eine Propaganda zur Rückkehr nach Palästina eine Todsünde sei, weil man dadurch ein Werk vorzeitig durchführen wolle, das Gott dem Messias Vorbehalten hat. Die Wunderrabbis in Ostgalizien drohten mit dem großen Bannfluch all denen, die sich nicht von der Bewegung lossagen. Die meisten Juden sagten sich darauf vom Zionismus los. Um so leidenschaftlicher wurde die Werbearbeit der intelligenten jüdischen Jugend in Galizien, die im gleichen Maß, in dem die Bewegung an Boden verlor, 'durch Fanatismus die Massen der Anhänger zu ersetzen suchte. ■ * Gegen diese Darstellung richtet sich folgende Zuschrift, die die „Vossische Zeitung" aus Lemberg erhält. Sie stellt zunächst fest: daß es nicht richtig sei, daß „der zionistische Agitator die Zionisten aufgereizt habe." „Die ganze vor dem Wahllokale versammelte . Wählerschaft," so heißt es in der Zuschrift, „die auf Anordnung des eigentlichen Wahlleiters, des Kultuspräsidenten Jakob Feuerstein, zür Stimmabgabe nicht zugelassen wurde, gab in lauten Worten ihrem Unmut. Ausdruchund die Gereiztheit steigerte sich noch, als man sah, daß die Wahl- Hyänen durch eine Seitentür im Wahllokal ein-und ausgingen, um jedesmal ganze Pakete von 50 bis 160 Stimmzetteln für den sogenannten Regierungskandidaten Dr. Löwenstein in die Urne zu werfen. Die Wachorgane hatten nur für die außerhalb des Wahllokals stehende Menge ein wachsames Auge, und es halfen weder Bitten noch Proteste. Unter den so schmählich zurückgesetzten Bürgern befanden sich neben den Zionisten auch Anhänger des selbständigen polnischen Kandidaten Balicki und des ruthenischen Kandidaten Kobrin. Der Vertrauensmann der Opposition, Herr Auerbach, bekam seinen Sitz weit weg von der Kommission und außerdem erhielt er „Befehl", mit dem Rücken zur Kommission gewendet zu sitzen. Als er dagegen protestierte, wurde er sofort verhaftet. Um 12 Uhr mittags wurde eine Pause in der Wahlhandlung angeordnet, was ausdrücklich gegen das Gesetz verstößt. Für all das hatte der Kommissar bloß ein ironisches Lächeln.. Was Wunder, daß die Wut des Volkes schier keine Grenzen kannte. Trotzdem war die Abgabe von fünf scharfen Gewehrsalven, zumal ohne vorherige Ermahnung, ein arger Mißbrauch der Dienstgewalt, für den es keine Entschuldigung gibt. 24 Personen wurden getötet, und die Zahl wächst noch immer, weil viele Schwerverletzte nachträglich sterben. Keineswegs aber sind „diese traurigen Geschehnisse auf das Kerbholz der zionistischen Bewegung zu schreiben." Der Hinweis des Lemberger Telegramms der „Vossischen Zeitung" in Nr. 297 auf die feindlich gesinnten Wunderrabbis in Ostgalizien ist irrig, weil sich die Wunderrabbis diesmal' ganz passiv verhalten haben. (Unterschriften): Dr. Maurycy Pachtmann, Obmann der oppositionellen Komitees in Drohobycz, Dr. Gerschon Zipper, zionistischer Kandidat für Drohobycz, Adolf Stand, Führer der zionistischen Partei in Galizien. . . In Deutschland sucht der Antisemitismus mit aller Macht den Juden das Deutschtum abzusprechen. Die „Staatsbürgerzeitung" wirft die Frage auf: „Können die Juhen Deutsche werden?" und beantwortet sie natürlich mit: Nein. Sie tut dies auf Grund einer wirklichen oder angeblichen Aeußerung von Eduard Gans und stützt sich dabei auf das Bekenntnis eines Arabers, das so lautet: „Die Araber müßten sich der neuen jüdischen Nachbarschaft freuen. Denn Juden und Araber sind stammverwandt, und wenn auch das Abendland, wo sie Jahrtausende hindurch in der Verbannung lebten, ihnen seinen Stempel aufgedrückt hat, so sind sie im Grunde ihres Herzens doch Morgenländer geblieben, die in unserem Lande heimisch sind. Der Orient den Orientalen!" Wenn aber das ehrenwerte Blatt, das sich natürlich solcher Darlegungen freut, daraus den Schluß zieht: „Das Abendland den Ariern", so zeugt dies von einer solchen Verblendung, von einer so völligen Verkennung dessen, was Juden in allen europäischen Ländern für ihr Vaterland getan haben, dessen ' treue Söhne sie sind, daß eine Diskussion nicht möglich ist. <#* Ein anderes antisemitisches Blatt „Die Deutsche Tageszeitung" veröffentlicht einen Artikel: „Eine jüdische Universität". (der Druckfehlerteufel hat daraus: indische gemacht). Sie erzählt ihren Lesern: daß Herr Schiff eine Stiftung von mehreren Millionen Mark für die Universität in Aussicht gestellt habe, aber mit der Bedingung. / daß eine „paritätische Besetzung der Lehrstühle" verbürgt werde, wie. . sie der Magistrat und der große Rat von Frankfurt vorgeschlagen haben, die Regierung aber nicht annehmen zu wollen scheine. Ferner wird berichtet, daß der Universitätsausschuß der Frankfurter Stadtf verördneten beschlossen hat, dem Plenum die Annahme der Magistrats-. anträge auf Errichtung einer Stiftungsuniversität vorzuschlagen. , Aus dieser Notiz glaubt sie den Schluß ziehen zu dürfen, daß in Frankfurt „eine in der Hauptsache jüdische Universität"

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