Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- Seite 302 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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302 sie lernen auch singen, sie lernen malen, sie lernen musizieren, ob sie nun Talent dazu besitzen oder nicht. Was kommt es auch auf Talent an. Eins aber hatten die früheren Kinder den heutigen Kindern voraus: sie spürten in ganz anderer Weise den persönlichen Einfluß der Mutter. Die jüdische Mutter früherer Tage hatte, bei noch so gewissenhafter Beobachtung der rituellen Gebräuche, Zeit für ihre Kinder. Die heutigen Mütter haben für.ihre Kinder oft keine Zeit übrig. Und warum nicht? Werden sie vielleicht durch höhere Pflichten zurückgehalten? Nein, das gesellschaftliche Leben, von dem wir nur zu gut wissen, wie hohl, wie flach, wie nichtssagend es meistenteils ist, das gesellschaftliche Leben nimmt sie allzusehr in Anspruch. Die heutigen Mütter erziehen daher ihre Kinder oft nicht selbst, sondern lassen sie erziehen. Wie ist es nur möglich, daß so viele Mütter freiwillig auf ihre schönste und dankbarste Aufgabe verzichten, daß sie sich ohne Zwang ihres hohen versittlichenden Einflusses auf ihre Kinder begeben? Ist das nicht eine traurige Erscheinung? Ist das nicht ein beklagenswerter Rückschritt?' Aber, wird man vielleicht einwenden, die soziale Tätigkeit der Frauen der Gegenwart, von dieser haben doch die vergangenen Geschlechter nichts gekannt. Nun, ich gebe zu, hier haben wir eine neue Betätigung.- Allein wie viele Frauen unserer Glaubensgemeinschaft sehen wir denn auf diesem neuen Gebiet tätig? Und es könnten ihrer doch so viele sein, es könnten doch alle diejenigen sein, die mit irdischen Gütern gesegnet sind und dabei mit der vornehmsten sozialen Pflicht, mit der Kindererziehung, nichts mehr zu tun haben. Während jedoch die Männer den schweren Kampf ums Dasein für ihre Familie kämpfen, sehen wir zahllose Frauen ihre Zeit mit süßem Nichtstun vergeuden, mit endlosen Gesellschaften und mehr oder weniger geistreichem Geplauder. Sind das denn nun wirklich moderne Frauen? Ist man denn wirklich schon modern, wenn man sich über alte Sitten und Bräuche hinwegsetzt? So einfach und bequem liegt die Sache denn doch nicht. Die erste Anforderung, die das moderne Leben an den Menschen stellt, heißt: arbeiten. Diese Anforderung stellt es nicht nur an den Mann, sondern ebensosehr an die Frau. Arbeiten muß jede Frau, arbeiten zunächst im Hause, in dem schönsten aller Berufe, dem Beruf der Heranbildung des jungen Geschlechtes zu wackeren, kampfesmutigen und arbeitsfreudigen Menschen, und dort, wo die Zeit es gestattet und die Verhältnisse es ermöglichen, arbeiten auch außerhalb des Hauses für das Wohl der Gesamtheit, kämpfen für die hohen Ideale unserer modernen Zeit. Diese Pflichten haben schon zahlreiche wahrhaft moderne Frauen vollauf erkannt, und sie dürfen stolz darauf sein, daß sie sie in vorbildlicher Weise ausüben. Sollten unsere jüdischen Frauen wohl auf die Dauer hinter den anderen Zurückbleiben? Sollten sie die Zeichen der Zeit nicht verstehen und ihren Forderungen mit Verständnislosigkeit begegnen? Das glaube ich nicht; sie sind ja doch die Nachkommen jener JTPJp-feC D'tW, jener edlen Frauen, die während der Jahre der ägyptischen Knechtung die Fahne des Idealismus hochgehalten, die Nachkommen jener edlen Frauen, die auch später in finsteren Zeiten ihre Häuser erhellt haben durch das Licht einer tiefreligiösen Denkungsart. Und so ist die Hoffnung gewiß nicht unberechtigt, daß die^ jüdischen Frauen der Gegenwart die Ausgaben unserer Zeit recht bald mit demselben Ernst, und demselben Eifer erfüllen werden, mit welchem die Frauen der Vergangenheit die Aufgaben ihrer Zeit erfüllt haben. Unsere jüdischen Frauen vo n heute werden allmählich aufhören zu glauben, sie müßten immer die ersten sein, die jeder neuen Modenarrheit nachrennen; nacheilen werden sie lieber ihren mütterlichen und sozialen Pflichten. Sie werden nicht mehr ihren Stolz darein setzen, in der sogenannten Gesellschaft zu glänzen; sie werden es für ihrer würdiger .halten, der menschlichen Gesellschaft zu dienen. Und statt es als einen besonderen Vorzug anzusehen, interessant und geistreich zu erscheinen, werden siesich lieber alle Mühe geben, für edel und hilfreich zu gelten. Wenn solcher Gestalt eine Sinnesänderung in den Kreisen der heutigen jüdischen Frauenwelt Platz greifen wird, wenn sie nicht mehr äußerlich, sondern innerlich moderne Frauen sein werden, dann wird das Judentum die schwierige Aufgabe erfüllen können, die es bisher infolge der vielfach versagenden Mithilfe der Frauen nicht zu erfüllen imstande gewesen ist, die Aufgabe, ein willensstarkes, begeisterungsfähiges, opferfreudiges, von sittlichen Idealen erfülltes Geschlecht heranzubilden. Und wie der Talmud von den jüdischen Frauen in Aegypten rühmt, um ihretwillen sei Israel aus der Knechtschaft erlöst worden, so wird man einst rühmen von den jüdischen Frauen, unserer Tage : D*1^ *DTtD. „Das Verdienst der edlen Frauen ist es gewesen", wenn das Judentum sich erneuern und verjüngen konnte, und wenn es sich einen achtunggebietenden Platz erobert hat an der Sonne neuzeitlicher Bildung und Kultur. Dir Mache. Berlin, 27. Juni. ie Stichwahlen in Oesterreich sind beendet. Ihr Resultat ist eine entschiedene Niederlage der christlichsozialen, d. h. der antisemitischen Partei. Diese Niederlage ist am deutlichsten in der Hauptstadt Wien, die seit Jahren als Hochburg des Antisemitismus galt. Das Resultat der Wiener Wahlen ist das folgende: Die christlich-soziale Partei ist in Wien gänzlich vernichtet. Sie wird künftig bloß eine klerikale Bauernpartei sein, die überdies vorläufig noch ohne Führer ist. Von den 20 Wiener Mandaten, die die Christlich-sozialen im alten Parlament besaßen, haben sie nur vier. Mandate behauptet (darunter bei den Stichwahlen zwei), und diese Mandate sind Männern zugefalleu, die ohne jede politische Bedeutung sind. Die 33 Wiener Mandate verteilen sich künftig wie folgt: 4 Christlich-soziale, 5 Deutsch-freiheitliche, 5 Deutschnationale, 19 Sozialdemokraten. Die Christlich-sozialen verlieren also in Wien 16 Mandate, die Sozialdemokraten gewinnen 7, die Deutsch-freiheitlichen 2 und die Deutsch-nationalen 5 Mandate. Ueber die Wahlen im allgemeinen läßt sich folgendes sagen: Eine Uebersicht über die künftigen großen Parteigruppen ist bereits möglich. Der Deutsche Nationalverband hat durch seine Siege in Wien und in allen deutschen Provinzen die meisten Mandate errungen. Er besitzt bereits 93 Mandate, eine Zahldie noch um zwei bis vier Mandate zu vergrößern sein dürfte. Die Tschechen hatten große Aussicht, mit die stärkste Partei im Abgeordnetenhause zu werden, wurden aber durch die Siege der tschechischen Sozialdemokraten in ihrem nationalen Besitzstand geschwächt. Im Tschechenklub . werden diesmal bloß sieben klerikale Mitglieder sein. Die ... ...,,