Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Berlin, 30. Juni 1911 75. Jahrgang Nr. 26 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippjon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, lerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Merlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Bertt«.?fTTft£}{t Israels edle Frauen. Von Rabbiner Dr.-Norden in Elber- IJlUJuU.. felb. — Die Woche. — Heutige Juden. Zuckerkrankheit und Rassenfrage. — Gerson Wolf. — Die vierte ordentliche Generalversammlung des Rabbiner-Verbandes in Deutschland. — Bericht über die Mitgliederversammlung der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands. — Feuilleton: Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Reflexionen über den 12. Gemeindetag. Berlin, Aus der Provinz Posen, Hamburg, Nürnberg, Magdeburg, Hannover, Frankfurt a. M., Stuttgart, Wien. — Von Näh und Fern.' Ursels edle JFratmt. Von Rabbiner Dr. Norden in Elberfeld. er Talmud beschäftigt sich einmal mit der Frage, ob unsere Ahnen denn würdig gewesen sind, aus der schmachvollen ägyptischen Knechtschaft erlöst zu werden; und er gelangt zu folgender Antwort: mtT IVMp^X D’tW ‘"DttD nnn Irma „Um des Verdienstes der edlen Frauen willen, die in jener Zeit lebten, ist Israel aus Aegypten erlöst worden." (Sotah 11d.) Und nun schildert der Talmud das Verdienst, das die Frauen Israels sich damals erworben haben. Die Männer hatten infolge der harten Sklavenarbeit den Sinn für alles Höhere verloren, geistig und seelisch waren sie heruntergekommen, sie wüßten nichts von Lebensmut und Lebensfreude, das Verständnis für den hohen sittlichen Wert des Familienlebens war ihnen abhanden gekommen. In jenen trüben Tagen bewährten sich die Frauen in hohem Maße : duisch liebevolle Zärtlichkeit, durch weise Sorgfalt und durch tatkräftiges Handeln verstanden sie es, den gesunkenen Lebensmut der Männer von neuem zu entfachen, sie hinwegzutäuschen über das Drückende und Erniedrigende ihrer Lage, ihnen wieder Freude einzuflößen an einem schönen und sittlich reinen Familienleben und an dem Aufziehen der Kinder. — Hier gewahren wir wieder die Aufrichtigkeit und den strengen Gerechtigkeitssinn unserer Talmudlehrer: Sie reichen dem Verdienste seine Krone; ohne Umschweife gestehen sie, daß in jenen traurigen Tagen die Frauen es gewesen sind, die die sittlichen Ideale hochgehalten und dadurch ihr Volk erst würdig gemacht haben, die Luft der Freiheit zu atmen. DVOp1^ DTO „Edle Frauen", die hat es nun aber nicht nur während der Knechtschaft in Aegypten gegeben; nein, sie begegnen uns in der jüdischen Geschichte auf Schritt und Tritt. Ja, wir dürfen sagen: Ohne sie ist die Geschichte der Juden gar nicht denkbar. Den Daseinskampf haben im großen und ganzen ja immer die Männer zu führen gehabt; die Pflege der Religion im häuslichen Kreise jedoch, die überließen sie getrost ihren Frauen; wußten sie doch, daß düs sittliche Erziehungswerk an den Kindern bei ihren Frauen in guten Händen lag. Das s chöne Wort des deutschem Dichters, daß derjenige, welcher wissen will, was. sich ziemt, nur bei edlen Frauen anzusragen braucht,^ dieses schöne Wort galt in hohem Maße auch von den jüdischen Frauen vergangener Tage. Vergangener Tage? Gilt es denn nicht mehr von den jüdischen Frauen unserer Zeit? Gibt es bei uns denn keine edlen Frauen mehr? Gott sei Dank, die gibt es noch. Allein nach allem, was man so sieht und hört und erfährt, fürchte ich doch, es gibt deren heute weit weniger als ehedem. Unsere jüdischen Frauen von heute blicken oft mit überlegenem Lächeln auf die jüdischen Frauen der Vergangenheit herab, sie belächeln deren peinliche Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit in der Ausübung kleinlicher ritueller Vorschriften. Ja, wissen denn die Frauen unserer Zeit gar nicht, daß die Frauen der Vergangenheit glaubten, eine sittlich-religiöse Pflicht damit zu erfüllen? Und täten sie nicht vielleicht besser daran, sich einmal in aller Stille und Bescheidenheit die Frage vorzulegen: „Welche Pflichten haben denn wir modernen jüdischen Frauen statt jener alten Pflichten übernommen?" -> 1 In der Tat: Welche Pflichten erkennen denn dre-- jenigen Frauen für sich an, die die rituellen und zeremoniellen Gebräuche als veraltet und unzeitgemäß verwerfen? Welche Pflichten erkennen denn sie als zeitgemäß und verbindlich an? Auf welchen Gebieten betätigt sich denn die.Mehrheit unserer jüdischen Frauen? Man wird doch nicht etwa behaupten: In der Pflege der Kunst, der Wissenschaft, der Literatur?: Oder kann man das eine Betätigung nennen, wenn man düs Theater besucht, nur um über das Geisteswerkeines Dichters, .ein beifälliges oder abfälliges Urteil abgeben zu können? Kann man das eine Betätigung nennen, wenn man sich Bildwerke! anschaut, um sich vor anderen den Anschein zu geben, als sei man besonders kunstsinnig und kunstverständig? Kann man' das eine Betätigung nennen, wenn man die neuerschienenen! Bücher hervorragender Schriftsteller liest, ja geradezu verschlingt, nicht etwa, Gott bewahre! um heimisch zu werden än den Gedankengängen der großen Geister unserer Zeit, sondertz nur, um in der Gesellschaft davon mitreden zu können? . JH. frage mich immer wieder: Welches Recht haben denn' unsere heutigen jüdischen Frauen, über die ObeM flächlichkeit der früheren Frauen die Nase zu rümpfend Mir scheint, sie machen sich da einer gewaltigen Ueberhebung schuldig. .. Und vergleichen wir einmal die mütterlich^ Erziehung bei den Juden einst und jetzt. Gewiß,unsere Kinder lernen heute mehr, als die Kinder früher gelernt' haben, und zwar nicht nur auf wissenschaftlichen Gebieten; neM