Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228987--67576-3279800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kommerzienrat und Handelsrichter . G e r s o n S i m o n - Berlin übernommen. ,v e/s Berlin, 15. Juni. Die Baruch Auerbachschen Waisen-Erziehungsanstalten haben nach ihrem eben ausgegebenen 78. Jahresbericht seit der Begründung des neuen Anstaltshaüses, Schönhauser Allee 162, eine Vermehrung um 13 Zöglingsstellen erfahren und erziehen gegenwärtig 59 Knaben und 31 Mädchen. Diese besuchen in der weit überwiegenden Mehrzahl höhere Schulen, die Knaben. fast durchweg bis zur Einjährig-Freiwilligen-Berechtigung, besonders begabte und würdige sogar bis zur Reifeprüfung, die im Berichtsjahr wieder einer bestanden hat, während die Mädchen in der Regel noch von der Anstalt aus ihrer beruflichen Ausbildung obliegen. In« ganzen haben bisher 671 Zöglinge in den Anstalten Pflege, Erziehung und Ausbildung und weit ins Leben hinausreichende Fürsorge genossen. Dem letzteren Zweck dient eine größere Anzahl besonders verwalteter Stiftungen, die wiederum namentlich zur Selbständigkeit und Verheiratung früherer Zöglinge größere Summen beigesteuert haben. Die unmittelbaren Anstaltsbedürfnisse erforderten einschließlich Bureau, Gottesdienst, Gräberpflege. Renten insgesamt 88 836 Mark (im Vorjahr 87 234 Mark),-' die Verpflegung 23 083 Mark (22 757 Mark), das ist 59 2/3 Pfennig für den Kopf und Tag. An Zinsen stehen 54 548 Mark, an Renten 1650 Mark, an Jahresbeiträgen, 8510 Mark zur Verfügung; im übrigen sind die Anstalten, zu deren Unterhalt weder Stadt noch Gemeinde im geringsten beitragen. auf das Wohlwollen ihrer Gönner angewiesen, das ihnen auch im abgelaufenen Jahr in reichem Maße zuteil geworden ist. Den Vorstand bilden neben dem Direktor Professor Dr. Strelitz die Herren Kommerzienrat E. Lohn st ein, Generalkonsul E. «Landau, Professor Tr. F. Liebermann, Dr. Paul Lachmann, Bankdirektor Paul Mankiewitz und Direktor Oskar Oliven. Ehrenmütter sind Frau Professor Cäcilie Lieber mann, Frau Konsul Flora Fränkel, Frau Kommerzienrat Else Israel und Frau Geheimer Sanitätsrat Anna Lewh. Königsberg i. P., 19. Juni. Das 50jährige Bestehen des israelitischen Waisenhauses für Stadt und Provinz zu Königsberg wurde am gestrigen Sonntags durch eine würdige Feier begangen, die mit einem Festgottesdienst in der Synagoge begann. Rabbiner Dr. Vogelstein, der die Festpredigt hielt, ging dabei auf die Geschichte des Waisenhauses ein und betonte besonders die veränderte Auffassung, die in der dazwischen liegenden Zeit gegenüber den Waisen Platz gegriffen hat Die innigere, persönlichere Fühlungnahme, die heute dem Erzieher zur Pflicht geworden ist, hat sich auch in dem Waisenhause auf das beste bewährt. Freilich ist dadurch an die Stelle der Regellosigkeit eine stärkere Bindung getreten, die jedoch einen ausgezeichneten Einfluß, einen innigeren Zusammenhalt zwischen den Erziehern und den Kindern gegeben hat. Der Redner dankte den Stiftern, die das Waisenhaus gegründet haben und seinen Unterhalt noch ständig ermöglichen. Ein Gebet für die verstorbenen Wohltäter und ein Schlußgesang endeten diese Feier. Dann folgte die Festsitzung im Anstaltsgebäude, die von Professor Dr. Lassar-Cohn an Stelle des durch Krankheit verhinderten ersten Vorsitzenden Professor Dr. Saalschütz geleitet wurde. Ch. Thorir, 18. Juni. In Anbetracht der vollständig veränderten Zeit- und wirtschaftlichen Verhältnisse sowie mit Rücksicht darauf, daß sämtliche Kommunalwie Staatsbeamten neue erhöhte skalenmäßige Gehaltsregelung erhalten haben, hat sich der Vorstand der hiesigen Synagogen ge mein de unter Zustimmung des Repräsentantenkollegiums bei der diesjährigen Etatberatung zu derselben Praxis entschlossen und für die seminaristisch vorgebildeten Religionslehrer und Kantoren folgende entsprechende Gehaltsskala festgesetzt - Das Anfangsgehalt beträgt 1400 Mark, das Höchstgehalt 3300 Mark in zwei Steigerungen zu je 200 Mark, zwei Steigerungen zu je 250 Mark, fünf Steigerungen zu je 200 Mark von drei zu drei Jahren, beginnend nach siebenjähriger Dienstzeit; dazu jährlicher Wohnungs-. zuschuß von 520 Mark, so daß das Endgehalt inkl. Wohnungszuschüß 3820 Mark beträgt. Das Gesamteinkommen des Rabbiners ist in ähnlicher Weise wie das der Oberlehrer an staatlichen und städtischen Lehranstalten nach der diesbezüglichen Skala geregelt. Gesterreich-Nunrirn. i. Wien, 16. Juni. Der jüngst in Baden bei Wien im 92. Lebensjahre verstorbene Herr Jakob Adler hat seinen gesamten unbeweglichen Besitze der auf ungefähr eine Million Kronen geschätzt wird, der „Israelitischen Allianz zu Wien" hiuterlaffen. Der Verstorbene, eines der ältesten und eifrigsten Mitglieder der Wiener Allianz, war kinderlos und hat während der letzten Jahre seines Lebens der Allianz alljährlich namhafte Spenden überwiesen. An seinem Leichenbegängnis, das am 9. d. M. auf dem Wiener Zentralfriedhof stattfand, nahmen als Vertreter der Allianz die Herren Vorstandsmitglied Wilhelm Pappen heim und Sekretär Dr. Armand Kamin ka teil. Oberrabiner Tr. Güdemann, der orthodoxe Rabbiner des Geburtsortes des Hingeschiedenen (Galantha in Ungarn) und Herr Pappenheim hielten dem Heimgegangenen warme Nachrufe. Amerika. z. New Aork, 9. Juni. Vorigen Sonntag fand hier in einer der größten Synagogen eine Festlichkeit statt, mit der die Sammlungsaktiott zugunsten eines Denkmals, das dem großen amerikanischen Patrioten Chaim Salomon errichtet werden soll, eingeleitet wurde. Chaim Salomon hat bekanntlich zur Zeit der Revolution fast sein ganzes Vermögen in selbstlosester Weise der republikanischen Regierung zur Verfügung gestellt, die damals, aller Mittel entblößt, ohne diese Hilfsmittel sicherlich ihre Sache hätte aufgeben müssen. Unter den zahlreich erschienenen nichtjüdischen Gästen befand sich auch Präsident Taft, der an die Festteilnehmer folgende Ansprache hielt: „Ich bin nicht nur deshalb hierher gekommen, um eine allgemeine Rede zu halten, sondern um die Bewegung zu unterstützen, welche die Errichtung einest Denkmals für einen Juden anstrebt, der die republckanische Sache in unserem Lande gestützt und gefördert hat. Denn der Mann mit dem Schwert und den Epauletten, der General auf dem Schlachtfelde, ist nicht der einzige Patriot, dem ein Land .* zu Dank verpflichtet ist. Zum Kriege ist auch Geld erforderlich, und Chaim Salomon hat aus eigener Tasche große Summen Geldes zur Verfügung gestellt, das den Begründern der amerikanischen Republik damals wie eine Erlösung aus größter Not und Verlegenheit zustatten kam. Jeder Bürger, der in diesem freien Amerika lebt, weiß es ganz genau, daß keine einzige unserer großen Wohlfahrtsanstalten und unserer der Förderung von Kunst und Kultur dienenden Institutionen hätte entstehen oder erhalten werden können ohne die Unterstützung unserer jMischen Staatsbürger. Ich bin stolz, auf die Tatsache, daß die Jüöen in Amerika eine Freiheit und Gleichberechtigung genießen, wie dies nur in sehr wenigen anderen Ländern der Fall ist. Damit will ich aber keineswegs behaupten, daß wir hier'keine sozialen Vorurteile haben. Ich will damit nicht behaupten, daß es hier nicht auch gesellige Klubs und andere Plätze gibt, in denen Menschen mit kleinen Köpfen glauben, daß sie dadurch sehr große Männer geworden find, wenn sie die Juden aus ihren Kreisen ausschließen. Ist das nun auch ärgerlich und aufreizend, so ist es immerhin nicht das Schlimmste, das einem passieren kann. So etwas ist übrigens auch meinen christlichen Freunden passiert, die von Menschen aus Klubs ausgeschlossen wurden, die nicht einmal würdig sind, die Schuhriemen der Au-geschlossenen zu lösen. Cs sind das Menschen,- die außer in ihren Klubs sonst nirgends Einfluß haben oder Ansehen genießen.. Ich gebe, wie gesagt zu, daß so etwas ärgerlich ist, aber ein ganzer Mann ist der, der von Selbstachtung erfüllt ist, und weiß er einmal, daß sein Beleidiger nicht würdig ist seinesgleichen zu sein, jo wird er stets höher stehen, als sein Kritiker und Beleidiger." Sodann hielt Dr. Madison Peters einen Vortrag über Chaim Salomon in dem er nachwies, daß Chaim Salomon für die Befreiung Amerikas in der kritischsten Zeit 650000 Dollars aus eigenen Mitteln spendete, und daß weder er selbst, noch seine Erben und Nachkommen diese Summe jemals zurückerstattet erhielten. Von MH und jfrrn. Am 2. Juli findet in Pankow bei Berlin die Enthüllung des Men del-Denkm als statt. Das Denkmal wird vor dem Gemeindekrankenhaus errichtet, das dem verstorbenen Psychiater seine Entstehung verdankt. Professor Mendel, dessen Namen eine Straße in Pankow trägt, hat sich auch sonst um den Ort große Verdienste erworben. Er bekleidete jahrzehntelang das Amt eines Gemeindevertreters und das eines Kreistagsabgeordneten. — In Hirschberg i. Schl, ist am 18. d. M. der erste Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Herr Justizrat Benno Ledermannim 65. Lebensjahre