Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 23. Juni 1911 Der Gemetndebore. Vellsge zur „Allgemeinen Leitung üeS Judentums". karrelpondkn?rn und Oschrtchten. Deutschland. --Berlin, 20. Juni. Der Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland hielr, wie bereits kurz mitgeteilt, am 12. d. M. im hiesigen Burghotet seinen vierten Verbandstag ab, an dessen Verhandlungen etwa 70 Delegierte aus allen Teilen des Reiches sowie auch viele Ehrengäste teilnahmen. Der Vorsitzende, Dozent Dr. Jsmar Elbogen eröffnete mit einer warmen Begrüßungsansprache die Versammlung und gedachte zugleich dabei der seit der letzten Tagung dahingeschiedenen hervorragenden Förderer und zum Teil Mitbegründer des Verbandes, Willy Bambus, Alphons Jacobson, Siegfried Freund, Oscar Berlin. Dr. Hirsch Hildesheimer wie insbesondere des unvergeßlichen, langjährigen ersten Vorsitzenden und eigenllichen Schöpfers und Trägers der Organisation, Dr. Gustav Karpeles, deren Andenken die Versammelten dadurch ehrten, daß sie den tiefinnigen Nachruf stehend anhörten. — Sodann nahm Herr Geheimrat Professor Dr. Landsberg-Berlin das Wort, um den Verband im Namen der jüdischen Gemeinde Berlin zu begrüßen In einer herzlichen Ansprache hob er die vielen Verdienste hervor, die besonders der Berliner Verein durch seine verschiedenen Veranstaltungen sich erworben hat. „Für die Fortbildung und Aus-, bildung der jüdischen Religionslehrerinnen hat er dabei so viel geleistet, daß die jüdische Gemeinde sowohl den Verein wie den Verband nur mit größtem Wohlwollen begrüßen kann." Rabbiner Dr. Eschelbacher überbrachte die Grüße des Rabbinerverbandes, er betonte die wohltätige Wirkung des Zusammenarbeitens von Rabbinern und Gemeindemitgliedern, die Unterstützung der Kanzel durch die Tätigkeit der Vereine. Ferner waren vertreten: Das Rabbiner-Seminar Berlin durch Herrn Dozenten Dr. Wohlgemuth, der eine kurze Begrüßungsansprache hielt, die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums durch Herrn Dozenten Dr. Elbogen. Die Versammlung wählte darauf ein Bureau, bestehend aus den Herren Justizrat D r. Fedor Stern-Berlin als Vorsitzenden, Hühnlein-Bochum als Stellvertreter, Landesrabbiner Dr. Man- Heimer-Oldenburg und Stadtrat Neumark-Krotoschin als Beisitzer, Dr. Paul Homburger-Karlsruhe als Schriftführer. Hierauf erstattete der Vorsitzende Dr. Elbogen den Geschäftsbericht. „Der Verband hat zum Ersatz für die verstorbenen Mitglieder zunächst Herrn Professor Philippson zum Vorsitzenden zu wählen gewünscht, da dieser aber bedauerlicherweise ablehnte, ihn zum Ehrenpräsidenten erwählt. Zum Schatzmeister wurde Herr Alois Marcus gewählt. Außerdem hat der Vorstand die Zahl der Ausschußmitglieder bedeutend erhöht, um für den Verband mehr Boden in den Gemeinden zu schaffen. Die Zahl der Literaturvereine ist seit der letzten Delegiertenversammlung bedeutend gewachsen, sie beträgt jetzt 225, aber damit sei die Ausdehnungsfähigkeit noch nicht an ihre Grenzen gelangt." Von den Leistungen des Verbandes erwähnterer zunächst die Veröffentlichung der „Parallelen zwischen Juden und Christentum", „die dank des Eingreifens des Vorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde in 100 000 Exemplaren verbreitet worden ist. Tie notwendige Ergänzung zu den Parallelen, die Unterscheidungslehren zwischen Judentum und Christentum" soll jetzt vom Berliner Verein bearbeitet werden. Ferner hat der Verband das Erscheinen der 2. Auflage von Karpeles „Geschichte der jüdischen Literatur" ermöglicht, die zu einem so billigen Preise -veröffentlicht worden sei, daß sic tatsächlich von jedermann angeschafft werden kann. Dem Wunsche des letzten Verbandstages auf rechtzeitige Veröffentlichung der Rednerliste ist entsprochen worden, ebenso ist das Jahrbuch wie bisher erschienen, und die 14 Bände des Jahrbuches stellen eine schöne Sammlung gediegener, belehrender Aufsätze dar. Den kleinen Vereinen war sehr häufig wissenschaftliches Materiah zum Teil auch Bücher zur Verfügung gestellt, ebenso waren aus dem Wanderrednerfonds fast alljährlich Subventionen an die Bezirksverbände bewilligt worden, letztere allerdings nur in sehr geringer Höhe, denn die Mittel des VerbandeS waren und sind leider außerordentlich bescheiden. Nur die wenigsten Vereine leisteten einen Beitrag, selbst große Vereine schickten ihn nicht. Diese Zustände müssen aushören, wenn der Verband dasjenige leisten soll, wozu er berufen ist. Er betrachte es noch immer als seine Aufgabe, das wirkliche Studium der jüdischen Geschichte und Literatur zu fördern. Der Verband muß darum ein organisierter Zusammenschluß aller Vereine sein, in dem die schwachen Mitglieder bei den starken Anlehnung und Stütze finden. Das Studium der jüdischen Geschichte und Literatur, ein Produkt der neueren Zeit, ist hervorgerufen worden, zunächst durch die Notwendigkeit der Abwehr. Als die Juden Bürgerrechte forderten, mußten sie Nachweisen, daß sie schon lange im Lande wohnten, daß ihre rechtlichen Zustände früher günstiger gewesen waren, nur im Laufe der Zeit sich verschlechtert hätten, und daß ihre äußere soziale, unglückliche Lage durch . die Verschlimmerung ihrer Rechte verschlechtert wurde. Da man ihnen entgegenhielt, daß sie bis dahin für die Weltkultur nichts geleistet hätten, mußten sie auf ihre reiel e Literatur Hinweisen, die ein wichtiger Beitrag für Wissenschaft und Kultur gewesen ist, und sehr wertvolle ethische Lehren enthält. Diese Notwendigkeit der Abwehr und der Kenntnis der jüdischen Geschichte ist auch heute noch vorhanden, aber das dark nicht das letzte Ziel sein. Die letzte Aufgabe ist die, das Studium der jüdischen Geschichte und Literatur als Selbstzweck zu betreiben, damit wir unsere Geschichte kennen lernen, damit wir wissen, wie unsere Väter gelebt und gedacht, was sie geleistet und gewirkt haben, damit wir wissen, daß wir überhaupt Väter hatten. Was unserer Zeit besonders nottut, ist ein gesundes, gefestigtes Selbstbewußtsein, in der Ueberzeugung, einem alten, starken Stamm entsprossen zu sein, der in der Welt und für die Welt viel geleistet, der Gedanken in die Welt gesetzt hat, an denen wir weiter zu arbeiten haben. Darum nennt man die Geschichte eine aristokratische Beschäftigung, weil sie den Menschen mit einem Hochgefühl erfüllt, ihm das Bewußsein einer Vergangenheit gibt und ihm darum eine Stütze für die Zukunft bietet. Nur eine Gemeinschaft, die fest in der Vergangenheit wurzelt, kann für die Zukunst wirken, für die wir ja alle und vor alleni unser Verband in erster Reihe zu arbeiten entschlossen sind." Reicher Beifall lohnte den Vortragenden für seine begeisterten und begeisternden Worte. — Nach Entgegennahme des Berichts der Revisionskommission und Erteilung der Decharge wurde in die .Beratung der beantragten Aenderungen des Verbandsstatuts eingetreten. Zu den beantragten Statutenänderungen lagen eine ganze Reihe von Anträgen vor. Von den Vereinen Berlin und Memel war beantragt: „Der Verbandstag wolle beschließen, daß nur diejenigen Vere.ine das Jahrbuch zum ermäßigten Preis von 75 Pfennig erhalten, die regelmäßig einen Jahresbeitrag an die Kasse des Verbandes abführen." Der Verein Essen beantragte: Der Verbandstag wolle beschließen, eine periodische Zeitschrift als Verbandsorgan zu begründen, die populär und wissenschaftlichen Charakters sein und ganz den Interessen der Literaturvereine dienen soll." Der Verein Thorn hatte die folgenden Anträge gestellt: 1. Der Verbandstag wolle beschließen: Mit Rücksicht auf den Hauptzweck der Literaturdereine, der in einer möglichst weiten Verbreitung von Kenntnissen in der Geschichte des Judentums besteht, a) bei der Wahl der Vortragsthemen für eine größere Anpassung derselben an den obengenannten Zweck Sorge zu tragen, b) eine größere Heranziehung von Vereinsmitgliedern zur eigenen Betätigung durch kleinere Vorträge und Referate anzustreben. 2. Der Verbandstag wolle beschließen: In die jährlich erscheinende Rednerliste sollen nur solche Redner ausgenommen werden, die dem Verbandsvorstande nach sorgfältiger Prüfung geeignet erscheinen, die den Vereinen für :