Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- Seite 299 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1. Die erste Doppelnummer des neuen Jahrgangs zeigt einen frischeren Zug als die früheren Hefte und Bände. Die erste Abhandlung, zwei Bogen stark, seitdem auch in Separatdruck erschienen, behandelt ein interessantes Thema in lichtvoller Weise. (SckMelowik. Die Christusmythe des Professors A. Drews im Lichte der Wissenschaft.). Auch eine große Rezension von Julius Lewkowitz beweist eine treffliche Methode und zeigt trotz ihrer ablehnenden Stellung zu dem gelehrten Werk, das sie bespricht, eine anständige Art der Behandlung, die leider heute bei Kritikern nicht immer Sitte ist. Die speziell gelehrten Arbeiten des Heftes gehen ja freilich sehr ins Spezielle, aber eine gelehrte Zeitschrift darf auch nicht vor dem Wort zurückschrecken: „Staub sollst Du fressen, und mit Lust." 2. Der wesentliche Inhalt dieser Mitteilungen besteht in dem stenographischen Protokoll des 4. deutsch-israelitischen Verbandstags. Ein Blättchen zur Schächtfrage von allgemeinem Interesse liegt dem Hefte bei. Den Beschluß macht eine sehr interessante Umfrage über den Austritt aus der jüdischen Gemeinde; unter den Stiftungen findet sich eine sehr schöne des durch seine großzügige Wohltätigkeit bekannten Herrn Siegfried Brünn. 3. Ist auch in den letzen Heften dieser allgemein interessanten Monatsschrift nichts Spezielles über die Juden erschienen, so sei die Zeitschrift doch erwähnt, weil sie sehr interessante Beiträge zur allgemeinen Staatskunde und Politik von hervorragenden Männern enthält, z. B. von Lujo Brentano, und fast in jedem Hefte Aussprüche berühmter Männer vergangener Tage mitteilt, z. B. Carlyle, Schopenhauer, Wilhelm von Humboldt. 4. Diese Halbmonatsschrift, die wir jetzt zum erstenmal zu Gesicht bekommen, enthält Gedichte, Novellen, belehrende Aufsätze, Rätsel in bunter Reihe; recht hübsche Illustrationen sind manchen Beiträgen beigegeben. Nicht alle Beiträge sind jüdischen Inhalts, z. B. die Rubrik „Aus aller Welt". Auf sorgsamere Schreibung sollte die Redaktion Wert legen. Virgils Werk heißt „Die Aeneide" und nicht „die Aenäide", wie viermal hintereinander gedruckt wird. Die poetischen Beiträge sind manchmal etwas fragwürdig; sehr niedlich ist in einem Heft das große „ABC ein Turnerstück". In den mir vorliegenden Heften drängt sich der Zionismus nicht übermäßig hervor. Manche historischen Aufsätze sind freilich völlig wertlos, z. B. einer über Reuchlin, in dem recht törichte Behauptungen mit allgemein bekannten Bemerkungen wechseln. Daß in einem Hefte ein Herr Erwin Pollack ein bekanntes Rätsel Schleiermachers mit geringen Verschlechterungen unter seinem Namen einschickte, und daß die Redaktion dies ohne weiteres abdruckte, ist ein Unglück, das man nicht allzutragisch zu nehmen braucht. 5. Zum Lob der Zeitschrift braucht nicht viel hinzugefügt zu werden. Die Künstler, mit denen wir in den neuen Heften Bekanntschaft machen, sind Michael Adam, Stanislaus Bender, Julius Obst; sehr hübsch wenn auch nicht leicht verständlich sind Glicensteins. Skizzen zum Hohen Liede. Die künstlerischen Beiträge erscheinen mir im allgemeinen wertvoller als die literarischen, manche der letzeren, z. B. der von Josef Lin, sind in einer völlig verwahrlosten Sprache geschrieben. Das Bemühen, das Aktuelle hervorzuheben und doch daneben das Geschichtliche nicht zu vernachlässigen, vorr neuen Bauwerken z. B. der Synagoge in Frankfurt a. M. oder der Hygiene-Ausstellung in Dresden und dabei auch von älteren Gotteshäusern Kunde zu geben, auch Novellistisches zur Unterhaltung darzubieten, ist durchaus anzuerkennen. 6. Von besonderer Bedeutung ist in den vorliegenden Heften Felix Goldmanns Studie „Zionismus oder Liberalismus, Atheismus oder Religion". Sehr anmutig ist Salomonskis Gedenkblatt bei Gelegenheit des -Rücktritts. des verdienten Direktors Holzman. Dem Aufsatz von Goldschmidt »Zur Reform dev jüdischen Ehescheidung" wird man gewiß Gelehrsamkeit nicht versagen, aber 41 Spalten in drei Heften ist gar zu viel, denn wer kann 3 Monate lang demselben Gegenstand immer erneutes Interesse entgegenbringen? Es mag: mir gestattet sein, auf einen Beitrag hinzuweisen, den ich selbst bei-/ gesteuert habe, „Brief Abraham Geigers an S. R. Hirsch" vom \ 21. November 1880. Es ist einer der ersten Briefe meines Vaters, der sich erhalten hat, und bietet ein frisches» lebendiges Bild der engen Beziehungen zwischen diesen beiden so ungleichen Männern und eine anmutige Schilderung der Bonner studentischen Verhältnisse. 'I 7. Sehr hübsch ist in diesem Blättern, die ich bisher nicht oft habe loben können, ein Gedicht: „Des Kartellbruders Abschied"; das ist ein frischer, mutiger Sang, der das Ideale des studentischen Lebens verklärt und manche schöne Grundsätze für jeden im Lebenskämpfe Stehenden verkündet. In dem Maiheft findet sich ein größerer Aufsatz über Sombart, der aufs neue beweist, daß hier nicht immer in richtiger Weise geurteilt wird, denn diese Würdigung Sombarts scheint mir nicht bloß viel zu enthusiastisch, sondern unrichtig; ich möchte nicht glauben, daß viele Juden die Schlußsätze zu unterschreiben geneigt sind, die so lauten: „Wir verdanken Sombart ein klassisches Werk über die Juden, dem wir wenig Gleichartiges an die Seite zu stellen haben. Sombart hat damit nicht ein Buch, sondern das Buch über die Juden und das Wirtschaftsleben geschrieben." (Vgl. Zieglers Aufsatz in unserer Zeitung.) 8. Die Nummer beginnt mit einem hübschen Gedicht von Hugo Salus: „Ter Meister". Hervorzuheben ist ferner ein Bericht: „Die Jugendschriftenfrage auf dem 5. Lehrerverbandstage in Frankfurt a. M.";; 9. Auch ein Teil dieser Nummer wird durch einen Aufsatz aus dem Jahre 1890 gefüllt. Wozu derartige Reproduktionen? Den Vortrag von Eli Lazarus „Ueber religiöse und weltliche Zeremonien" finde ich recht wirr geschrieben. Gewiß entspricht es dem Bunde, der hier seine Anschauung zur Geltung bringt, den Wert der.^Zeremonien darzulegen. Aber ich glaube, dies könnte weit verständiger und. herzerhebender geschehen als in diesen Auseinandersetzungest. Der ausführliche Rechenschaftsbericht des israelitischen Stellenvermittlungs- und Versicherungsvereins enthält manches Interessante. 10. Auch in diesem Hefte sind wieder die Beiträge des Herausgebers von besonderer Bedeutung. Wenigstens haben nach meinem Urteil die Mitteilungen aus den „Statuten des Talmudthoravereins" in Modena um 1750 und die „Satzungen der Wormser Chewra. Kaddischa" 1771 wirklich kulturhistorischen Wert. Auch die Zusammenstellung der Frauennamen des Alten Testaments mit Hinweis auf deren Vorkommen in verschiedenen Orten und Zeiten ist sehr lehrreich. Unter den übrigen Beiträgen hat mich besonders die von L. Horwitz mitgeteilte alte Schulordnung der Franzschule in Dessau 1802 gefesselt. Höchst merkwürdig sind die hier mitgeteilten Schulgesetze; der folgende Satz möchte manchem modernen Leser ein Lächeln ablocken. -Er lautet: „Der Zweck der Schüler in den Lehrstunden ist, zu lernen. Alles also, was diesem Zweck entgegen ist, muß in der Schule gänzlich unterbleiben. Dahin gehört unter anderem die Gewohnheit einiger Eltern, den kleinen Kindern ihr Frühstück mit in die Schule zu geben oder des Nachmittags ihnen etwas dahin zu schicken; beides kann nicht gestattet werden, weil die Kinder in der Schule, wie gesagt, lernen und nicht essen sollen:" 11. Hauptsächlich Bericht über die zweite Delegiertenversammlung des Verbandes vom 19. März. Auch die Frage der liberalen Jugendvereine wird mehrfach gestreift. Ich möchte vor allem die Mahnung eines Redners hervorheben, die so lautet: „Man solle auch den Liberalen Gelegenheit geben, in jüdischen Jugendvereinen zu bleiben, wenn vermieden wird, daß die jüdischen Jugendvereine eine zu starke zionistische Neigung bekommen." Die von dem Verband angenommene Resolution, die Vereine sollen neutral sein, und auf die gemeinsamen Gesichtspunkte Hinweisen, wäre sehr schön, wenn nicht eben die Jugendvereine durch ihre ungerechte Hervorhebung des Zionismus die Liberalen zur Bildung selbständiger Gruppen gezwungen hätten. Nicht die Liberalen, sondern die angeblich neutralen Jugendvereine sind ausschließlich schuld an dieser Spaltung. 12. Ich beklage sehr, daß die Versendung dieses nützlichen. Blattes durchaus nicht exakt genug erfolgt. Ich selbst habe erst im Mai auf meine Reklamation die März- und Aprilnummer erhalten und erfahre von manchen Bekannten, daß sie das Blatt sehr unregelmäßig oder gar nicht bekommen. Ich kann mir denken, daß die Massenversendung schwierig ist, aber das Erscheinen des Blattes ist doch nur dann gerechtfertigt, wenn es wirklich alle Gemeindemitglieder regelmäßig empfangen. — Die Mitteilungen über Kommissionen sind sehr wertvoll, die leitenden Artikel stehen nicht' immer auf der rechten Höhe, so ist z B. der leitende Aufsatz in der Märznummer „Die sogenannte Assimilation der Juden durch Taufe