Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Herr Friedländer," sprach er nach der Begrüßung, „ich komme wegen der Hochzeit. Ich weiß. Sie haben noch nichts angeschafft. Ich verstehe dergleichen, da ich doch Fleischhauer war. Also haich mir gedacht, Sie werden mir es nicht übel nehmen, wenn ich mich antrage. Ich werde ein herzliches, berühmtes Essen bereiten und will es ganz wohlfeil machen. Ich will keinen großen Nutzen, nur so viel, daß . Friedländer unterbrach ihn: „Und der Hechscher?" . - Ore Heimlich zuckte zusammen. „Haben Sie einen Hechscher oder nicht?" fragte Friedländer. „Sie stehen doch unter Jsser." Ore Heimlich schnappte nach Lust. Also selbst dazu war er nicht mehr gut genüg. Er wischte sich mit dem großkarierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn und wollte gehen. An der Schwelle drehte er sich um. „Das wird Ihnen Gott nicht verzeihen!" brach die Verzweiflung aus ihm hervor. „Weder Ihnen noch dem Rebbe. Ist das die jüdische Barmherzigkeit? Das. ist sie nicht, Herr Friedländer. Und Ihr werdet in der Hölle brennen, Herr Friedländer, Sie und der Nebbe." Der reiche Friedländer erstarrte beinahe zu Stein. Solche tollkühne Frechheit war ihm noch nicht vorgekommen. Dieser Mensch lehnt sich ja gegen Gott auf. Und tags darauf sprach man in der Gemeinde von nichts anderem als von Ore Heimlichs tollkühner Auflehnung. Sogar dem Rabbi hat er geflucht. Nun, das' verlangt exemplarisch - bestraft zu werden. Und die großen Köpfe steckten sich zusammen, umsestzustellen, wie das zu ahnden sei. Das Hackrecht .könnten sie ihm nicht mehr nehmen und anderes, was die Gemeinde antasten könnte, besitzt er nicht. „Besitzt er nicht?" hetztd Friedländer die Leute. „Und der Chuwer? Ist das nichts?" Freilich, der Chuwer ist eine große Sache. Der Chuwer ist Titel, Rang und Ansehen. Wen der Rabbi mit diesem Diplom ausgezeichnet hat, der ist schon jemand in der Gemeinde. Den darf man nicht mehr ganz einfach bei seinem Namen nennen, dem gebührt vor den Namen die Ansprache „Reb". - Der ist das Diplom der Frömmigkeit, der Gottesfürchtigkeit und der Anständigkeit. Reb Ore Heimlich, der sich gegen den Rabbi auflehnt, verdient dieses Diplom nicht. Jemand brachte die'Botschaft auch in Heimlichs Haus. Die lange Genendl erbleichte und fuhr zusammen. „Sie werden sich das nicht unterstehen," beruhigte sie ihren Mann. „Du bist ja kein Gottesleugner. Morgens, abends gehst Du in den Tempel, Du hältst den Sabbat, issest kein Schweinefleisch. Warum sollte man Dir den Chuwer nehmen? Dann bist Du auch nicht der erste beste. Mein Vater rvar Paßkenner. Sie können Dir ihn nicht wegnehmen, sie können es nicht." Und es geschah doch. Am Sabbat verkündete der Rabbi, daß Ore Heimlich schwerer Vergehen bezichtigt in der Ge^ meinde für unwürdig erklärt wurde und er ihm den Chuwer entziehe. Ore Heimlich stand in der letzten Reihe stumm und bleich.; Und als man aus der heiligen Schrift den Wochen-- abschnitt las, zitierte man ihn — um das Urteil des Rabbizu vollziehen — vor die Thora, doch nicht mehr so, wie ehe-? mals, sondern mit dem verstümmelten Namen, ohne den Chuwer. Öre Heimlich schwankte wie ein Betrunkener zum Almemor. Als er nach Hause kam, stand.-die Frau in dem kälten Zmrmer, bei dem ungedeckten Tisch. Sie heftete die fieberglühenden Augen auf ihren Mann. Schwer kam die leise Frage von ihren Lippen: „Reb Ore?" Der Mann schüttelte den Kopf: „Ich bin es nicht mehr." .. Die lange Genendl griff nach ihrem Herzen und brach dann zusammen. Sie konnte gegen die. Armut kämpfen, doch die Schmach zu ertragen vermochte sie nicht. Sie starb. Es kamen Frauen und sie weinten, auch die Kinder weinten, nur Ore weinte nicht. Ore stand in Schmerz versunken beim Fenster. Dann und wann schlug er sich auf die Stirne, blickte durch das Fenster auf den Himmel und stritt mit dem Herrgott: „Also, das hast Du . haben wollen? Und warum hast Du das haben wollen? Was hast Du von meinen Kindern haben wollen?" Aronchen saß in dem langbeinigen Kinderstuhle und saugte an seinem Daumensinger. Als er dessen müde wurde, rief er mit kläglich weinerlicher Stimme: „Mam—mal". (Fortsetzung folgt.) Zeitschriften. 1. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums usw. Heransgegeben von M. Braun. 55. Jahrgang. Januar und Februar 1911. 2. Mitteilungen vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund. Heransgegeben vom Ausschuß des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes. Nr. 77. März 1911. 3. Der Staatsbürger. Halbmonatsschrift für politische Bildung. Herausgegeben von Hans Dorn, Leipzig. F. W. Grunow. Zweites Märzheft und erstes und zweites Aprilhest, erstes Maiheft. 4. Jung Juda. Illustrierte Zeitschrift für unsere Jugend. 10. Jahrgang 1911, Nr. 1, 2, 3, 4, 7. Prag, Stefansgasse 630. Herausgeber Philipp Lebenhardt. 5. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum. II. Jahrgang. Heft 3, 4, 5, 6. 6. Liberales Judentum. Monatsschrift für die religiösen Interessen des Judentums. Herausgegeben von Cäsar Seligmänn. Jahrgang 3, Heft 3, 4, 5. 7. K. C. Blätter Monatsschrift der im Kartellkonvent vereinigten Korporationen. 1. Jahrgang. Nr. 7, 8. 1. April, 1. Mai 1911. 8. Wegweiser für die Jugendliteratur usw. Redigiert von M. Spanier. Jahrgang 7. Nr. 2. 9. Der Sabbat. Monatsschrift zur Förderung der Sabbatheiligung. 11. Jahrgang. Nr. 3 und 4. 10. Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. Herausgegeben von M. Grunwald. 14. Jahrgang. Zweites Heft. 11. Mitteilungen des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Jahrgang 2, Nr. 5, 1. Mai 1911. 12. Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin. 1. Jahrgang. Nr. 3, 4, 5. März bis Mai. 13. -Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. 7. Jahrgang. Heft 4 und 5. April und-Wai 1911. 14. Sonderabdruck aus ber ftft, imb Statistik der Juden. 6. Jahrgang 1910. 15. Gedenknummer zur Jahrhundertfeier der Juden in Preußen, der Mitteilungen des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands. 16. The Jewish Review ediled by Normann Bentwicli and Joseph Kochmaiin. Vol. 2, Nr. 7, Mai 1911. 17. Les droits de Thomme. 23. April 1911. 18. Sonntagsbeilage Nr. 19 zur Vossiscken Zeitung. 7. Mai 1911.