Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- Seite 297 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Wirklich brannte es auch dort. Gott weiß, was der armen Frau zugestoßen war. Lange mochte schon die Krankheit in ihr gesteckt haben, doch sie verheimlichte es. Als das Unglück über sie hereinbrach, verheimlichte sie es auch noch. Und die große Schande schmerzte sie entsetzlich. Das verlorene Brot tat ihr weh, aber die Schande noch viel mehr. Ihr Vater, der in Naszvad Paßkener war, hat sich bestimmt im Grabe umgedreht, als man seinem unwürdigen Schwiegersohn das Hackrecht entzogen hat. Hätte .sie sich beklagen, hätte sie sich auszanken können wie ehedem, wenn irgendein Schelmenstreich ihres Mannes sie geärgert hatte, so hätte sie vielleicht den Schlag leichter ertragen können. Sie versuchte ja zu zanken, doch ließ sie davon ab, als sie Ores Traurigkeit bemerkte, denn sie sah, daß dieser Mensch sich gräme und seine frühere Heiterkeit in qualvolle Wortlosigkeit begrabe. Wenn er doch nur lieber auch jetzt, so wie früher, Späße machen wollte! Ore fiel es wahrlich nicht mehr ein zu spaßen. Erhalte die alten Scherze vergessen, und je größer seine Armut wurde, um so mehr umwölkte sich seine Stirn. Genendl setzte sich oft neben ihn hin und glättete die Furchen auf seiner Stirn. Doch die Verzweiflung, welche in seiner Seele wohnte, vermochte sie nicht daraus zu bannen. Anfangs tröstete sie sich damit, daß die Stellungnahme der Gemeinde keine endgültige sei. Hat er für seinen schlechten Spaß Strafe verdient, nun, so wäre das, was er bis jetzt erlitten hat, auch schon genug gewesen. Er ging von Haus zu Haus, bat die Leute; es traf sich auch kaum einer, der ihn nicht bedauert hätte. Man gab ihm gute Ratschläge, versprach ihm Hilfe, Unterstützung — in anderen Dingen, doch vom Zurückgeben des Hackrechts war keine Rede, da mußte er jede Hoffnung aufgeben. Dies war eine Frage der Religion und nicht der Menschlichkeit, deshalb mußte man sich unerbittlich an das Verbot halten. In der Fleischbank darf nur ein Mann stehen, dessen Vertrauenswürdigkeit über jeden Zweifel erhaben ist. Aber wie sollte die Gemeinde in ihn Vertrauen setzen, der einem unschuldigen Mädchen solchen gewissenlos schlechten Streich spielen konnte. Vielleicht hätte sich diese unversöhnliche Schroffheit gemildert, wenn Ore Heimlich ehrlich und aufrichtig seine trostlose Lage offenbart hätte, doch eine Art halsstarriger,' falscher Scham hielt ihn davon ab. Er sagte nicht, daß er, ohne Erwerb geblieben, seine ersparten Groschen verbraucht habe und jetzt an den Resten zehre. Noch ein bis zwei Wochen dürfte es langen, dann aber wird das Elend an seine Tür pochen. Wenn der Mensch nichts zu hoffen hat, enteilt die Zeit mit Windeseile. Die zwei Wochen waren bald um und Heimlichs Haus wurde eine Stätte des Elends. Ein furchtbarer Anblick ist es, wenn sich von einem Haushalt allmählich die Wohlhabenheit loslöst. Die hungrige Armut kriecht aus Löchern, welche man bisher nicht gesehen hat und benagt zuerst die Kleidchen der Kinder, dann die Stiefelchen, aus denen* die geschwollenen kleinen Zehen hervorgucken, dann wirft sie sich auf das Stückchen Brot und ißt es vor den Kindern weg, endlich säubert sie das Haus selbst von den Brosamen. Vor zwei Wochen strotzten noch die Kindergesichter von der Röte des Gesättigtseins. Jedes aß, was ihm beliebte. Zur Jause gab es geröstete Brotschnitte, Spiegeleier und Aepfel. Da wurden mit einem Male die Brotschnitte kleiner, das Spiegelei wurde unter zweie verteilt und der Apfel siel weg. Später bekamen sie nur trockenes Brot, und Ei verlangten sie vergebens. Sie schrien, sie warfen sich zu Boden, aber schließlich fiel die Jause ganz weg. „Sonst könnt Ihr nicht zu Mittag essen," beschwichtigte sie die Mutter. - Als sie ihnen zu Mittag die in Wasser ausgekochten Kartoffeln schälte, vertröstete sie sie auf das Abendessen. Abends bekamen sie nur ein Stück Brot, doch da konnten sie besser schlafen. Und, als es auch dazu nicht mehr langte, erzählte ihnen die Mutter wunderschöne Geschichten, so, daß das Zimmer vom Lachen der Kinder widerhallte. Ein Segen war dieses Kinderlachen, es erstickte vieles; auch Genendls Husten wurde deshalb' nicht gehört. Ore ging unter den Leuten herum und gab die Hoffnung, daß man ihn in seine Rechte zurücksetzen würde, dennoch nicht auf. Die Tage vergingen und wenn er zur Essenszeit nach Hause kam, zwang er sich zu guter Laune und log, dieser und jener hätte ihn getröstet, daß er ganz gewiß das Hackrecht zurückbekommen werde. Genendl tat, als ob sie ihm glaubte und lächelte. Je größer ihre Armut wurde, desto mehr bestrebte sie sich vertrauensvoll zu scheinen. Einmal kam der Mann wieder eben zur Mittagszeit nach Hause. Die Kinder weinten und bemerkten sein Kommen nicht. „Weinet nicht, meine Lieblinge," beschwichtigte sie die Mutter. „Wir werden gleich essen." „Aber ich will Suppe haben," schrie das eine. Genendl stöberte im Küchenschrank herum. „Suppe ist nicht gut, Moseschen. Dann Hab' ich auch keine gekocht." „Dann will ich Fleisch mit Brot haben." Genendl lehnte sich an den Schrank, entweder weil sie Herzweh hatte, oder weil ihre Lunge vom Husten schmerzte. Als der Husten nachließ, suchte sie weiter im Schrank herum. Ihr abgemagertes, trauriges Gesicht erhellte sich plötzlich. „Schauet her! Gleich werden wir essen." Sie zog zerknitterte Papierballen aus dem Schrank, ging zum Tisch und breitete dieselben dort auseinander. In dem einen waren Rosinen, im zweiten getrocknete Pflaumen, im dritten Johannisbrot, einige Würfel Zucker, Schokoladenreste und schwarzer Hustenzucker. „Fleisch willst Du. Moseschen?" sprach sie zum Kinde. „Heute essen wir kein Fleisch. Heute ißt keiner Fleisch. Heute ißt man Rosinen und Pflaumen und Mandeln, denn heute ist Feiertag: Chamischoßer. Ein schönes Fest, ein herrliches Fest. In den Wäldern erwachen die kleinen Vögel und zwitschern, und in den Bäumen regt sich das Leben. An den Zweigen sprießen die Triebe hervor und blicken neugierig in die Welt: Ob es wohl schon Frühling wird? Aus diesen Trieben entsteht die Rosine, die Pflaume und das Johannis, brot." „Und der schwarze Zucker," jauchzte Moseschen, der seinen Hunger vergessen hatte. „Ich will schwarzen Zucker essen."; Moseschen bekam schwarzen Zucker und die anderen bekamen Rosinen, Pflaumen und Johannisbrot. Ore ballte die Hände und lief davon. Nach Brot schrie seine Verzweiflung, und er lief nach Brot. Er ging geradenwegs zu Friedländer. Dort wurden schon die Anstalten zur Hochzeit getroffen, vielleicht läßt man auch ihm ein bis zwei Gulden verdienen. Zwar war ihm Friedländer nicht gut gesinnt und sein Selbstbewußtsein bäumte sich auf bei dem Gedanken, aus einen Feind angewiesen zu sein, dennoch ging er zu ihm hin.