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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-23 · Heft 25 (23.6.1911) · p. Seite 296

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
Seite 296 (sequence 8)
Language
German
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religiöser Wahnsinnalles, was Sie nur wollen, Herr Professor, das Sie aber nicht fanden, weil Sie es nicht gesucht haben. — Daß die jüdische Mystik die Erhebung der Menschen zu Gott lehrt, wahrend die christliche das Eingehen Gottes in den Menschen kündet, tut der jüdischen Mystik wohl keinen Abbruch. Die göttliche Gnade. Herr Sombart ist entschieden konsequent. Eine Religion, in der das Verhältnis des Menschen zu Gott ausschließlich von Angst und Schrecken geleitet ist, kennt selbstverständlich keine Inbrunst, keine Mystik. Ein solcher Gott weiß aber auch nichts von Gnade und Güte seinerseits, auch da ist alles kühl. Maß gegen Maß: Hand um Hand, Aug' um Aug'! „Was aber nun weiter die jüdische Religion dem Kapitalismus gar verwandt macht, ist die vertragsmäßige Regelung — ich würde sagen: geschäftsmäßige Regelung, wenn dem Worte nicht ein häßlicher Sinn anhaftete — aller Beziehungen zwischen Jahve und Israel. Das ganze Religionssystem ist im Grunde nichts weiter als ein Vertrag zwischen Jahve und seinem auserwählten Volk: ein Vertrag mit allen obligatorischen Konsequenzen, die ein Vertragsverhältnis mit sich bringt. Gott verspricht etwas und gibt etwas, und die Gerechten haben ihm dafür eine Gegenleistung zu machen. Es gibt keine Art der Gemeinschaft zwischen Gott und dem Menschen, die sich nicht in der Form vollzöge, daß der Mensch etwas der Thora gemäßes leiste und von Gott dafür etwas Entsprechendes empfange. Deshalb darf auch ein Mensch nicht betend zu Gott nahen, ohne selber oder von seinen Vätern her etwas in seiner Hand zu haben, als Gegenleistung für das, was er erbittet: Liire 12, Wajjikra rabba c. 31." (S. 244). Ins Theologische übertragen, will das nichts Geringeres behaupten,' als daß die jüdische Religion die Gnade in dem Verhältnis zwischen Gott und Mensch vollständig ausgeschaltet habe, daß da alles ein Kauf und Verkauf sei, ein Geben und Bekommen, das kalte do ut äes-Prinzip. Nun hätte schon der Versöhnungstag allein genügen müssen, um Herrn Sombart zur Vorsicht zu mahnen. Die zehntägige Bußzeit, die im jüdischen Festrituale jährlich vom 1. bis 10. Tischri gefeiert wird, deren Abschluß der große Fast- und Versöhnungstag ist, wäre doch einfach ein Konsens,' gäbe es im jüdischen Religionssystem so etwas wie göttliche Gnade überhaupt nicht und der Mensch nicht betend zu Gott nahen dürste, „ohne selber oder von seinen Vätern her etwas in seiner Hand zu haben, als Gegenleistung für das, was er erbittet." Doch Herr Sombart sei entschuldigt, er hat an die jüdische Bußzeit, an das Prinzip der Neue, von der es heißt: „Mag der Mensch ein vollendeter Bösewicht auch gewesen sein, alle Tage seines Lebens, wenn er nur zum Schluß bereut, nimmt ihn Gott auf" (Tos. Kidd. I, 15) nicht gedacht. Sind wir aber nicht berechtigt zu verlangen, daß er sich ein klein wenig in den biblischen Schriften umtue, ehe er der jüdischen Religion einen Gedanken abspricht, ohne den wahre Religiosität undenkbar wäre? Da Herr Sombart das offenbar nicht getan hat, bitten wir ihn, sich für einige Minuten unserer Führung zu überlassen. Als Abraham für das sündige Sodom betet, appelliert er an die göttliche Gnade, einigen Frommen zuliebe der ganzen Stadt zu verzeihen. Und Jahve erwidert ihm: „Ich will die Stadt nicht verderben den zehn Frommen zuliebe" (Gen. 18,32). Vor dem Zusammentreffen der beiden Brüder Esau und Jakob betet dieser: „Zu gering bin ich. für all die Gnade und Treue, die du deinem Knecht erwiesen hast" (ib. 32, 11). Nach der Versündigung Israels durch Anbetung des goldenen Kalbes geht Moses ^Streben ausschließlich dahin, Gottes Gnade wieder dem Volke zu erwirken (Ex. Kap. 33 und 34). Bei der. Kundschafterrevolte betet Moses: „Verzeihe doch der Schuld dieses Volkes gemäß der Größe deiner Gnade,. und wie du dem Volk verziehen hast seit Aegypten her bis auf den heutigen Tag." Und Gott sprach: „Ich verzeihe, wie du es gesagt hast" (Num. 14, 19 f.). Im Deuteronomium erinnere ich nur an die Mahnung Mosis 9, 4 ff. (Fortsetzung folgt.) ^geUJl^ggo/f 'mm Leim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Treu csöni. XX. Und in diesen heiligen Nächten geistiger Empfängnis fühlte sich Liweitzer glücklich. Als ihn die Musik der ungarischen Sprache umschmeichelte, schwellte das Hochgefühl glücklichen Stolzes sein Selbstbewußtsein. Cr fühlte, daß seine Nerven sich mit einem unermeßlich großen Leben fest verknüpften, an dem sie bis heute nur lose hingen, schlaff und kraftlos wie die zerrissenen Saiten an der Geige. Er bebte vor Wonne bei dem Gedanken, daß eine Zeit kommen würde, wo er nicht genötigt sein werde, sich das, was dieses Land fühlt, in den Jargon zu übersetzen, daß eine Zeit kommen werde, da er aus ungarischen Büchern fließend lesen, und vielleicht auch die, da er, ohne zu erröten, mit Esterchen werde sprechen können. Wenn Blümele all das gewußt hätte! Aber sie wußte nichts davon. Sie wußte nur, daß Liweitzer krank sei, wo er sich doch im Hause des reichen Eschkeles wohl fühlen könnte. Er liegt im guten, weichen Bett, in einem behaglich warmen Zimmer und teilnahmsvolle Menschen betreuen ihn. Barmherzige Männer und barmherzige Frauen: Frau Eschkeles, Gitl und Esterchen. Und Esterchen.... Wie spitz und scharf hatte doch die Eifersucht jeden Buchstaben dieses Namens zugeschliffen und wie bohrte sich jeder dieser Buchstaben, gleich einer heißen Nadel .in ihr Herz hinein. Esterchen darf in seiner Nähe sein. Um die Abendzeit, wenn es keiner sieht, kann sie vielleicht aus ihrem Stübchen hinaushuschen und zum Zimmer des Kranken schleichen, kann ihre Stirn an die Fensterscheiben pressen und hineinschauen. Ach, wer auch dort sein, ach, wer das auch tun könnte! „Blümele," sagte ihre Mutter, „die Glasur wird sich ja von dem Topf loslösen, wenn Du ihn so reibst." „Die Glasur, sagst Du, Bruchele?" sprach wieder Berele mit ungewohnter Melancholie. „Die Glasur kann nicht ewig dauern. Früher oder später löst sich die Glasur ohnehin los, wie von den Menschenkindern die Jugend. Dann kommt das Alter, die Krankheit und der Tod." „Ei, Berele, was ficht Dich an?" „Traurig bin ich, Bruchele, wozu es leugnen. Ich hab's nicht gern, wenn man vor mir die Sense schwingt. Ich fürchte, Bruchele, daß der Liberer zu tun haben wird." Ein leiser Schrei entrang sich aus Blümeles Brust. „Also ist der Liweitzer wirklich so sehr krank?" fragte' Bruchele. „Nicht an ihn habe ich jetzt gedacht, sondern an Genendl. Auch dort brennt das Oellämpchen."

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