Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-23 · Heft 25 (23.6.1911) · p. Seite 295

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228987--67568-3279792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

>VV'*Ä m die . Kinder1 ihrer Väter gewesen, nicht die Nachkömm'eri jener Geschlechter, deren Religiosität so mächtig pulsierte? Aus welche Weise soll denn das Feuer der religiösen Begeisterung Plötzlich erloschen sein? Wie soll man sich das vorstellen?. Die alten Talmudisten haben auch einen Niedergang des religiösen Geistes konstatiert, aber sie sagten wenigstens: „Mit dem Tode von Haggai, Sacharja und Malachi entwich der heilige Geist aus Israel. Aber der göttlichen Stimme bedienten sie sich trotz alledem auch weiter" (Sota 48 b). Ich möchte doch alle Rassentheoretiker und Völkerpshchologen bitten, mir das Rätsel zu lösen: wie bei einem Volk eine religiöse Glut, die eben noch da war, mit einem Male verschwinden kann?! Die Wahrheit ist aber die, daß Sombarts Darstellung stilisierte Geschichte ist. Was er in soundsovielen Schriften christlicher Theologen gelesen hat, nahm er ohne jede Prüfung in seine Schrift hinüber. Diese rätselhafte Unterbindung des religiösen Geistes, dieser für schlicht und unvoreingenommen denkende Menschen einfach unmögliche Stillstand in der religiösen Art eines Volkes ist ein stilisiertes „Muß", damit Jahrhunderte später durch Jesus das Wunder geschehe, die Erlösung des prophetischen Geistes bewirkt zu haben. In Wirklichkeit haben jedoch Mystik und Inbrunst auch nach der Prophetie "niemals unter den Juden zu wirken ausgehört. Die Propheten Sacharja, Joel, Jona gehören nach übereinstimmender Ansicht der Bibelkritiker der nachesraischen Zeit an, also schon dem Zeitalter der Soferim. Sind aber die Verfasser des Sacharja nicht Mystiker? Und Jona, wäre der bar aller Inbrunst? Und Joel! „Und es wird dann sein, da gieße ich aus meinen Geist über alles Fleisch. Euere Söhne und Töchter werden weissagen, euere Greise Träume träumen, euere Jünglinge Visioner^ schauen. Selbst über Sklaven und Mägde gieße ich aus meinen Geist in diesen Tagen" (3, 1 ff.). Was dieser Soferprophet erhofft, ist das Wiederaufleben der heulenden Derwische, des prophetischen Taumels. — Haben die Bibelkritiker recht, sind die meisten Psalmen nachexilisch. Wer wollte aber den Psalmsängern religiöse Inbrunst ab-. sprechen? - Hiob ist eine Schöpfung der Soferzeit. Wer anderst könnte die Kapitel 38 und 39 geschrieben haben als ein gottdurchgtühter Dichter? Dann Daniel — keine Mystik? Der Makkabäer-Aufstand, wäre der möglich gewesen ohne religiöse Begeisterung, nur mit einer mechanischen, künstlichen Verstandesreligion? Leider ist ja Sombart in der jüdischen Religionsgeschichte gar nicht bewandert. Sonst hätte er manches über das berühmte Wasserschöpfefest zu Jerusalem gehört, mit seinen Prozessionen,; Reigen, Illuminationen und Gesängen; auch manches über die große Feier des Versöhnungstages, deren Mittelpunkt der von Mystik getragene Eintritt des Hohepriesters in das Allerheiligste war. . Sombart meint: „Wenn die Gläubigen der anderen Religionen in seligen Verzückungen Umgang mit der Gott-, heit Pflegen: liest man in den jüdischen Gotteshäusern, die nicht aus Zufall „Schulen" heißen, die Thora vor: so hat es Esra bestimmt" (S. 244). Als ob in der Thora lesen für den frommen Juden etwas anderes gewesen wäre als mit der Gottheit Umgang pflegen, und das. noch viel direkter, intimer, da man ja die von ihm selbst persönlich offenbarte Lehre vor sich hatte! Von den vormischnaischen „Frommen" wird erzählt, daß sie, ehe sie zu beten begannen, vorerst eine Stunde in stiller Kontemplation zugebracht hätten, damit ihr Herz ja nur auf Gott gerichtet sei (Mischna Berachoth V, 1). Und die Heroen der Mischnazeit! Ein Hillel, der alles, was er tat, nur zu Ehren Gottes tat (Beza 16 a), ein Scham ar ohne tiefe Herzensandächt! Und Jesus selbst war doch ein' Jude, ein guter Jude. Die Essäer waren doch auch Mystiker, Paulus gewiß ebenfalls. Oder nicht? Wer wollte sagen. Philo wäre ohne Herzensfrömmigkeit gewesen? Iochanan ben Sakkai, der statt der Opfer Liebeswerke Gott darzubringen empfahl, dieser große Gleichnisredner, Meister der Geheimlehre, mit seinen Adepten Elasar ben Asarja und Josua ben Ehananja keine Mystiker! Simon ben Jochai, an dessen Namen die Kabbala ihre Entstehung heftet, der länger als ein Jahrzehnt in Höhlen gelebt hat, war dieser Mann kein Mystiker? Akiba der Märtyrer und alle jene Namenlosen, die um Gottes Namen zu heiligen, den Märtyrertod erlitten, Rab, der Schöpfer tiefinbrünftiger Gebete, waren die wirklich nicht fromm, ohne jenen Taumel eines Gott suchenden Herzens? Und alle diese.Männer sind zugleich die Leuchten der Halacha, des Gesetzes gewesen. — Jehuda Halevi, der Dichter der Zioniden, des Kusari, Jbn Gabirol keine innerlich religiöse Naturen! Man mag die shnagogale Poesie des Mittelalters literarisch für noch so minderwertig halten, daß sie von echter, Frömmigkeit und Religiosität getragen waren, wer könnte das leugnen? Da gibt es ein Bußgebet, es führt den Namen: „Unetdanne tokek", „Laßt uns künden die mächtige Heiligkeit dieses Tages". Ich empfehle aufs wärmste Herrn Sombart, die Entstehungsgeschichte dieses Gebetes sich erzählen zu lassen; wenn er wahrhaft objektiv sein wird, muß er bekennen, vorschnell geurteilt zu haben, da er von dem Mangel religiöser Inbrunst bei den Juden sprach. Ebenso falsch ist es, die Kabbala nicht religiöse Mystik nennen zu wollen, weil sie vielfach in betrügerische Wundertäterei ausartete. Herr Sombart, der sich ja über das Judentum zu orientieren bemühte, hat zweifellos etwas über den Chasidismus gelesen; von jenen Juden im alten Polen, die^ durch Wälder und Wiesen streiften, in jedem Blümlein, an jeder murmelnden Quelle Gott verehrten und buchstäblich im Freudenrausch zu Gott beteten. Wer einmal einem solchen Chasidimgottesdienst, so zv B. einem Thorafreudenfest, beigewohnt hat, wird, wahrlich Mystik und religiöse Raserei finden, die ihn an uralte Zeiten gemahnen könnten. Ich würde Sombart, der mit gutem Recht für sein Werk von dem auf Modernität frisierten Judentum absteht, recht sehr bitten, einmal eine Reise zu tun nach einem. Judenstädtchen in Ostungarn, Galizien oder Russisch-Polen und dort eine Synagoge während eines ganz gewöhnlichen Morgengebetes, an welchem Wochentage immer, aufzusuchen. Dann lausche er dem Gebete eines der alten „frommen" Juden. Wenn der in sein Gebetbuch gehüllt — wie es einst auch Titus getan, da er andächtig beten wollte — die Augen mit den Händen bedeckend, unter exstatischen Bewegungen, sich gleichsam über sich selbst hinaushebend, das Bekenntnis zum Himmel schreit, gemahnt er unwillkürlich an die heulenden Derwische, die in rasendem Taumel ihr -,Mab il allah" in allen Tonarten rufen. Oder er benutze vielleicht die Gelegenheit, der Beerdigung eines dieser Orthodoxen, beizuwohnen. Die Juden verrichten, nachdem der Sarg in die Erde versenkt wird, das sogenannte Kaddischgebet, das lehrt, selbst im Moment des tiefsten, erschütterndsten Schmerzes nicht zu verzweifeln und nicht zu zweifelnsondern Gott zu preisen und zu loben, in ihm Trost zu finden. Wer ein solches Kaddischgebet von einem dieser chasidifchen Frommen gehört hat! Weinend, klagend, schreiend, sich in wildem Ungestüm hin- und herschaukelnd um jeden zweifelnden Gedanken stürmisch abzuweisen —, wälzt er die Worte, wie. vom Sturm gepeitschte Sturzwellen aus seinem Munde: „Verherrlicht und geheiligt, werde sein großer Name!". Hier ist Mystik, Inbrunst,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.