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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-23 · Heft 25 (23.6.1911) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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- 294 - Und ebensowenig veraltet ist ihr Inhalt. Auch hier hat sich Rodenberg der Moderichtung widersetzt. Dem Naturalismus gewährte er kaum einen Eingang in seine -Zeitschrift, aber wenn auch die Modernen und Modernsten ihre Werke nicht in diesen Blättern veröffentlichten,: eine Zeitschrift, die das Organ von Berthold Auerbach, Paul Heyse, Marie Ebner-Eschenbach, Theodor Storm, Gottfried Keller und Konrad Ferdinand Meyer wurde, ein Organ, in dem fast alle bedeutenderen Werke der Genannten und vieler, vieler anderen, die zu den Lieblingen der deutschen Lesewelt gehören, erschienen waren und poch erscheinen, darf keineswegs in die Rumpelkammer geworfen werden. Aber Rodenbergs Hauptverdienst ist es, neben ausgezeichneten Novellen, Romanen, Gedichten und Dramen die „Rundschau" zu einem wahrhaften Zentralorgan populärer Wissenschaft gemacht zu haben. Während bis zu seinem Auftreten deutsche Gelehrte, besonders Universitätslehrer, es fast unter ihrer Würde hielten, in Zeitschriften das Wort zu ergreifen, brachte er es fertig, die ersten bedeutendsten Gelehrten, Naturforscher, Philosophen, Geschichtsschreiber und Literarhistoriker zu seinen Mitarbeitern zu zählen. Wie oft haben, um nur ein paar Namen zu nennen. Helmholtz, Du Bois-Reymond. Ernst Curtius, Wilhelm Scherer, Wilhelm Dilthey hier das Wort ergriffen. Gerade diesen wissenschaftlichen Teil zu pflegen, hat Rodenberg immer als seine Hauptaufgabe gehalten und daneben der Zeitgeschichte und der Erkenntnis der Literaturgeschichte durch Veröffentlichung von Memoiren und zahllosen Briefen zu dienen gesucht. Und was das Bedeutende in seiner Tätigkeit ist: er schloß keine Richtung aus, legte nicht etwa seine Anschauung den Mitarbeitern auf, sondern ließ manche Richtung gelten, wenn sie nicht etwa nur ausschließlich der Mode des Tages, der augenblicklich herrschenden Meinung diente. Außenstehende denken sich , das Amt eines Redakteurs ungemein leicht. Wer dagegen in, das Getriebe eines solchen Unternehmens geblickt hat — der Schreiber dieser Zeilen weiß seit über 30 Jahren ein Lied davon zu singen —, der, wird zugeben, wie schwierig es ist, ein derartiges Unternehmen zu leiten. Die Blätter zu füllen wäre leicht genug, aber immer Gediegenes zu bringen, stets Abwechslung zu schaffen, nicht einseitig einem bestimmten Geschmack zu dienen, sondern Leser verschiedenen Standes und verschiedenen Bildungsgrades zu, befriedigen, seine eigene Person nicht übermäßig vorzudrängen und doch die eigene Anschauung zu einer gewissen Herrschaft: kommen ^Lu lassen — alles das erfordert, so viel Takt, so. reiches Wissen, eine so starke, Beharrlichkeit und einen so, außerordentlichen Fleiß, daß nur geborene Redakteurnaturen einer solchen Aufgabe gewachsen sind., Rodenberg hat in dieser, seiner Tätigkeit Großes .und allgemein Anerkanntes geleistet. Die „Deutsche Rundschau" ist nicht nur ein Organ, dem er seit fast 40 Jahren seinen Namen voranstellt, sondern seine: Zeitschrift, seine Schöpfung und das Bild seines Geistes. Gewiß kann ein Redakteur es nicht allen recht machen, er wird sich manche entfremden, viele geradezu erbittern, aber Rodenberg gehört zu denen, die gerade durch ihre Redaktionstätigkeit einen großen Kreis von Freunden, nicht nur von Schützlingen, sich erworben haben. Möge seine „Rundschau" weiter ein ehrliches und mannhaftes Organ bleibenniemals eine Hoch-, bürg der Rückschrittler werden, niemals ein Tummelplatz der Demagogen, eine gediegene Sammlung, zu der alle greifen, die geistige Anregung, anmutige Belehrung verlangen nnd mit Achtung, ja Bewunderung des freundlichen Wirts gedenken, der sie zur Einkehr einlädt und ihnen Ruhe und Behagen, Genuß und Erquickung in reichem Mas;e verschafft. Ludwig Geiger. Der Kapitalismus ftrr Juftru iu!& ftir jüdische Religion. 2'on Dr. I Ziegler, Nlwbiner in Karlsbad. III. nb nun erst die Dichter und Sänger der Psalmen! Doch halt, nicht einen Schritt weiter. Plötzlich, wie aus Fansts Feuerpudel, steigt eine Gestalt , aus dem Boden Jerusalems herauf, fahl und kalt, mit erloschenen Augen, schmalen, zusammengepreßten Lippen, eingefallenen Wangen, hager und kahlköpfig: der Sofer! — — Der große Mummusch, der Mephisto , des alten Israel. Und dieser Sofer — zU deutsch Schreiber, Schriftgelehrter —, er bringt einen eigenen Saft mit, reicht Israel die Feder hin und spricht: „Israel, willst du leben, leben unter den Völkern, nicht untergehen, so unterschreibe. Du gibst mir deine alte Seele, deinen Gottestaumel, deine Inbrunst, deine Andacht, deine ganze Frömmigkeit; ich gebe dir dafür dein täglich Brot, beschütze und erhalte dich." — — Und Israel unterschrieb. Seit der Zeit hat Israel alle seine Mystik, alle Inbrunst, jeden Gottesrausch verloren, für immer verloren. Weg alle Poesie, alle Hingebung, Begeisterung, jeder Taumel, geblieben ist eine kälte Soferreligion, VerständesarbM, zweckbe.dachte Furcht vor Gott. So irgendwie stellt sich Sombart die furchtbarste Wandlung vor, die jemals ein Volk durchgemacht haben soll. Ja, aber um Himmels willen, wo bleibt die Rassentheorie, die Vererbung, wo bleiben die Engramme der früheren Jahrhunderte? Wie soll das erklärt werden, daß ein religiöses Innenleben, das uns aus allen Ecken und Enden der israelitischen. Religionsgeschichte entgegensprudelt, mit einem Rucke versiegt, als wäre es nie gewesen. Gin Sofer soll das religiöse Lebeneiner Nation vollständig umgestürzt, zum Stillstand gebracht . haben! Sind denn diese Soserim nich

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