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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-23 · Heft 25 (23.6.1911) · p. Seite 293

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
Seite 293 (sequence 5)
Language
German
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Dr. Straucher aus der Bukowina (und vielleicht einzelnen Gesinnungsgenossen aus Ostgalrzien, wo die zionistische Agitation zu so bedauernswerten Zusammenstößen mit der Staatsgewalt geführt hat) werden jüdische Abgeordnete noch in der sozialdemokratischen Partei und im Polenklub sitzen. Eine politische Bedeutung wird die Niederlage der Christlich, sozialen in Wien nur dann gewinnen, wenn die verschiedenen Größen, besonders der Handelsminister Weiskirchner, auch in der Neuwahl unterliegen. Dies werden aber unter besonderer Patronanz der Regierung die „Deutsch-Freiheitlichen" zu verhindern wissen, die säst überall auf dÄs ihnen zugemutete Kompromiß für die Stichwahlen eingegangen sind. Wir haben bereits in der vorigen Nummer berichtet, daß der neue Oberprokurator des Heiligen Synod dem russischen Minister des Innern mitgeteilt hat, der Synod halte es mit dem Standpunkt der russischen Kirche unvereinbar, daß Juden christliche Namen tragen, und daß infolge dessen ein entsprechendes Verbot an alle Rabbiner sowie an die geistlichen Behörden erlassen worden ist. Die „Neue Freie Presse" erhielt hierzu vom Oberrabbiner Dr. Güdemann folgende Zuschrift: Das „Verbot christlicher Namen für Juden in Rußland", wovon ein Telegramm in Ihrer heutigen Morgennummer Mitteilung macht, erinnert daran, daß die preußische Regierung anfangs der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts ebenfalls die Absicht hatte, ein derartiges Verbot zu erlassen, aber von der Ausführung dieser Absicht dadurch abgehalten wurde, daß ein Mitglied der jüdischenGemeinde in Posen, das von der Vorbereitung des erwähnten Verbots Wind bekommen hatte, seinem neugeborenen Sohn den hebräischen Namen Jesus erteilen zu wollen erklärte. Die Episode gab Zunz Veranlassung zur Abfassung der berühmten Schrift „Namen der Juden" (1836), worin nachgewiesen wird, daß es keine christlichen Namen gibt (denn selbst Christus ist nur die griechische Uebersetzung des hebräischen Messias), aber auch keine jüdischen, da die Juden in Persien persische, in Palästina griechische, in Spanien arabische und spanische und ebenso slavische, deutsche usw. Vornamen geführt haben. Die jetzigen sogenannten jüdischen Vornamen sind nur Verstümmelungen oder archaistische Formen aus verschiedenen Sprachen. Julius Nsdknberg begeht am 26. Juni seinen 80. Geburtstag. Bei diesem seltenen Feste wollen auch wir unter den Glückwünschenden nicht fehlen. Rodenberg ist in Rodenberg in Hessen am 26. Juni 1831 geboren. Er studierte in Heidelberg, Göttingen, Marburg und Berlin die Rechte, ging aber dann nach ordnungsmäßigem Abschluß seiuer Studien zur Literatur über. In den Jahren 1856—62 bereiste er England, Wales, Irland, Schottland, die Normanischen Inseln und Nord-Friesland; Reisen, deren Beschreibung einen Teil seiner literarischen Tätigkeit ausmachen. Seit dem Jahre 1863 lebt' er dauernd in Berlin. Er redigierte von 1867—74 die belletristische Zeitschrift „Der Salon" und gibt seit dem Jahre 1874 im Verlage von Gebrüder Paetel die Monatsschrift „Deutsche Rundschau" heraus. Seine selbständige schriftstellerische Tätigkeit ist eine dreifache: er hat stimmungsvolle Gedichte, lyrische, beschreibende und erzählende, und eine Reihe gewandter, frischer, sinniger Novellen und Romane geschrieben, die teils packende Momente der Gegenwart behandeln, teils an kleine und große Vorgänge der Vergangenheit anknüpfen. Er hat ferner mit einem außergewöhnlichen Talent Schilderungen aus den von ihm durchwanderten Ländern entworfen, unter denen vor allem die Skizzen aus Paris und London scharfe Beobachtung, vielseitige Kenntnis und ein ungewöhnliches Talent plastischer SchilderUrtg bekunden. Endlich hat er sehr wichtige Beiträge zur Erkenntnis der Vergangenheit des Berliner Lebens geliefert und manches aus seinen eigenen Erlebnissen mitgeteilt. Nur die Werke letzterer Art sind mir genauer bekannt und gerade sie kann ich als vortreffliche Leistungen rühmen. Die „Heimatserinnerungen an Franz Dingelstedt und Friedrich Oetker", das große zweibändige Werk über Franz Dingelstedt sind für den Literarhistoriker außerordentlich wichtige, kaum zu erschöpfende Quellen. Seine Schriften über das alte Berlin zeigen ein so liebenswürdiges Eingehen in Zustände, die uns veraltet scheinen, bekunden erquicklichen Humor und ein so feines Verständnis früherer Zustände, ohne die Lust, alles Abgelegte verklären zu wollen, daß sie als vortreffliche historische Darstellungen, die von einem wohlunterrichteten Künstler herrühren — und so darf man vielleicht am besten den Historiker charakterisieren —, bezeichnet werden können. Die liebenswürdigsten Bücher indessen, die wir Rodenberg verdanken, sind die „Erinnerungen aus der Jugendzeit", zwei Bände, 1899, und „Aus der Kindheit", 1907. Beide Werke sind autobiographisch; freilich enthält das erste nur eine wirklich autobiographische Skizze „Berliner Anfänge", während die drei anderen Abschnitte Freunden und Genossen gewidmet sind. Aber gerade einer dieser Abschnitte ist für unsere Zwecke vielleicht das wichtigste in Rodenbergs Tätigkeit. Es ist die wundervolle Studie „Ein Frühvollendeter" (Erinnerungen Bd. 2, S. 5—132), die dem großen Forscher Emanuel Deutsch gewidmet sind, der durch seine Skizze über den Talmud das Rätsel dieses großen Werkes für die gebildeten Kreise Englands, ja man kann sagen der ganzen gebildeten Welt,, zu lösen versuchte. Die Skizze selbst ist von außerordentlichem Reiz, die Freundschaft und Liebe hat hier dem Schriftsteller die Feder geführt und ihm geholfen, ein wundervolles Bild eines hochbedeutenden Menschen künstlerisch zu zeichnen. Aber auch das Buch „Aus der Kindheit" ist für uns von großem Werte, weil hier die mannigfachsten Bemerkungen über seine Jugenderziehung, über seine Eltern, vor allen Dingen seine Mutter, auch die Andeutungen über seine religiöse Ent" Wicklung und vieles andere ungemein reizvoll sind. Alle diese Arbeiten, die durch eine saubere, geschmackvolle Form sich auszeichnen, würden genügen, Rodenberg unter den deutschen Schriftstellern jüdischer Abstammung, unter den deutschen Dichtern und Geschichtsschreibern einen ehrenvollen Platz zu sichern. Eine wahrhafkÄllgemeine Bedeutung erlangte Rodenberg jedoch durch die Leitung der Monatsschrift „Deutsche Rundschau", an deren Spitze er 37 Jahre steht und die er, wie ein ruhiger und seines Weges sicherer Pilot durch alle Stürme geführt hat. Die Zeit von 1874 bis auf den heutigen Tag ist eine in literarischer und wissenschaftlicher Beziehung hoch bedeutende, und es gibt gar manche Journale, die, der Zeit und Moderichtung folgend, ihre Anschauung und Art geändert haben. Rodenberg tat dies nicht. Er behielt, um zunächst eine Aeußerlichkeit zu erwähnen, die deutscheil Typen bei, während andere Journale, dem Zuge der Zeit folgend, die Antiqua-Schrift wählten. Er änderte weder Format, noch Druckeinrichtung, obgleich 'die moderne Buchkunst — ein Wort, das ich ebenso hasse wie diese ganze sogenannte Kunst — Verbesserungen und Veränderungen dringend zu heischen schien; er wehrte sich, ganz im Gegensatz zu den meisten ähnlichen Unternehznungen, seiner Zeitschrift Illustrationen beizugeben. Vielleicht ist dadurch die „Deutsche Rundschau" an Zahl der Abonnenten von manchen Konkurrenzunternehmungen überflügelt worden, aber ihr Aussehen ist noch heute schmuck wie vor fast 40 JÄHren und macht in keiner Weise einen veralteten Eindruck.

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