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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-23 · Heft 25 (23.6.1911) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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Glaubensgenossen. Auf ihn könnte man das Wort anwenden, das der Tempelherr über Nathan spricht: „Welch ein Jude! Und der so ganz nur Jude scheinen will!* Schiff hat die einträglichsten Ge» schäfte schon abgelehnt, wenn ihr Abschluß, weil Eile geboten war, am Sonnabend erfolgen mußte. Kein Vorteil kann ihn bewegen, an diesem Tage sich mit Geschäften zu befassen. Ein einziges Mal soll es gelungen sein, an diesem Feiertag der Israeliten ihn zur Teilnahme an einer Konferenz zu bestimmen, der er aber als stummer Zuhörer beiwohnte. Und da handelte es sich nicht um ein Privatgeschäft der Firma Kuhn, Loeb. Alle jüdischen Angelegenheiten haben in Schiffs Herzen den ersten Platz. Sehr oft ist es vorgekommen, daß er einen der amerikanischen Finanzkönige, Morgan oder Harriman (dem er und sein jüngerer Partner Otto Kahn, auch ein Deutscher, der Schwager des Geheimrats Felix Deutsch von der A. E. G., zu den ersten großen Geschäften verhalfen), eine Stunde lang im Vorsalon warten ließ, weil er mit dem Rabbiner einer Vorstadtgemeinde eine Angelegenheit ihrer Glaubensgenossen besprach. Mit Menschen, die aus der Judengemeinschast ausgetreten sind und sich haben taufen lassen, verkehrt er grundsätzlich nicht, weil er an» nimmt, das Motiv zu solchem Uebertritt könne nur unedel und selbstsüchtig gewesen sein. Ziemlich bekannt ist ja, daß Schiff (der deshalb auch in Tokio wie ein Souverän geehrt wurde) der Hauptbankier der Japaner war und ihnen das zum Krieg gegen Rußland nötige Geld verschafft hat. Das war gewiß kein schlechtes Geschäft; immerhin aber, da die Sache auch schief gehen konnte, ein riskantes. Und der vorsichtige, solide Jakob Schiff hätte es kaum gemacht, wenn die Antipathie gegen Rußland, das Land der Judenächtung und der Pogroms, ihn nicht mitbestimmt hätte. Wie stark diese Antipathie ist, mag ein kleiner Zug lehren, der authentisch ist. Ein Berliner Bankier, der einen sehr bekannten Namen trägt und in einem weltberühmten Bankhaus mitleitend tätig ist, stand in den engsten familiären Beziehungen zu Schiff. Als dieses Bankhaus nun, nach den Pogroms, sich wieder an einer Russenanleihe beteiligt hatte, sagte Schiff dem alten Freunde den Verkehr auf und fragte ihn in dem Briefe, der diese Verkehrskündigung enthielt, ob er sich nicht vor feinen- Ahnen schäme, einem Lande, das die Juden so mißhandle, durch Geldbeschaffung zu neuer Macht zu verhelfen. Semiten und Antisemiten stimmen überein in dem Urteil: ein ganzer Kerl! Und wer weiß, wie stark in Amerika der Antisemitismus ist (gesellschaftlich ganz unvergleichlich stärker als bei uns), kann sich vorstellen, welche Qualitäten Schiff haben muß, um trotz dieser Affichierung seines Judentums der angesehenste Finanzniann der Union sein zu können. Er hat stets auf reine Hände gehalten und nie vom Unglück anderer profitiert. Als während einer großen Börsenpanik die Papiere ins Bodenlose gefallen waren, wurde Schiff vorgeschlagen, Riesenposten zu kaufen, da die Kurse ja bald aus dieser Tiefe sich wieder erheben mußten, also schnell sehr viel zu verdienen sei. „Ich kann^s", antwortete er, „keinem verdenken, wenn er ein so sicheres Geschäft mal-t. Solange ich aber in der Firma mitzureden habe, wird sie an einem so furchtbaren Unglück keinen Cent zu verdienen suchen." Die reichen Amerikaner haben es bei uns ja leicht, an den Hof zu kommen. In diesem Fall — wo wahrscheinlich der mit Schiff befreundete Generaldirektor Ballin die Audienz vermittelt hatte — ist diese Auszeichnung jedenfalls keinem Unwürdigen zugefallen. Den Kaiser soll die Persönlichkeit dieses judäo-amerikanischen Patriarchen außerordentlich interessiert, und namentlich soll ihn gefreut haben, daß Schiff, der nie lügen gelernt hat, ihm sagte: „Der stärkste Eindruck, deu ich in Berlin empfangen habe, war der von der großen Parade auf dem Tempelhofer Feld." Diesen Eindruck, den auf Schiffs mächtiges Organisationstalent diese erstaunliche Organisierung von Menschenmassen gemacht haben wird, hatte der Amerikaner vorher auch im privaten Kreise angedeutet. Hoffentlich nimmt's ihm Andrew Carnegie, der Friedliche, nicht allzu übel. Schiff würde sich freilich auch über den Tadel des Mannes hinwegsetzen, der weder so viel vermag, noch drüben so ernst genommen wird, wie der Senior des Hauses Kuhn, Loeb. In der „Staatsbürgerzeitung" hat einer der Redakteure, der wegen antisemitischen Wühlereien zu einer kurzen Gefängnisstrafe verurteilt war, seine unfreiwillige Muße dazu benutzt. um seiner Zeitung einen Artikel „Antisemitische Verfolgungen" zu übersenden. Es lohnt sich im allgemeinen nicht, die lächerlichen Tiraden von dem durch die. Juden bedrohten Deutschtum zu erwähnen oder gar zu bekämpfen. Es würde uns wenig ziemen, uns dagegen aufzulehnen, daß der wütige Kämpfer wackere gefinnungstreue Männer, wie den Gutsbesitzer Becker oder den Oberst Gädke als von jüdischem Geld bezahlte, zur Verfolgung der Deutschen angestellte Diener erklärt. Aber ein mitleidiges Lächeln muß es erregen, wenn der über die Art ves Judentums absolut ununterrichtete Streiter als Wahlparole ausgibt: die Wahlen mögen sich richten „wider den Talmudgeist, dessen Bekenner und Verfechter", denn er weiß von dem Wesen des Talmud nicht das allergeringste, außer ein paar aus dem Zusamlnenhang gerissenen Stellen, die er antisemitischen Broschüren verdankt, und erahnt in seiner' Unschuld nicht, daß das wirklich moderne Judentum mit dem, was er Talmudgeist nennt, absolut nichts zu tun hat. * Man schreibt uns aus Oesterreich: Die Wahlen zum österreichischen Reichsrate, die in der vorigen Woche stattfanden, setzten mit einem fröhlichen Akkorde ein. Die christlich-soziale Partei, die ihren Siegeszug in Wien begonnen hatte, wurde ein Jahr nach dem Tode ihres Führers Lueger gerade in der Residenzstadt aufs Haupt geschlagen. Von sämtlichen Wiener Mandaten ver.achte sie am Tage der Hauptwahlen nur zwei zu bewahren. All ihre Größen, der Landmarschall Prinz Liechtenstein, die Exminister Geßmann und Wittek, der aktive Minister Weißkirchner, der Bürgermeister, der Vizebürgermeister kommen in zum Teil sehr aussichtslose Stichwahlen. Einer der rüdesten und gefürchtesten christlich-sozialen Agitatoren, der erklärte Bücherfeind Bielohlavek, für den Tolstoi ein „olter Tepp" und JosefUnger ein „alter Esel" ist, wurde gleich im ersten Wahlgange von einem Gegenwerber keineswegs „arischer" Herkunft hinweggefegt. Von 400 000 Wählern sind der Partei, die sich jahrzehntelang auf die „Herrin" von Wien aufspielte, nur noch 118 767 verblieben! Gleichwohl muß man sich hüten, aus diesen erfreulichen Symptomen auf eine Gesundung Oesterreichs von der antisemitischen Pest vorschnell zu schließen. Zunächst stehen dem Mißerfolge in Wien starke christlich-soziale Erfolge in den Provinzen gegenüber, so daß die christlich-soziale Partei zweifellos wieder als die stärkste unter allen, wenn gleich einzelner Häupter beraubt, ins neue Haus einziehen wird; zumal die „Deutschfreiheitlichen" oder „Deutschnationalen", kurz die nicht christlich-sozialen Deutschen, die verstärkt aus dem Wahlkampfe hervorgehen, mit kaum nennenswerten Ausnahmen auf dem Standpunkte des schroffsten Rassenantisemitismus stehen. Es ist noch unvergessen, das; der „Deutsche Nationalverband" in der letzten Session dem ausgezeichneten Abgeordneten Ministerialrat Kuranda einzig wegen dessen jüdischer Konfession die Aufnahme verweigerte; unvergessen, daß diese „Deutsch-freiheitlichen" für den schmachvollen christlich-sozialen Antrag, die Regierung sei aufzufordern, die Uebersüllung der Gymnasien mit jüdischen Schülern zu hindern, gestimmt haben! Aber auch die politische Taktik der jüdischen Wähler ist keineswegs zu loben. In Wien wären zwei Bezirke gleich am ersten Wahltage behauptet worden, hätten sich nicht den bewährten jüdischen Vertretern Dr. Ofner und Ministerialrat Kuranda jüdische Gegenkandidaten entgegengestellt, so daß beide Mandate nun erst in der Stichwahl gegen die Christlich-sozialen verteidigt werden müssen. ..Außerordentlich schlecht hat der Jüdische Klub abgeschnitten,- der in der letzten Session bestanden hatte. Sein eigentlicher Gründer Dr. Mahler mußte von Galizien nach der Bukowina auswandern und schloß dort ein so wenig glückliches Kompromiß mit den Deutschen, daß er sein Mandat in Sereth, das ihm die Deutschen garantieren sollten, verlor, das deutsche Mandat in Czernowitz, für das er jüdische Hilfstruppen beizustellen sich verpflichtete, aber von den Rumänen erobert wurde. Im übrigen werden die Juden auch im neuen Reichsrate durch eine Anzahl Glaubensgenossen vertreten sein. Neben den „wilden" deutsch-freisinnigen Abgeordneten jüdischen Glaubens aus Wien, dem jüdisch-nationalen

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