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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-06-23 · Heft 25 (23.6.1911) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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daß das Predigtamt nicht nur das schwierigste, sondern auch daß wichtigste und höchste Amt geworden ist, das die Gemeinde neben dem Lehramt in der Religionsschule zu vergeben hat, erteilte die Reform ihrem religiösen Führer nur den Titel Prediger. Wenngleich der altehrwürdige Titel Rabbiner, der soviel wie Lehrer oder Meister besagt, umfassender ist und in der Synagoge der Rabbiner auch als Prediger fungiert, so sieht die Reform in ihrem Prediger doch nicht nur einen Kanzelpriester, der seine vorschriftsmäßige Predigt zu halten hat, wie früher der Tempelpriester das vorschriftsmäßige Opfer darzubringen hatte — nein,, auch sie sieht in ihm ihr Organ, ihren Wächter, ihr Gewissen, ihren Richter; sie sieht in ihm den treuen Schatzmeister, der das heilige Erbe zu hüten hat, von Mose an durch die Priester und Propheten und Gesetzeslehrer hindurch bis zu den Meistern der Wissenschaft des Judentums. So stellt die Reform an ihren Prediger die Forderung, die der Prophet dem Priester gegenüber erhebt: „Mein Bund mit ihm sei ein Bund des Lebens und des Friedens!" Er hat das Leben zu erleben, um Leben schaffen zu können als Freund und Berater, als Tröster und Segenspender; er hat die Seelenkräfte zu konzentrieren und den Willen zu regeln, daß er zum Spiegel des Göttlichen werde; er hat das Judentum zil erleben, um über das, was der Vergangenheit angehört, zu orientieren und das ewig Bleibende der Gemeinde ans Herz zu bringen. So werden seine Worte wie Stacheln, die als Ansporn dienen zur Selbstvollendung, wie aufgepflanzte Pflöcke, die Anhalt bieten in den Kämpfen und Wirren des Lebens.') Und als Friedensbote wird er im Geiste .des geläuterten Elia, dieser messianisch verklärten Gestalt^) brüderliche Gesinnung wecken und die Gegensätze zu liebevoller Duldunganleiten, daß sie zum mindesten nebeneinander atmen können; in dem im Innern so arg zersplitterten und von außen so unaufhaltsam angefeindeten Israel wird er die Wege ebnen, die wenigstens der Gemeinde das höchste Glück bringen, den Frieden. Nur dann will sie aus seinem Munde Thora suchen; nur dann ist er ihr ein Sendbote des Herrn Zebaoth!^) Die Reform hat die Predigt für jeden Gottesdienst. vorgesehen und ihren Charakter dadurch bestimmt, daß sie sich an den Wochenabschnitt anlehnt, aus dem allerdings nur so viel Zeiten vorgelesen werden, als sie der Predigt zur Anknüpfung dienen. So steht die Predigt im Mittelpunkt des Gottesdienstes und bildet die „mündliche Thora" im weitesten 1 Sinne. Durch ihre Liturgie und Predigt legt die Gemeinde Zeugnis ab von ihren Errungenschaften, von ihrer Existenzberechtigung und von ihrer Lebensfähigkeit! Wer sie mit geschichtlichen Augen betrachtet und ihr zugestehen kann, daß sie dem eisernen Gesetze der Entwicklung gefolgt ist, der möge ihr auch den freundlichen Zuruf gönnen: „In deinem Gewände, mit dem dich der Herr der Zeiten geschmückt hat, dringe durch und'erobere deine Siege für die Sache der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit und der Glaubenstreue!"4) ' ...**&■ - ' Die Woche Berlin, den 20. Juni. ine. erfreuliche Nachricht buchen wir auch an dieser Stelle. Professor Dr. Paul Ehrlich in Frankfurt a. M. ist zum wirklichen Geheimrat mit dem Prädikat Koheleth 12, 11. 2) Edijoth 8. 7. *) Maleachi 2. 5-7. <) Psalm 45, 5. Exzellenz ernannt worden. Es hat schon, früher in Oesterreich, vielleicht auch einmal in Preußen, jüdische Exzellenzen gegeben; jedenfalls ist es unseres Wissens der erste Fall, daß in Preußen ein Mann der Wissenschaft mit dieser Bezeichnung geehrt wurde. Für den großen Forscher Ehrlich, der dabei ein bescheidener, mannhafter und glaubenstreuer Mensch ist, hätte man diese Auszeichnung längst erwartet. Seine epochemachenden Untersuch ui'.^en stellen ihn in die allererste Reihe deutscher Gelehrter. Er wäre würdig gewesen, in der Reichs- Hauptstadt eine ordentliche Professur zu erlangen, vielleicht auch an die Spitze des deutschen Forschungsinstituts gestellt zu werden; die etwas verspätete Anerkennung, die ihm nun . zuteil wird, soll kein Gefühl der Verbitterung, sondern nur das der reinen Freude erwecken. Möge es dem hochverdienten Mann, der eine Zierde der Wissenschaft und ein Stolz des Judentums ist, dem Mann, der in der Vollkraft seines Wirkens fleht, noch lange vergönnt sein, zum Heil der Wissenschaft zu wirken. Aber auch für uns andere ist diese Anerkennung von großer Bedeutung. Kleinliche Zurücksetzung, die einzelnen noch immer zuteil wird, Schädigungen, die der Gesamtheit zugefügt werden, sollen uns nicht müde und nicht mürbe machen; das wahrhaft große Verdienst findet doch schließlich seine Anerkennung. Wir gratulieren den Exzellenzen und uns zu dieser neuen Exzellenz! * In ein erfreulicheres Gebiet führt uns eine kleine Notiz der „Frankfurter Zeitung", die so lautet: Die vielumstrittene Frage, ob die israelitischen Lehrer im Bezirk Kassel berechtigt sind, an den israelitischen Gemeindeversammlungen teilzunehmen, hat jetzt eine vorläufige für die Lehrer günstige Lösung gefunden. Der Regierungspräsident hat nämlich aus Anlaß eines konkreten Falles entschieden, daß den israelitischen Lehrern, welche Steuerfreiheit genießen, das Recht der Teilnahme an den israelitischen Gemeindeversammlungen und das Stimmrecht in ihnen nicht versagt werden kann, weil die Steuerbefreiung als ein aus religionsgesetzlichen Bestimmungen herrührender Brauch anzusehen ist. Sie ist um so interessanter, als sie eine Frage behandelt, die auch für die altpreußischen Provinzen wichtig ist und \i keineswegs immer in dem Sinne gelöst wird, wie dies hier seitens der Regierung geschehen ist. Ueber den bekannten großen amerikanischen Wohltäter Jakob S. H. Schiff, der, wie der „Gemeindebote" berichtete, vom Kaiser empfangen worden ist, gibt die -,Berliner Montags- Zeitung" die nachstehende interessante Schilderung: „Herr Jakob Schiff aus. New Aork", -stand in der Zeitung, „ist vom Kaiser empfangen worden." Für Kenner der Person war die Nachricht interessant. Jakob Schiff ist nicht von der Sorte der Vanderbilt, Armour und anderer Aankees, die überall dabeigewesen sein und alles gesehen haben müssen, also auch den. Kaiser. Der Seniorchef der Firma Kuhn, Loeb in New Aork, wohl des größten Privatbankhauses der Erde, ist ein stiller Mann, der sich niemals in den Vordergrund drängt und gar nicht wünscht, daß von ihm gesprochen werde. Auch nicht über die Wohltätigkeit, die er in größtem Stil übt. Zehn Prozent seines Gesamteinkommens, dessen Höhe man sich nach amerikanischen Dimensionen vorstellen muß, fließen in jedem Jahr den Armen zu. Schiff pflegt zu sagen, daß er sich wie ein Dieb fühlen würde, wenn er auch nur einen Cent davon anrührte, sie werden schon im Kassenrevier abgezogen und'kommen gar nicht erst in Schiffs Hände. Dessen Charity ist damit noch lange nicht erschöpft. Da man sein Vermögen auf etwa 100 Millionen Dollar schätzt, kann er sich es freilich leisten. Dieser außerordentlich begabte Geschäftsmann, der auch wegen seines unantastbaren Charakters und seiner im höchsten Sinne sittlichen Lebensführung ein keinem anderen vergleichbares Ansehen genießt, tut besonders viel für seine jüdischen

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