Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
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Auch die Liturgie war dem Gesetz der Entwicklung untermorsend Don den Tagen Esras an, durch das Altertum und das Mittelalter hindurch. Diese Fortbildung ist im Siddur für.Werktag und Sabbat und im Machsor für den Festzyklus auf uns gekommen. , Was den Umfang betrifft, so ging die Reform aus die ersten einfachen Liturgien zurück. Die namentlich im Mittelalter entstandenen Gesänge', Pijjutim genannt, ersetzte sie durch die unerreichbaren Psalmlieder, Äe in einer dem Gottesdienst angemessenen Vertonung erst ganz wieder der Gemeinde gewonnen und zu ihrem Eigentum gemacht worden sind. Auch dem Inhalt nach mußte die Reform, wollte sie einige Gebete einstigen, die das Zeitbewußtsein widerspiegeln, all das entfernen, was der gegenwärtigen religiösen Lebensauffassung widerstrebt, ebenso das, was auf keine Erneuerungrechnen darf, wie die Bitte um die Wiederherstellung des Opferdienstes. Damit schwand jede Begründung für das sogenannte Muffaphgebet, das man hinzugefügt hatte im Hinblick auf das im Tempel am Sabbat, Neumond und Festtag veranstaltete „Zugabeopser." Wenn nun unsere Kürzungen und textlichen Reinigungen wenig Widerspruch erfuhren, so erhob sich ein desto stärkerer gegen die äußere Gestaltung unseres Gottesdienstes. Das Gewohnheitsmäßige, namentlich wenn es aus Pietät geübt wird, spielt eine große Rolle, und es ist eine allgemeine Wahrnehmung, daß Gebräuche, die nur in Anschauungen wurzeln und gesetzlich kaum zu begründen find, daß solche in die Augen fallenden Bräuche am zähesten sestgehalten werden. Die Menschen beachten eben Aeußerlichkeiten mehr als das innere Wesen und die seelischen Regungen. Da war es vor allem und hauptsächlich der Gottesdienst in der Muttersprache, der die stärksten Bedenken hervorrief. Wir fragen: Hat nicht die Unkenntnis des Urtextes, zumal bei den Längen und ermüdenden Wiederholungen, zur Teilnahmslosigkeit verleitet? Wir verkennen nicht, daß früher die Synagoge der einzige Versammlungsort war, wo man sich auch gern den änderen näherte und dadurch den Gemeinsinn stärkte, aber wir überhören auch nicht die Klage, die man so oft erhob, daß das Gotteshaus ein Volkshaus geworden sei?) man kam zu spät oder ging früher fort, oder man unterhielt sich von alltäglichen Dingen. Auch uns ist und bleibt die hebräische Sprache, in der die Propheten gesprochen und die Psalmisten gesungen haben, auch uns ist sie die heilige Sprache. Wenn wir das Schema anstimmen oder das Adonaj hu haelohim zu Neila, da leuchtet vor uns unsere ganze Geschichte auf, da entflammt sich in uns das israelitische GotteSbewußtsein, wie es in keiner anderen Sprache in uns rege wird. Und so haben wir neben der Thoravorlesung das Schema, die Keduscha, das Kaddisch, den Prieftersegen und die Losungsworte der hohen Feste, also meist biblische Sätze, in der heiligen Sprache beibehalten. Sie gelten uns als die Dereinigungsmerkmale, als die Erkennungszeichen für die ganze Gottesgemeinde auf dem weiten Erdenrund, so daß jeder aus Ost und West, aus Nord und Süd auch mit uns beten kann. Auf die Masse des Hebräischen kommt es nicht an; die wenigen Sätze, die übrigens leicht zu erlernen find, stehen im rechten Verhältnis zu der Kürze unseres Gottesdienstes. : Nur dann, wenn wir mit vollem Verständnis dem Ge? meindegebet folgen können, ist uns eine innere Beteiligung ermöglicht, und auch die äußere Haltung und Ordnung wird gewahrt, wie sie der Andachtsstätte angemessen ist, So beten wir in unserer Muttersprache dasselbe Gebets das einst unsere.' Väter in der heiligen Sprache, als sie ihnen noch Muttersprache war, gebetet haben, und so beten die reformierten Gemeinden in Amerika dasselbe Gebet in englischer Sprache. Wir handeln dabei ganz im Sinne des Talmud, der hier weniger { streng ist als wir selber; er läßt es gelten, daß sogar das Schema in der Muttersprache gebetet werdet) Und vom Talmud haben wir den merkwürdigen Ausspruch: „Der Tempel der Zukunft wird erbaut werden vor der Aufrichtung des Davidischen Reiches"?) Wohlan denn, wir wagen es zu erklären: diesen Zukunftstempel haben wir erbaut, und nicht in der Erwartung des Davidischen Reiches, sondern in der Hoffnung auf das Gottesreich! So verstattet unser Gottesdienst selbst den Außenstehenden, uns kennen zu lernen und j zu erfahren, in welcher Weise sich bei uns die prophetische Verheißung erfüllt hat: „Mein Haus wird genannt werden können ein Haus der Anbetung für alle Völker." II. - Wir wenden uns der Predigt zu. Wie die erste Liturgie, so haben wir auch die erste Kanzel bei Esra zu suchen. Naturgemäß können wir zu Anfang noch nicht von einer Predigt in unserem Sinne sprechen; es war eine mehr oder weniger gelungene Schrifterklärung. Aber der jüdische Volksgeist in Palästina und später in Babylon fand an den urwüchsigen Auseinandersetzungen mehr Gefallen als ander „höchst kunstvoll angelegten und mit allem Schmücke griechischer Rhetorik gezierten" Predigt, die bei den hellenistischen Juden in Aegypten hervorgetreten war. So ging denn die Schriftauslegung ihren eigenen Weg, und eine mehr als anderthalbtausendjährige Geistesarbeit haben uns die. zahlreichen Bücher ' des Midrasch überliefert. Doch nur bedingungsweisekonnten wir sie zum Vorbild nehmen. Von ihren vier Deutungsarten entsprechen uns nur zwei: die rein sachliche Belehrung, die über den einfachen Sinn nicht hinausgeht?) nach dem Grundsatz: die Schrift redet in der Sprache der Menschen?) dann aber ist es auch die homiletische oder erbauende Darstellung. Dagegen werden wir die allegorisierende Methode nur, mit größter Vorsicht anwenden, aber vollends lehnen wir ab die mystische Deutung mit ihrer Buchstaben- und Zahlensymbolik. Emen Gipfelpunkt erreichte die Schrifterklärung in der klassischen-spänischen Zeit, als die hebräische Sprachwissenschaft, die sinngemäße Bibelexegese und die Religionsphilosophie zur Meisterschaft gediehen waren. Da wandelte sich die sprungweise Schrifterklärung zu der geschlossenen Form der Predigt, der textlich-thematischen Predigt. Wie kam es nun, daß die Predigt, als sie zu Anfang des vorigen Jahrhunderts auch in unserem Vaterlande Einlaß begehrte, so hartnäckig zurückgewiesen wurde? Der Widerstand ergab sich merkwürdigerweise aus Personenfragen. Als echt jüdische Erscheinung betrachtete man den Rabbi, der vor allem das zeremonialgesetzliche Judentum zu vertreten hatte; ihm gegenüber sah man in dem Prediger eine fremde Gestalt, eine den nichtjüdischen Kreisen nachgebildete Gestalt. Man vergaß, daß die Predigt auf unserem ureigenen Gebiet erstanden war, und daß man auch für den Prediger schon Bezeichnungen hatte: KshMth, Darschan, Maggid. Mit der Reform ward auch dem Prediger der Boden gewonnen. Was der Rabbi der Orthodoxie ist, das ist der Prediger dem neuzeitlichen Judentum. In richtiger Erkenntnis, i) Sota 32 b; Jerus., Sota 7, 1. i) 2) Jerus., Maaser scheni 5. ®) Sabbat 63a. 4) Mischna Baba mezia 2, 5. i) Sabbat 32a.